48. Jahrgang Nr. 3 / August 2018
Datenschutzerklärung | Zum Archiv | Suche




1. Gebet in der Dämmerung
2. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben
3. Das Kreuz mit dem Kreuz
4. Auf dem Weg zur Unterwerfung
5. Nachlese...
6. Mittel gegen den Zorn
7. Der Sauerteig der Welt
8. Die Hoffnung, niemals tiefer fallen zu können, als in Gottes Hand
9. Die bunte Gesellschaft ist vorgezeichnet
10. Leserbriefe
11. Buchbesprechungen:
12. Nachricht:
13. Mitteilungen der Redaktion
Sein Bestes tun
 
Sein Bestes tun

von

Leon Bloy

Zum Glück gibt es diesen Ausweg: sein Bestes tun. Es ist die Zufluchtsstätte, die Rettungsinsel und der Regenschirm des Gewissens, wenn ich mich so ausdrücken darf. Wenn man gar nichts tun kann, tut man sein Bestes, unbestreitbar. Mögen Widerspruchsgeister behaupten, auch in diesem Fall wie in so vielen anderen sei das Bessere der Feind des Guten, so kann doch mit nicht geringerem Recht behauptet werden, daß das Gewissen des anständigen Menschen in der Ruhe und Untätigkeit weitaus besser geschützt ist als inmitten von Kampf und Getümmel.

Wer klug jede unnütze Gefährdung meidet, bei der kein handgreiflicher Gewinn in Aussicht steht, alles Schwierige umgeht und es andern überläßt, damit fertig zu werden; ja, sich heimlich auf des Gegners Seite schlägt, falls dort größere und bestimmtere Vorteile winken, von dem kann man wahrlich sagen, er tue sein Bestes. Jede andere Taktik ist riskant und folglich töricht.

Der anständige Mensch darf sich nie bloßstellen, und sehr zu Unrecht hat man Pilatus, den anständigen Menschen per excellence, angeschwärzt, da er doch sein Bestes tat und sich die Hände wusch - wie der Priester vor dem Meßopfer. „Lavabo inter innocentes manus mea“, ich werde mir mit den Schuldlosen die Hände waschen.

Pilatus war der große römische Bürger, als die Römer die Herren der Welt waren. Anatole, Mitglied der Akademie und Liebling des Bürgers, ist durchaus der rechte Mann, den Ruf dieses Vielverkannten wiederherzustellen. Er würde uns zweifellos mit der ihm eigenen niederschmetternden Autorität und auf Grund seiner persönlichen Erfahrung empfehlen, nach dem Vorbild der schönen lakonischen Kürze der Römer nicht sein Bestes tun oder machen zu sagen, sondern einfach nur machen. Es würde stärker klingen und eindeutiger sein!

(aus Leon Bloy: "Exégèse des Lieux communs")
 
(c) 2004-2018 brainsquad.de