52. Jahrgang Nr. 3 / Juni 2022
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1. Das Pfingstfest
2. Das Pfingstfest heute
3. Psalm für einen Sonnenstrahl
4. Der bösen Macht auf der Spur
5. Abbas Agathon...
6. Glasgow - statt Rettung der Welt, weiter in die Öko-Diktatur
7. Häutungen
8. Der Kölner Muezzinruf und der „Sieg über die Ungläubigen“
9. Zum 80. Geburtstag von Dr. Eberhard Heller
10. „Jetzt und in der Stunde unseres Todes“
11. Nachrichten, Nachrichten, Nachrichten...
12. Mitteilungen der Redaktion
Das Pfingstfest heute
 
Das Pfingstfest heute –
Entlassung in die geistige Selbständigkeit


von
Eberhard Heller

An Pfingsten feiert die Kirche die Niederkunft des H. Geistes, den Christus den Aposteln angekündigt hatte, und zugleich ihren Geburtstag. D. h. nachdem Christus in den Himmel aufgefahren war (40 Tage nach dem österlichen Triumph), waren die Jünger und Apostel alleine gelassen, ohne ihren „Meister“. Doch Christus wollte sie nicht als Waisen zurücklassen, sondern ihnen den Tröster schicken, der ihnen beistehen sollte. „Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch. (Joh 14,16-18)

 „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28, 20) „Jetzt aber gehe ich zu dem, der mich gesandt hat, und keiner von euch fragt mich: Wohin gehst du? Vielmehr ist euer Herz von Trauer erfüllt, weil ich euch das gesagt habe. Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden.(…) Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird sagen, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird. Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden. (Joh.16,5-7, 13f.)

Am Pfingstfest traten die Apostel zum ersten Mal öffentlich auf und begannen, die Aufgaben zu erfüllen, die Christus ihnen aufgetragen hatte. „Dann sagte er zu ihnen: Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen! Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.“ (Mk 16, 15 f.) Sie mußten sich als Kirche (ecclesia) konstituieren, die weltweit operieren sollte, um den Missionsauftrag Christi durchzuführen. „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu halten, was ich euch befohlen habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ (Mt. 28, 18-20) Beim gemeinsamen Mahl hatte Christus den Aposteln geboten: „Geht nicht weg von Jerusalem, sondern wartet auf die Verheißung des Vaters, die ihr von mir vernommen habt. Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft. (…) Aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.“ (Apg 1, 4 -5,8)

Und dann kam der Pfingsttag. Die Apostelgeschichte, Kap. 2 schildert das Geschehen. „Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort (im Abendmahl-saal). Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden?“ (Apg 2,1-6) Und dann hielt Petrus seine erste öffentliche Predigt, in der er über die Heilstaten Gottes redete.“ Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder? Petrus antwortete ihnen: Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung seiner Sünden; dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.. Denn euch und euren Kindern gilt die Verheißung und all denen in der Ferne, die der Herr, unser Gott, herbeirufen wird.“ (Apg 2,37-39)

Wie schildert nun die Seherin Anna Katharina Emmerich das Pfingstgeschehen in ihren Visionen? Das ganze Innere des Abendmahlssaales war am Vorabend des Festes mit grünen Bäumen geschmückt, in deren Zweige Gefäße mit Blumen gestellt wurden. Grüne Gewinde liefen von einer Seite des Saales zur andern. Die Stellwände gegen die Seitenhallen und die Vorhalle waren geöffnet; nur das äußere Hoftor war geschlossen. Petrus im Bischofsmantel stand vor dem Vorhang zum Allerheiligsten unter der Lampe an einem rot und weiß gedeckten Tisch, auf dem Rollen lagen; ihm gegenüber unter dem Eingang aus der Vorhalle die Heiligste Jungfrau mit verschleiertem Angesicht und hinter ihr in der Vorhalle die heiligen Frauen. Die Apostel standen in zwei Reihen den beiden Seiten des Saales entlang nach Petrus hingewendet, und aus den Seitenhallen herein nahmen hinter den Aposteln stehend die Jünger am Chorgesang und Gebet teil. Als Petrus die von ihm gesegneten Brote brach und austeilte, zuerst an die Heiligste Jungfrau und die herantretenden Apostel und Jünger, küßten sie ihm die Hand, und auch die Heiligste Jungfrau tat es. Es waren außer den heiligen Frauen ihrer hundertzwanzig im Abendmahlshause und den Umgängen versammelt.   

Nach Mitternacht entstand eine wunderbare Bewegung in der ganzen Natur, die allen Anwesenden sich mitteilte, welche an den Pfeilern des Saales und in den Seitenhallen in tiefer Innigkeit, mit über der Brust gekreuzten Armen still betend umher standen. Ruhe breitete sich über das Haus, und in seinem ganzen Umfang herrschte lautlose Stille.   

Gegen Morgen sah ich über den ÖIberg eine silberweiß glänzende Lichtwolke vom Himmel herab in sinkender Richtung dem Hause sich nähern. In der ersten Ferne sah ich sie wie eine runde Kugel, deren Bewegung ein süßer warmer Windstrom begleitete. Näherkommend wurde sie größer und zog wie eine leuchtende Nebelmasse über die Stadt, bis sie über Sion und dem Abendmahlshause, sich immer dichter zusammenziehend und stets durchsichtiger leuchtend, still stand und mit steigendem Windesbrausen gleich einer tief hängenden Gewitterwolke sich niedersenkte. Bei diesem Brausen sah ich viele Juden, welche die Wolke wahrnahmen, erschreckt nach dem Tempel eilen; und ich selber kam in eine kindische Angst, wohin ich mich verbergen könnte, wenn der Schlag erfolgen würde; denn das ganze hatte Ähnlichkeit mit einem schnell heranziehenden Gewitter, das statt von der Erde herauf vom Himmel herab, statt dunkel ganz licht, statt donnernd sausend heranzieht. Diese sausende Bewegung fühlte sich wie tief erquickender warmer Luftstrom an.   

Als die Lichtwolke ganz nieder über das Abendmahlshaus herabhing und mit steigendem Sausen immer leuchtender wurde, sah ich auch das Haus und seine Umgebung immer heller, und die Apostel, Jünger und Frauen immer stiller und inniger werden. Gegen drei Uhr morgens vor Sonnenaufgang aber ließen sich plötzlich aus der sausenden Wolke weiße Lichtströme auf das Haus und seine Umgebung nieder, die sich siebenfach durchkreuzten und unter der Durchkreuzung in feinere Strahlen und feurige Tropfen sich auflösten. Der Punkt, wo die sieben Lichtströme sich durchschnitten, war mit Regenbogenlicht umgeben, in welchem eine leuchtende, schwebende Gestalt erschien, mit unter den Schultern ausgebreiteten Flügeln oder flügelähnlichen Strahlen. In diesem Augenblick war das ganze Haus und sein Umfang durch und durch mit Licht erfüllt. Die fünfarmige Lampe leuchtete nicht mehr. Die Versammelten waren entzückt, richteten unwillkürlich ihr Antlitz dürstend in die Höhe, und in den Mund eines jeden ergossen sich Lichtströme wie lodernde Flammenzungen. Es war, als atmeten, als tranken sie das Feuer dürstend in sich und als lodere ihre Begierde aus dem Munde diesen Flammen entgegen. Auch auf die Jünger und anwesenden Frauen im Vorgemach ergoß sich dieses heilige Feuer; und so löste sich die Glanzwolke wie in verschiedener Stärke und Färbung.   

Nach dem Ergusse herrschte freudige Kühnheit in der Versammlung. Alle waren bewegt und wie mit Freude und Zuversicht berauscht. Sie traten um die Heiligste Jungfrau, die ich allein ganz ruhig und wie immer in stiller heiliger Fassung sah. Die Apostel umarmten sich untereinander und von freudiger Kühnheit zu reden durchdrungen, riefen sie sich zu: "Wie waren wir, was ist aus uns geworden?" Auch die heiligen Frauen umarmten sich. Die Jünger in den Umgängen waren ebenso bewegt, und die Apostel eilten auch zu ihnen. In allen war ein neues Leben voll Freude, Zuversicht und Kühnheit. Ihre Freudigkeit ging nun in Danksagung über, sie traten in die Betordnung zusammen, dankten und lobsangen Gott in großer Bewegung. Indessen verschwand das Licht. Petrus hielt nun eine Rede an die Jünger und sendete mehrere hinaus nach den Herbergen der ihnen anhängenden Pfingstgäste.“

(aus: "Das arme Leben unseres Herrn Jesu Christi" nach den Gesichten der gottseligen Anna Katharina Emmerich, Augustinerin des Klosters Agnetenberg zu Dülmen, Aschaffenburg (Pattloch) 1971, S. 550 ff.)

Ab dem Pfingstfest, das 50 Tage nach der Auferstehung begangen wird, sprechen wir von der „Geschichte der Kirche“. „Sie aber zogen aus und predigten überall. Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte die Verkündigung durch die Zeichen, die er geschehen ließ.“  (Mk 16, 20) Wenn man sieht, wie schwierig es ist, sich als Diaspora-Gemeinde aufzubauen und zu behaupten, kann man vielleicht erahnen, welche immense Arbeit sich da für die Apostel auftat.

Was hatte sich nun durch die Himmelfahrt Christi für sie und die Jünger ergeben, und dann durch die Herabkunft des Hl. Geistes? Sie konnten sich nicht mehr auf die Anordnungen ihres „Meisters“ verlassen, denn er war nicht mehr präsent, er war „ihren Augen entschwunden“. Hatte Christus nicht zu ihnen gesagt: „Ihr nennt mich Meister und Herr, und das mit Recht, denn ich bin es.“ (Joh 13,13) Also das unmittelbare Bauen auf Christus, der sie bis dahin geführt hatte, entfiel. Sie mußten sich nun auf ihre eigenen Entscheidungen verlassen und Entscheidungen treffen, die ihrem missionarischer Auftrag entsprachen.

Sie waren gleichsam aus dem Modus von Betreuten in die Situation versetzt, selbst zu betreuen. Sie mußten selbständig und eigenverantwortlich handeln für sich und andere, d.h. für Personen, die sie zur Wahrheit des Evangeliums führten und begannen, die Bekehrten in Gemeinden zusammenzufassen. Sie waren in die Eigenständigkeit entlassen. Aus dem unmittelbaren Vertrauensverhältnis zu dem real agierenden Gottessohnes entrissen, waren sie nun gezwungen, eigenverantwortlich zu handeln. Dabei waren sie gezwungen bzw. mußten sie ihren Missionsauftrag im Auge behalten, der eine unglaubliche Programmatik beinhaltete: die Bekehrung der Menschen  „bis an die Grenzen der Erde“.

Doch um diesen Auftrag zu erfüllen, hat ja Christus in der Form des Hl. Geistes Unterstützung angekündigt: den Hl. Geist, „der euch alles sagen wird.“ Es war der Geist der Wahrheit, der die Apostel alles „lehren“ würde. Diese unmittelbare Präsenz des Hl. Geistes war auch der Garant für ihre Mission: „Alle wurden von Furcht ergriffen; denn durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen. Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam“ (Apg. 2,43 f.)

Wir haben heute eine teilweise vergleichsweise Situation: wir sind auch durch den Abfall der Kirche verlassen worden. Wir sind Waisen, wir Diaspora-Christen. Die meisten stehen „in der Vereinzelung“ alleine gegen eine Wand des Unglaubens, gegen eine gottlose Welt, gegen eine Wand des Schweigens. Wir sind von einer Institution getrennt worden, die uns das Heil zugesichert hatte, 2000 Jahre lang, um nun in eine Situation versetzt zu werden, der auch wir zunächst einmal hilflos ausgeliefert sind, weil wir durch sie Betreuung erfahren hatten, d.h. wir waren aufgehoben in einer Kirche, deren Grundlage durch den Glauben gesichert war. Aus dieser Position heraus gestaltete sie das Leben der Gläubigen oder präsentierte ihnen ihre Heilsangebote.

Wir sind also nun wieder auf die Unterstützung gerade durch den Hl. Geist angewiesen, der uns lehren soll, wie wir unser Leben gegen alle die modernen Widerstände zur vollen Entfaltung führen können. Darum müssen und können wir unser Vertrauen auf den Hl. Geist setzen - ähnlich wie die Apostel bei der Gründung der Kirche -, der uns mit seinen sieben Gaben wirksame Instrumente an die Hand gegeben hat:

Weisheit und Verstand, Rat und Stärke, Wissenschaft und Frömmigkeit und die Furcht des Herrn, also Instrumente des Erkennens. All diese Gaben sind Appelle zur Eigenverantwortung, um zur klaren Erkenntnis zu gelangen und aus dieser Klarheit auch unser Handeln zu bestimmen.
Ich werde einmal versuchen, diese Gaben zu erläutern.
- Weisheit: sie stellt eine Beziehung her zum Wissen auf die entsprechende praktische Umsetzung, wobei das Wissen als den Prozeß leitend durchscheinen muß. Daraus ergibt sich dann ein weises Handeln.
- Verstand: durch logische Verknüpfungen zum Wissen zu gelangen, das in der Wahrheitsfindung endet.
- Rat: bei der Bewältigung der gestellten Aufgaben sich auf die Erkenntnisse der Urteilskraft zu verlassen und diese eventuell an andere Personen weiterzugeben.
- Stärke: Das eigene Wissen, um deren Wahrheit und Gültigkeit ich weiß. Beharrlichkeit in der Umsetzung der gesteckten Ziele, in der Überzeugung, die Wahrheit zu vertreten.
- Wissenschaft: ist die Aufgabe, via Reflexion die Realität systematische zu durchdringen, um zu erkennen und um das so gewonnene Wissen auf die Realität wieder anzuwenden.
- Frömmigkeit: bedeutet zum einen, den offenbarten Wahrheiten zu vertrauen, deren Annahme verbindlich ist, woraus dann ein Leben in Gottes Geborgenheit hervorgehen kann. Ein frommer Mann ist der, der sich dem Willen Gottes ergeben hingibt.
- Furcht des Herrn: gemeint ist nicht eine blinde Furcht vor etwas, das ich nicht kenne, sondern die Ehrfurcht vor Gottes Allmacht und das demütige Eingestehen, daß ich auf Gottes Gnade absolut angewiesen bin. Die Ehrfurcht ist mit der Demut eng verbunden.

Die sieben Gaben des Hl. Geistes dienen also der reflektierten, vernünftigen Gestaltung meines religiösen Lebens und wollen auch bei der allgemeinen Lebensgestaltung dienlich sein.
Und das sind die Früchte des Hl. Geistes: es sind Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung; dem allem widerspricht das Gesetz nicht.

Es zeigt sich also, daß das religiöse Leben nicht gezeichnet wird durch ein besonders gefühlvolles Leben, sondern durch klare Erkenntnisse, die uns ergreifen im Lichte der Wahrheit. So können wir in diesem Sinne die Feier des Pfingstfeste sehen als eine Wiedergeburt des Glauben oder als seine Bestärkung.

 
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