47. Jahrgang Nr. 3 / August 2017
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1. Warum wir kämpfen!
2. DER HL. BERNHARD UND DER ZWEITE KREUZZUG
3. Das Schleifen der letzten Bastionen
4. Düstere Schatten - und strahlendes Licht…
5. Der Abfall vom Christentum - eine Auseinandersetzung mit Donoso Cortes -
6. Mord auf Bestellung im Dienst der Religion
7. Die „Homo-Ehe“
8. Zeitschriftenkritik:
9. Nachrichten, Nachrichten, Nachrichten...
10. Leserbrief
11. Mitteilungen der Redaktion
Mord auf Bestellung im Dienst der Religion
 
Mord auf Bestellung im Dienst der Religion

von
Magdalena S. Gmehling


Angesichts der Gewalttaten der muslimischen Terrorgruppe IS (Islamischer Staat), der ausufernden Gräuel und der Aggressionen jugendlicher Pseudo-Idealisten, lohnt es sich, einen Blick auf historisch verbürgte Verbrechen der sogenannten Mödersekte der Assassinen zu werfen. Dem Kundigen drängt sich der Eindruck auf, dass die gegenwärtigen Grausamkeiten sehr wohl eine Entsprechung im frühen Islam haben. Im Englischen lautet die Bezeichnung für Raubmörder assassìn. Die Italiener bezeichnen den Meuchelmord als assassinamento und auch die Franzosen sprechen von assassiner, wenn sie eine hinterrücks geplante und kaltblütig ausgeführte einschlägige Freveltat bezeichnen wollen.

Über die Kreuzritter, denen der arabische Begriff völlig fremd war, kam das Wort in einer Art Verballhornung in den Westen. Erst 1809 gelang es Silvestre de Sacy mit Hilfe arabischer Quellen nachzuweisen, dass „assassin“ mit dem arabischen Haschisch verwandt ist. Er und weitere Historiker beschäftigten sich mit einer radikalen Gruppe der Ismaeliten, die sich von den Schiiten abgesondert hatte und sich in Mustalawis (Ägypten) und Nizaris (Iran/Syrien) spaltete. Die Nizaris identifizierte man als die haschischijin oder Haschischleute (Assassinen). Es handelt sich um einen Geheimbund mit ordensähnlichem Aufbau, der im ausgehenden 11. Jahrhundert von Hasan i Sabbah (Regierungszeit 1090-1124) gegründet wurde. Über 150 Jahre lang verbreitete die straff organisierte Vereinigung durch unzählige Mordanschläge Angst und Schrecken. Sie agierte im Libanon, in Persien und Indien. Bedeutende Orientalisten wie Joseph von Hammer-Purgstall (Wien) und Autoren wie Marshall Hodgson und Rudolf Gelpke beschäftigten sich mit dem Mörderorden. Einen detaillierten Bericht verdanken wir auch Marco Polo. 1) In neuester Zeit hat Bruno Meck eine umfangreiche Recherche vorgelegt. 2)

Der „Wissende im Adlernest“, in der sagenumwobenen Festung Alamut, verstand sich als eiserner Diktator, dem blinder Gehorsam geschuldet wurde. Als geheimnisvoller „Alter vom Berge“ hielt er durch ein ausgeklügeltes Netz an Informanten die Fäden der ganzen Welt in Händen. Hasan i Sabbah stammte aus Ghom, der heiligen Stadt der Schiiten, wie übrigens auch der Ayatollah Khomeini, der etwa 900 Jahre später dort die Islam-Hochschule besuchte. Gottesstaat und Weltherrschaft - es scheint als hätte sich an dieser Zielsetzung nichts geändert. Beide Führer haben nachhaltig in das politische und religiöse Geschehen ihrer Zeit eingegriffen. Hasan i Sabbah wurde wohl um das Jahr 1040 geboren. Er war zum Glaubensbekenntnis der Isamaeliten  übergetreten, die er als „gottesfürchtige und enthaltsame Leute“ pries und wurde in ihre Esoterik eingeweiht. Nach langen Wanderungen etwa im Alter von 50 Jahren zog er sich mit seinen Anhängern auf die Festung Alamut am Südrand des Kaspischen Meeres zurück. Bis zu seinem Tode 1124 hat er den sicheren Hort im Elbursgebirge nicht mehr verlassen. „Seine  hervorragendste Leistung … bestand im Aufbau eines Ordens, … den er zu politischen Zwecken verwendete, und zwar gegen die abbassidischen Kalifen von Bagdad, deren Rechtmäßikeit er bestritt, und im besonderen gegen ihre seldschukischen Herren, deren Macht den Fortbestand des Kalifats ermöglichte.“ 3)

Die Technik der „Initiation“ beziehungsweise der „Gehirnwäsche“ war, wenn wir Marco Polo glauben wollen, ebenso einfach wie genial. Man rekrutierte zehn bis zwölf junge Männer, welche kriegerische Fähigkeiten zeigten, aus den umliegenden Gebirgen und schläferte sie durch Drogen ein.

Der Meister hatte zwischen den Bergen einen herrlichen Garten anlegen lassen. Köstliche Früchte, üppige Pflanzen, goldene Schilder und Paläste auf verschiedenen Terrassen, boten dem Auge lustvolle Anblicke. Schöne, leicht gekleidete Mädchen und wollüstige Knaben sprangen herum. Musik und Gesang, Freude und Kurzweil, sinnliche Genüsse jeglicher Art erweckten den Eindruck des Paradieses. Dorthin brachte man die Berauschten vier oder fünf Tage. Wieder wurden sie in tiefen Schlaf versetzt, weggeholt und vor den Herrscher geführt. Auf dessen Frage, wo sie gewesen seien, antworteten die Jünglinge ihrem Empfinden gemäß: im Paradiese. Nun wandte sich der Herrscher an sie und sprach: „Wir haben die Versicherung unseres Propheten, dass der, welcher seinen Herrn verteidigt, in das Paradies kommen wird, und wenn ihr treu meinem Gebot nachkommt und gehorsam meinen Befehlen seid, so wartet euer dieses glückliche Los“ (zitiert nach Meck).

Begeistert setzten die jungen Leute ihr Leben aufs Spiel. In unbedingtem Gehorsam töteten sie. Keiner der sich die Feindschaft des Alten vom Berge zuzog, wurde verschont. Die sich Aufopfernden (Fedaijjun) erfuhren als Lohn die Paradiesfreuden mit Hilfe des Haschischgenusses. Die Organisation operierte unter dem Schleier strengster Religiosität und Frömmigkeit. Dais oder Werber banden die Aspiranten an sich und versprachen eine stufenweise Initiation. Es ist wahrscheinlich, dass eine große Zahl von Assassinen dazu gar keine Gelegenheit erhielt. Die Weißen und die Roten (benannt nach ihrer Kleidung) hatten die schmutzige Arbeit, das Töten, zu erledigen. Mit (vergifteten) Dolchen bewaffnet, waren sie nicht nur die Leibwache des Großmeisters, sondern auch die Vollstrecker seiner Mordbefehle. Selbst zwei eigene Söhne ließ Hasan aus nichtigen Gründen hinrichten.

Eine grausige Begebenheit mag die Unbedingtheit des Kadavergehorsams erhellen. Als eines Tages ein Gesandter des Seldschukensultans Melikschah zu Hasan i Sabbah  mit einer Unterwerfungs- und Tributforderung kam, winkte der Herr auf Alamut seinen weißgekleideten Leibwächter und befahl: Töte dich selbst! Der junge Mann stieß sich sofort den Dolch ins Herz. Daraufhin erteilte der Gebieter einem zweiten Leibwächter den gleichen Befehl. Ohne einen Augenblick zu zögern setzte auch dieser seinem Leben ein Ende, indem er sich von der Höhe der Burg in die Tiefe stürzte. Dem Gast schlotterten die Knie, als ihm Hasan versicherte, er habe noch viele Verächter des Todes. Schleunigst suchte er das Weite.

Auf Alamut regierten während der 150-jährigen Geschichte der Assasinen acht Herrscher:
Hasan i Sabbah (1090-1124)
Buzurgummid (1124- 1138)
Mohammed I. (1138-1162)
Hasan II. (1162-1166)
Mohammed II.(1166-1210)
Hasan III.(1210-1221)
Mohammed III. (1221-1255)
Khwurschah (1255-1256)

Außer Alamut gab es 60 weitere von den Assassinen eroberte Burgen. Sie erstreckten sich nach Südosten über mehr als 1000 km Luftlinie bis Quistan und nach Südwesten bis Baniyas an den Jodanquellen. Alle befanden sich auf dem Stand der neuesten Technik, ihre Bewohner waren bis an die Zähne bewaffnet. Wurfmaschinen für Eisenpfeile gehörten zur Standartausrüstung. Leuchtkörper wurden gezündet, um Unruhe in den Reihen der Belagerer zu stiften. Riesige teilweise in das Felsgestein gehauene Vorratskammern und eine ausgeklügelte Wasserversorgung sicherten das Überleben. Jeder Burgherr befolgte bedingungslos die Befehle Hasans, der sich so Stützpunkte, Propagandazellen und Nachrichtennetze schuf. Der Ruf des Unheimlichen und Brutalen ging den Assassinen voraus. Die psychologische Kriegsführung funktionierte. Terrororganisationen sind keine Erfindung unserer Tage. Die entsetzlichen Selbstmordkommandos des 21. Jahrhunderts haben uralte Tradition. Um das Treiben der Assassinen zu beleuchten sei hier an deren  blutige Taten in den Mordhäusern von Isfahan erinnert als der Seldschukensultan Barkiyaruk abgezogen war. Es wird berichtet eine Bettlerin sei einem schrecklichen Stöhnen gefolgt und habe schließlich folgende Entdeckung gemacht: „In dem riesigen, dunklen, nur von Fackeln erleuchteten Kellergewölbe lagen halbverweste Leichen. Einige Körper waren an den Wänden festgenagelt, andere an der Decke aufgehängt und alle wiesen grässliche Verstümmelungen auf. Auch das jüngste Opfer, das vor ihren Füßen lag, war zu Tode gefoltert worden. Die Bettlerin kannte nun den Grund des schrecklichen Stöhnens.“ 4)

Es konnte nicht ausbleiben, dass Nachrichten über die Assassinen durch heimkehrende Kreuzfahrer in das Abendland gelangten. Hartnäckig hielt sich das Gerücht der englische König Richard (Löwenherz) trachte dem König Philipp August von Frankreich mit Hilfe des Alten vom Berge nach dem Leben. Als am 29. April 1192 zwei als „Mönche“ getarnte Assassinen den Graf von Montferrat, Konrad, ermordeten, fiel wieder der Name des Engländers als Auftraggeber. Belegt ist ferner ein misslungenes Attentat der unheimlichen Sektenbrüder auf Kaiser Friedrich Barbarossa. Selbst Kaiser Friedrich II. fühlte sich durch die Haschiyun bedroht.

Die Entmachtung der Meuchelmördersekte sollte schließlich durch einen weit entfernten Gegner stattfinden. Im Jahre 1167 wurde im nordöstlichen Asien ein Knabe geboren, den man Temudschin nannte. Bekannt wurde der Mongole unter dem Namen Dschingis-Khan (der Starke). Religiöse Duldsamkeit, aber auch Grausamkeit und Machtgier kennzeichnen den Begründer des mongolischen Großreiches, das vom Stillen Ozean bis zum Schwarzen Meer reichte. Seinem Enkel Hulagu, Ilkhan von Persien, wurde der Befehl erteilt, Bagdad zu erobern und das Kalifat zu vernichten. Hulagus erstes Ziel war das Hauptquartier der Assassinen. Sie hatten durch die Ermordung Dschagatais (zweiter Sohn des Dschingis-Khan) die Mongolen besonders gereizt. Rukn ed-Din Khwurschah, der letzte Großmeister der Sekte, eine perverse Jammergestalt, versuchte vergeblich, durch Intrigen und diplomatische Ablenkungsmanöver die Gefahr abzuwenden. Hulagu rückte in die Täler der Assassinen ein und erschien mit einem riesigen Heer vor Alamut. Nach einigen Tagen wurde die Festung im Sturm genommen. Am 19. November 1256 kapitulierte der „Alte vom Berg“ bedingungslos und begab sich in Gefangenschaft  nachdem er dem Eroberer Unmengen von Gold und Kostbarkeiten zu Füßen legte. Nach vier Tagen hatten die Mongolen auch den Burgturm erobert und hackten die letzten Widerständler in Stücke. Bekannt ist die Vernichtung eines großen Teiles der Bibliothek, in der die Assassinen wertvolle Werke über Philosophie und okkulte Wissenschaften zusammengetragen hatten. Gleichzeitig wurde in der Stadt Medina durch eine vom Blitz ausgelöste Feuersbrunst die größte Sammlung der orthodoxen muselmanischen Philosophie vernichtet. „Große Augen machten die mongolischen Krieger, als sie die unterirdischen, in den Fels gehauenen riesigen Magazine entdeckten, in denen große Mengen Korn lagerten. In mehrere Meter tiefen Becken fanden sie Wein und Honig. Im Honig ertrank … einer von ihnen! Wie in den anderen Burgen wurden auch hier reiche Schätze an Gold, Silber und Edelsteinen sowie Waffenlager entdeckt. Dann gingen die Gebäude in Flammen auf, und anschließend schleiften die Mongolen die rauchgeschwärzten Mauern und Befestigungsanlagen.“ 5)

Damit war die Macht der Mördersekte im persischen Raum gebrochen. Hulagu hatte Khwurschah beauftragt, den syrischen Zweig des Ordens zur Kapitulation aufzufordern. Man gehorchte aber den Befehlen des Entmachteten nicht. Den letzten „Alten vom Berge“ erschlugen schließlich zwei Mongolen. Die Ismaeliten fielen grausamer Verfolgung anheim. Bagdad fiel 1258. Mustasim, der letzte Kalif, wurde von Pferdehufen zerstampft.
Der Versuch den syrischen Zweig der Assassinen zu vernichten misslang. Hulagu musste aus Familiengründen in die Mongolei zurückkehren. Schließlich schüchterte der Mamelucke Baibars ein eiskalter und furchtloser Mann, die Sekte ein. Er fürchtete ihre Dolche nicht, kassierte die Geschenke, welche christliche wie mohammedanische Fürsten für die Assassinen schickten, und brachte 1277 die letzten ihrer Burgen in seinen Besitz.
Versprengte Reste der terroristischen Vereinigung erledigten noch eine gewisse Zeit gegen entsprechende Bezahlung Mordaufträge für christliche und muselmanische Herrscher. Die Sekten der Drusen und Nusairier, die heute in Syrien und im Libanon agieren, sind ismaelitischen Ursprungs.

Anmerkungen:
1) Die Reisen des Venezianers Marco Polo: bearbeitet und herausgegeben v. Dr. Hans Lemke, Gutenberg-Verlag 1908
2) Bruno Meck: Die Assassinen. Die Mördersekte der Haschischesser. Econ 1981.
3) Sven Runciman: Geschichte der Kreuzzüge.C.H. Beck München 1960. S. 428
4) Bruno Meck: a.a.O. s. 229
5) Bruno Meck. a.a. O. S. 321

Weiterführende Literatur:
René Grousset: Die Steppenvölker. Attila-Dschingis-Khan-Tamerlan. Magnus Kulturgeschichte. Essen 1975
 
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