54. Jahrgang Nr. 4 / Juni 2024
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Kann man die römisch-katholische Kirche verlassen? 2. Offener Brief an die Redaktion der EINSICHT
 
Kann man die römisch-katholische Kirche verlassen?

2. Offener Brief an die Redaktion der EINSICHT


03.08.2015

Betr.: Kann die Römisch-Katholische Kirche verlassen werden?

Sehr geehrter Herr Dr. Eberhard Heller!

Ihnen recht herzlicher Dank dafür, dass Sie meinen Brief samt Ihrer Antwort abgedruckt haben. Vielleicht lässt sich unseren Bemühungen um ein gemeinsames λόγον διδόναι  nicht gerade Belangloses abgewinnen.

Vor allem jedoch: Nur unehrliche Menschen könnten Ihre Aussagen dahingehend „missverstehen“, Sie seien noch Mitglied der sog. Konzils-Kirche. Nie sind Sie es gewesen.

Nun zur Sache. Ich verstehe nicht ganz, wie Ihre Antwort den Kern meines Briefes tref-fen kann. Vielleicht ist es eine Folge aus dem Knappen an meinen Ausführungen: Brevis esse laboro, obscurus fio. Anschliessend etwas ausfühlicher:

1)    Herr Heller, Sie sind in der Römisch-Katholischen Kirche getauft worden. Ich auch. Auf diesem Weg sind wir beide zu Gliedern des mystischen Leibes Christi (= der Kirche) geworden – eine Lehre, die sich bis auf Paulus zurückführen lässt.
2)    Nun ist der mystische Leib Christi bekanntlich nicht ortsgebunden: Er ist nicht mehr oder weniger der mystische Leib Christi in Rom denn in Bolivien – oder gar auf der Tarforster Höhe bei Trier an der schönen Mosel. Und der Geist ... der Geist weht, wo er will.
3)    Was sicher ortsgebunden ist, das sind die Sukzessionen. Unter diesen ist der römischen Sukzession eine besondere Geltung zuzumessen – sofern aber und nur sofern (A⟺B) römische Sukzession und lebendige Lehrtätigkeit des jeweils aktuellen Petrus zusammenfallen.
4)    Nun zur Beziehung der wahren Kirche [A] zur sog. Konzils-Kirche [B]: Technisch betrachtet ist [B] eine Häresie, d. h. es setzt eine Irrlehre im Rahmen einer vorgegebenen Orthodoxie [A] voraus. So ist z. B. der Islam zwar eine Irrlehre, doch keine Häresie. Arianismus und Konzils-Kirche dagegen schon.
5)    Und wie ist [B] entstanden? War es das Werk von Unmündigen? Von geistig Behinderten? Von ungültig geweihten Bischöfen – also von Pseudobischöfen? Von nicht voll ausgebildeten Theologen? Von irgendwelchen obskuren Gestalten, die irgendwo und irgendwie ...? Nein, im Gegenteil: Die Verantwortungsträger für [A], d. h. die römische Sukzession, und d. h. die Römisch-Katholische Kirche hat qua Römisch-Katholische Kirche erfolgreich Selbstmord begangen – grundsätzlich einen rituellen, der seitdem ständig und überall gefeiert wird. So hat uns die Römisch-Katholische Kirche verraten und verlassen - nicht die sog. Konzils-Kirche. Denn diese kann uns weder verraten noch verlassen. Und wir können die Römisch-Katholische Kirche nicht (mehr) verlassen.
6)    Zusammenfassend also:
a.- Das Römische am Römisch-Katholischen hat eine naturgemäss menschenbedingte Existenz geführt. Es war nicht von Anfang an da. Jetzt ist es tot. Selbstverständlich ist der Tod nicht die allerletzte Grenze.
b.- Die Ruinen unserer Römisch-Katholischen Kirche sind nicht wieder aufbaufähig. Verschwände die sog. Konzils-Kirche, gänzlich und auf einmal, was hätten wir dann „zurück“? Bloss die leeren Gebäude. Ob wir darinnen auf einen Athanasius stossen würden? Auf Athanasius den Theologen und auf Athanasius den Bischof? Vor allem auf den Bischof?
c.- Unsere Eingliederung in die Kirche ist in keiner Weise Rom-gebunden.
d.- Sicher bleibt die Kirche auf ewig bestehen. Wo steht es aber fest, dass sie doch römisch sein muss? (Ohne zu vergessen, dass die Vorbedingung des Apostolischen für jedwede Sukzession uneingeschränkt gilt.)

Im übrigen scheinen Sie, Herr Heller, ziemlich sicher in der Annahme zu gehen, dass die Sukzessionen der sog. Ostkirche immer noch gültig sind – zumindest einige davon. Dann verstehe ich es noch weniger. Denn ggf. müsste der nächste Petrus (wenn überhaupt) aus der Ostkirche kommen – genau so, wie einst Petrus selbst aus dem Orient kam.

Indem ich mich auf Ihre Antwort schon freue, bin ich mit freundlichen Grüssen

Ihr

Luciano A. Cordo

***

Antwort an Herrn Luciano A. Cordo

16.  Oktober 2015
Sehr geehrter Herr Cordo,

Vielen Dank für Ihre neuerlichen Zeilen, die mir die Möglichkeit geben, den strittigen Kirchenbegriff weiter zu klären, denn auch Ihr zweiter Brief zum Thema Kirchenzugehörigkeit bedarf verschiedener Erklärungen und Korrekturen.

Wenn Sie sagen, Sie seien in der Römisch-Katholischen Kirche getauft worden, dann heißt das, Sie sind sichtbares Glied dieser (sichtbaren) Römisch-Katholischen Kirche geworden. Sie sind zwar auch Glied am mystischen Leib Christi geworden – Pius XII. hat in seiner Enzyklika „Mystici Corporis Christi“ vom 29. Juni 1943 die Lehre bekräftigt, daß die Glieder der Kirche zugleich Glieder an seinem mystischen Leib seien -, aber Sie können diese Zugehörigkeit nicht von der im sichtbaren Bereich der Kirche als Heilsinstitution trennen. Die Bedeutung und die Relevanz der Zugehörigkeit zur Römisch-Katholischen Kirche bleibt bestehen. Und solange Sie und ich und viele andere Gläubige den wahren Glauben unversehrt beibehalten, lebt diese Römisch-Katholische Kirche in uns weiter fort. Die Gliedschaft am mystischen Leibe Christi gewinne ich nur, wenn ich in einer bestimmten Kirche, bei uns in der Römisch-Katholischen Kirche, getauft wurde. Sie unterschätzen die Bedeutung der Zugehörigkeit zur (real existierenden) Kirche als Heilsinstitution. Vielleicht liegt diese Fehleinschätzung auch daran, daß wir alle seit längerem schon in einer völlig unnormalen, verwaisten Situation leben.

Ich stimme Ihnen vollkommen zu, daß die Konzils-Kirche in der Häresie untergegangen ist. Sie haben auch Recht, wenn Sie sagen, die abgefallene Amtskirche – so nenne ich einmal die sog. Konzils-Kirche - sei nicht satisfakionsfähig. Von ihrem Abfall sind wir zwar betroffen – wir sind durch den Wegfall der pastoralen Betreuung, die man von einer intakten Kirche erwarten darf, verwaist -, aber wir sind nicht heimatlos geworden. Man hat uns verlassen. Deswegen habe ich immer angemahnt, daß es die vorrangigste Pflicht der rechtgläubig gebliebenen Kleriker sei, die Restitution der Kirche als Heilsinstitution voranzutreiben... was sie n.b. nicht gemacht haben. Deswegen fallen immer mehr von diesen Klerikern in ein katholisierendes Sektierertum.

Warum aber der Islam zwar eine Irrlehre, doch keine Häresie ist, verstehe ich nicht. Mohammed gilt der Kirchengeschichte als der letzte falsche Prophet, der auch bestimmte Aussagen zur Person Jesus Christus gemacht hat: Christus sei zwar ein Prophet, aber nicht Gottes Sohn. Ähnlich argumentiert auch Arius, der ebenfalls Christi Gottes-Sohnschaft leugnet. Der eine nur ein Irrlehrer, der andere ein Häretiker?

Natürlich können auch wir unseren Glauben wie die Reformer verraten und würden auf diese Weise die Kirche verlassen, der wir bis unserem Abfall angehört haben.

Ich möchte noch etwas zur Entstehung und Ausweitung der Kirche sagen. Als Petrus und Paulus ins damalige Zentrum der Welt kamen, nach Rom, und Petrus dort seinen Bischofssitz errichtete, endete die Apostelgeschichte und es begann die Kirchengeschichte, die unter Verfolgung und schwierigsten Bedingungen langsam aufgebaut wurde, um Christi Missionsauftrag durchzuführen, ihn zu erfüllen. Ich skizziere diese Ausführungen nur ganz verkürzt. Neben Petrus, dem die Oberleitung der Kirche von Christus aufgetragen worden war, entstanden weitere Zentren, die von den anderen Aposteln aufgebaut wurden, von denen dann die Evangelisierung ausging. Die christlichen Zentren benötigten Verwaltungen zur Durchführung des Missionsauftrages. So entstanden neben dem Patriarchat von Rom, welches das westliche Abendland (Okzident) verwaltete, die Patriarchate von Alexandrien, Antiochien, u.a. auch Konstantinopel, welches auf dem dortigen Konzil im Jahre 381 den ersten Rang neben Rom erhielt: die Betreuung des Orients. In der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts kodifizierte Kaiser Justinian die fünf Patriarchate, die auf dem 4. Laterankonzil 1215 bestätigt wurden:

- das Patriarchat für das Abendland, gegründet durch die Apostel Petrus und Paulus
- das Patriarchat Konstantinopel, gegründet durch den Apostel Andreas
- das Patriarchat Alexandrien, gegründet durch den Evangelisten Joh. Markus
- das Patriarchat Antiochien, gegründet durch Petrus
- das Patriarchat Jerusalem, gegründet durch alle Apostel.

Von diesen Patriarchaten wurden dann bis in die Neuzeit durch die Erschließung weiterer Missionsgebiete auch weitere kirchliche Zentren (Diözesen) aufgebaut.
Diese Gründungen haben zwar einen historischen Hintergrund, auch der der römischen Kirche, die auf Petrus und Paulus zurückgeht. Aber es ist
1.    aus heilsgeschichtlichen Gründen relevant, daß beide Apostel ins Zentrum der damaligen heidnischen Welt, nach Rom, gingen
2.    und es providentiell, daß Petrus seinen Bischofssitz dort errichtet hat. Das „Römische“ ist deshalb für die Existenz der Kirche konstitutiv, weil sich die Kirche objektiv manifestieren muß: Sie hat Rom gewählt. Der Papst ist nur Papst, weil er der Bischof von Rom ist. Und als solcher müßte er auch gewählt werden.
Aus dem Grund ist Ihre Idee, der „nächste Petrus“ könnte auch aus der Ostkirche kommen, nicht hilfreich. Diese könnte per se nicht den Bischof von Rom wählen – die normalen Wählmänner in neuerer Zeit, die Kardinäle sind deshalb in die Diözese Rom inkorporiert und haben dort ihre Titelkirchen -, weil sie nicht zur Diözese Roms gehört, zum anderen, weil sie sich im Schisma befindet. Eine Re-Integration in die römische Kirche, vielleicht auch eine Inkorporation in den römischen Klerus, ist z. Zt. nicht durchführbar und zwar aus folgendem Grund. Die  Re-Integration könnte bei einem einfachen Gläubigen ein Ortspfarrer, ein Priester mit juristischen Vollmachten, vollziehen, diesen Akt könnte für einen Priester ein Bischof und für einen Bischof der Papst durchführen. Ich brauche unsere Situation nicht zu schildern, um Ihnen zu zeigen, daß für eine solche Aktion heute alle Voraussetzungen fehlen. Wenn Sie wollen, können Sie meinen Offenen Brief an Bischof Pivarunas zum Fall Yurchyk lesen (vgl. EINSICHT Nr. 9 vom Nov. 2004).

In der Hoffnung, damit Ihre Fragen beantwortet zu haben, verbleibe ich mit
freundlichen Grüßen

Eberhard Heller
 
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