52. Jahrgang Nr. 2 / April 2022
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1. Ostern
2. Salus ex Judaeis est.
3. Abrahams Opfer und das Opfer Christi
4. Psalm über die Forderung nach Liebe
5. Die Rettung der Welt als letzte Hoffnung?
6. Radikale Pro-Abtreibungs-Agenda
7. Leserbrief - Abtreibung
8. Not lehrt beten
9. Zum Muezzinruf in Köln
10. Der stumme Imam
11. Unsere Gesellschaft ist krank
12. Buchbesprechung
13. Nachrichten, Nachrichten, Nachrichten...
14. Mitteilungen der Redaktion
Salus ex Judaeis est.
 
Salus ex Judaeis est.
Das Heil kommt von den Juden. (Joh 4,22)

von
Leon Bloy

Einleitung

Die Fasten- und Passionszeit ist der liturgische Zyklus, in dem besonders des Leidens und Sterbens Jesu Christi gedacht wird, der durch seinen Sühnetod am Kreuz uns von unserer Sündenschuld freigekauft hat und wir aufgerufen sind, in Demut dieses Opfer anzunehmen, um so dessen Früchte zu empfangen.

Doch wie kam es dazu, daß der Schuldlose schuldig gesprochen wurde durch den Hohen Priester jenes Volkes, das Gott im Bund mit Abraham mit Privilegien ausgestattet hatte und es ausersehen hatte, aus ihm den Messias hervorgehen zu lassen. „Und so soll mein Bund an eurem Fleisch zu einem ewigen Bund werden.“ (1. Mos. 17, 10-13) Selbst die modernen Juden können den Zeitgenossen entgegenhalten. „Wir haben das Ehrenwort Gottes, der uns einen ewigen Bund geschworen hat, und wir weigern uns, ihn zu lösen. Dieses Gotteswort bleibt für immer bestehen, und wenn es sich erfüllt, werdet ihr unsere Sklaven sein.“ (Bloy: „Das Heil von den Juden“ S. 337)

Doch die Juden erwarteten einen Retter, der sie aus der Knechtschaft befreien sollte. Der Mann aus Nazareth war den religiösen Führern schon längst ein Dorn im Auge. Er wurde gefangen genommen und verhört. Als Christus sich als Sohn Gottes ausgab, war sein Todesurteil schon gesprochen. „Und der Hohepriester antwortete und sprach zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, daß du uns sagest, ob du Christus, der Sohn Gottes bist. Jesus aber sprach: Ich bin es; und ihr werdet den Menschensohn sehen sitzend zur rechten Hand Gottes und kommen mit den Wolken des Himmels. Da zerriß der Hohepriester seine Kleider und sprach: Er hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiterer Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr seine Gotteslästerung gehört. Was dünkt euch? Sie antworteten und sprachen: Er ist des Todes schuldig.“ (Matth. 26,64 f) Sie übergaben nun Christus an den Pilatus mit der Anweisung, ihn zum Tode am Kreuze zu verurteilen, der diesem Gesuch letztlich nachkam. Ist nun er der Hauptverantwortliche an der Hinrichtung? Jesus selbst antwortete: „Darum hat der [der Hohepriester], der mich dir überlieferte, eine größere Schuld.“ (Joh. 19,11) Und dieses Verbrechen wiegt schwer!

Doch auf den Karfreitag folgte der Ostermorgen. Christus ersteht von den Toten. Er ist der Sieger über Leben und Tod. „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ (1. Kor. 15,55) Nicht nur der physische Tod ist überwunden, sondern auch der moralische, die Verdammnis. Und wir sind freigekauft. Der Sieger des Ostermorgens hat uns ein Beispiel gegeben für die Erreichung unseres Heiles. Doch wie wird es vermittelt in einer Kirche, die zum Spielball synkretistischer Ideen geworden ist. Schon Bloy schrieb vor 130 Jahren: „Heute dagegen, da das Christentum von seinen eigenen Gläubigen fast zu Tode getreten ist, und die Kirche alles Vertrauen verloren hat, will man sich darüber beklagen, daß die Juden die Herren der Welt geworden sind, und die grimmigsten Gegner der apostolischen Überlieferung wundern sich am meisten darüber. Man verbietet die Desinfektion und beklagt sich, daß man Wanzen hat. Das ist die charakteristische Idiotie unserer Zeit.“ (Bloy: „Das Heil von den Juden“ S. 308)

Doch dann heißt es bei Johannes. „Das Heil kommt von den Juden.“ (Joh 4,22) und Paulus schreibt an die Römer: „Et ex quibus est Christus secundum carnem.“ „Und aus ihnen stammt Christus dem Fleische nach.“ (Röm 9, 5) Wie ist es zu verstehen, daß aus dem Volk das Heil ausgehen soll, dessen Vorsteher Christus in einem furchtbaren Prozeß dem Tode überliefert hatten? Das Mittelalter sah in den Juden die Nachfahren derer, die mit dieser Verurteilung unauslösliche Schuld auf sich geladen hatten. Wie also sollte die Passage bei Johannes zu interpretieren sein?

Gerade durch das II. Vatikanum ist in Nostra aetate eine neue Sicht auf das Judentum und die Rolle der Juden geöffnet und ein neues Verhältnis zum Judentum eingeleitet worden.  Es wurde sogar eine Kommission gegründet, um das Verhältnis zum Judentum zu beleben. Seit 2006 war Mussinghoff Vorsitzender der Unterkommission „Fragen des Judentums“ in der Ökumenekommission der sog. Deutschen Bischofskonferenz. Diese Belebung, die auch aus der historischen Situation Deutschlands zu verstehen ist, die eine Versöhnung mit den Juden anstrebte nach den Pogromen im Dritten Reich. Diese Bemühungen fanden auch ihren Niederschlag in der theologischen Debatte und deren Publikationen. Ich greife hier nur einige heraus:
  • Hahn, Ferdinand: Die Verwurzelung des Christentums im Judentum, exegetische Beiträge zum christlich-jüdischen Gespräch  von: 1926-2015
  • Kutschera, Rudolf, Das Heil kommt von den Juden (Joh. 4,22): Untersuchungen zur Heilsbedeutung Israels; Veröffentlicht: (2003)
  • Denn das Heil kommt von den Juden: Joh. 4, V. 22; Predigt am Stiftungs-Feste der Gesellschaft zur Beförderung des Christenthums unter den Juden vom 13. April 1836
  • Roy H. Schoeman Das Heil kommt von den Juden: Gottes Plan für sein Volk, 2007
  • F. Mußner, Traktat u?ber die Juden, Mu?nchen [1997] 2009, 49 ff.)

Und dann ist noch nicht entschieden, wie die Gründung des Staates Israel, die zu einer Zusammenführung der verstreut lebenden Juden geführt hat, heilsgeschichtlich zu verstehen ist. Doch wie schändlich auch der Antisemitismus in Deutschland gewesen ist, hat er nicht im Entferntesten die religiöse Ebene erreicht, sondern sich nur im politischen Bereich ausgetobt. Es wäre aber dem Verhältnis zu den Juden nicht gedient, wenn sich dieses Monster in einen billigen Prosemitismus verwandeln würde. Wie sollte auch ein Diskurs fruchtbar verlaufen – für beide Seiten -. wenn die führenden Rabbiner nach wie vor die Meinung vertreten, Christus sei zu Recht wegen Gotteslästerung zum Tode verurteil worden.

Einer der größten religiösen Schriftsteller, Léon Bloy, hat sich zum Ende des vorletzten Jahrhunderts, 1892, daran gemacht, diesen geheimnisvollen Text des hl. Johannes zu entschlüsseln, und das mit klarem Blick auf das Verbrechen, welches zum Tode Christi führte. Bloy selbst hat seine Abhandlung „Das Heil durch die Juden“ als sein durchdachteste Werk bezeichnet. Wegen der anhaltenden Bedeutung habe ich Auszüge daraus nachdrucken lassen. (zitiert nach: „Das Heil durch die Juden“ in Léon Bloy: „Das Heil und die Armut“ Heidelberg 1953)
Beuerberg, den 24. März 2022
Eberhard Heller
***
DE PROFUNDIS

Aus der Tiefe des Abgrundes ruft Jesus zu Seinem Vater, und dieser Ruf weckt in den geheimsten Kammern der Abgründe, die ewig unergründlich sind allem Begreifen der Engel, unsäglich tiefer sind als alle Ahnungen und Geheimnisse des Todes, das erstickte, ferne, todesmatte Seufzen der Taube des Trösters, das als Echo das erschreckende "de profundis" zurückhallt. Und so zittern alle Klagerufe des Lammes in dem Grabe des Schreckens; aber kein Klagelaut kommt aus dem Munde des Menschensohnes, der nicht ganz genau sein Echo fände in den unausdenkbaren Verbannungen, wo der Tröster sich verbirgt...

Mich kümmert wenig, was die Theologen und die Ökonomen ihnen vorwerfen. Mir genügt vollauf zu wissen, daß sie das größte Verbrechen begangen haben, mit dem verglichen alle anderen Verbrechen Tugenden sind, die Sünde ohne Namen und Maß, die an die göttliche Integrität rührt, und die niemals vergeben werden könnte, wenn nicht Jesus, trunken vor Qualen am Kreuz des Wahnsinns, mit einem Gebet, das gegen alle Vernunft scheint, Fürsprache eingelegt hätte. [„Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk. 23,34)]

Grenzenlos haben sie den Armen verachtet. Sie haben ihn so verachtet, daß sie, um ihn in ihrer Art beschimpfen und quälen zu können, von überall her zu Hilfe riefen die Kraft jenes unterirdischen Feuers, das ihren ererbten Rachegelüsten gegen einen Sabaoth entstammt, der sie einst für ihre Übertretungen so grausam gezüchtigt hat.

Mit der Geduld von Millionen Ameisen, die sich emsig daran machen, ein Gebirge zu bauen, mußten sie im voraus Geschlechterfolgen hindurch gegen den freiwillig wehrlosen "Menschensohn" die wildesten Zeugnisse jenes unversöhnlichen Buches zusammentragen, in dem der Geist des Gottes Israel seinen Zorn aufgeschrieben hatte.

Indem sie gegen ihn die furchtbare Drohung ihrer alten Schriften kehrten, schienen sie zu ihm zu sagen: "Dein Vater hat uns mit Ruten geschlagen, wir aber wollen dich mit Skorpionen geißeln" (III. Buch Könige. Kap. 12,11) und "Wir werden dein Fleisch mit Dornen und Disteln der Wüste wund schlagen“ (Richter, Kap. 8,7).

Das Geschrei der Besessenen, das dem Urteilsspruch voranging und wie ein "basso continuo" diese maßlose Marter begleitete, war sicherlich der vollkommenste Ausdruck des menschlichen Grauens vor der Armut. Dieser übernatürliche Wahnsinn wird niemals überboten, und wenn der verrückte Pöbelhaufen wie eine Brandung über die Leichen der "zwei Zeugen" rollt, deren Opferung die Apokalypse prophezeit, so kann das nicht erschreckender sein.

Man braucht keine dicken exegetischen Kommentare durchgearbeitet zu haben, um zu wissen, daß Jesus - wie es auf jeder Seite des Alten und Neuen Testamentes steht - wirklich der wahre Arme war, der Ärmste der Armen, unergründlich ärmer als der ganz von Würmern zerfressene Hiob, um zu wissen, daß er, der einsame Diamant, der orientalische Karfunkel der herrlichen Armut, ja, daß er entsprechend der Ankündigung der unbeirrbaren, vom Volk gesteinigten Propheten die ganze zur Person gewordene Armut war. Er hatte, wie eine Heilige sagte, als Begleiterinnen die "drei Armuten". Er war arm an Gütern, arm an Freunden, arm an Sich Selbst, und das zwischen den glitschigen Wänden im Schacht des Abgrundes in den Tiefen der Tiefe.

Die Juden haben für immer die Ehre, für den Haß gegen den Armen der Menschheit Martern in die Hand gegeben zu haben, deren Format alles bisher Dagewesene weit übersteigt. Sie kannten die Ungeheuerlichkeit ihrer Aufgabe so gut, daß sie die Dornenkrönung erfanden, damit in Zukunft niemand mehr daran zweifle, daß sie die Macht besessen hatten, einem wahren König die rechten Insignien der Erniedrigung und des Schmerzes zu geben. Es war eine bis dahin beispiellose Zeremonie, deren tiefen Sinn die Gelehrten des Alten Tempels kennen mußten. Die Dornen sind seit dem Sündenfall der wesentlichste Bestandteil der höchsten Verfluchung und "die Ernte der Dornen an Stelle des Getreides" ist eine spezifisch hebräische Redensart.

Gewiß erinnerten sie sich an den Ruf des klagenden Propheten: "Demütigt euch und setzt euch auf die Erde, beklagenswerte Schar des Herrn, denn die Krone eures Ruhmes ist euch vom Haupte gefallen“ (Jeremias, Kap. 13, 18.): und vielleicht erweckten die Blumen lebendigen Blutes, die aus der Stirne Christi erblühten, in ihnen eine ingrimmige Erinnerung an das "Coronemus rosis" aus dem gottlosen Liede im Buche der Weisheit. (Buch der Weisheit, Kap. 2, 8.)

Aber wußten diese grausamen und höhnischen Schriftgelehrten, daß diese schreckliche Krone für immer über sie herrschen sollte und sie härter als Pharao drücken würde, da sie ja dem sterbenden Haupte Dessen aufgesetzt wurde, der keinen anderen Nachfolger hatte als das verruchte Geld, dessen elende Sklaven sie nach seinem Tode wurden? Denn das ist ein beunruhigendes Geheimnis. Der Tod Jesu trennte von Grund aus das Geld vom Armen, das Abbild vom Urbild, ganz so wie sonst der Tod den Leib von der Seele scheidet.

Die katholische Kirche, geboren aus dem göttlichen Blute, bekam den Armen als ihren Teil; die Juden aber, eingesperrt in die uneinnehmbare Festung einer störrischen Verzweiflung, bewachten das Geld, das bleiche Geld, das sie mit ihren ruchlosen Dornen zerkratzt und durch ihre Anspeiungen entehrt hatten, - so wie sie ohne Grab den verweslichen Leichnam eines Gottes bewacht hätten, damit er die Welt verpeste!

"Lasset uns beten für die treulosen Juden, damit der Herr, unser Gott, den Schleier von ihren Herzen nehme, auf daß auch sie Unsern Herrn Jesus Christus erkennen. Allmächtiger, ewiger Gott, der du sogar die treulosen Juden von deiner Erbarmung nicht ausschließest, erhöre unser Gebet, das wir dir darbringen ob der Verblendung jenes Volkes, auf daß es das Licht deiner Wahrheit, welches Christus ist, erkenne und seiner Finsternis entrissen werde."

So waren und werden sie bis zum Ende der Zeiten sein, die Gebete der Kirche für die unbegreifliche Nachkommenschaft Abrahams, hochfeierliche Gebete, die nur einmal im Jahr, am Karfreitag, in aller Öffentlichkeit gesprochen werden. Wahrlich, einstmals hörten in diesem Augenblick die Herzen zu schlagen auf, und überwältigend war das Schweigen des Zornes, wenn jeder hoffte, aus der Tiefe den ersten Seufzer zu vernehmen, der die Bekehrung des verstockten Volkes einleiten würde.

Man ahnte dunkel, daß diese Menschen des Schmutzes und der Schmach dennoch die Verwalter der Erlösung waren, daß Jesus ihr Gefangener, und daß die Kirche ihre Gefangene war, daß ihre Einwilligung notwendig sei für das Kommen der ewigen Freude und Seligkeit, und daß deshalb durch ein dauerndes Wunder ihr Geschlecht vor dem Untergang geschützt wurde. Sie erfüllten das unergründlichste Gesetz, und deshalb waren sie so stark in ihrem bösen Willen, die Kraft Gottes zu lähmen und unversöhnlich seine Herrlichkeit zu vertagen, damit die eine wie die andere den Verzweiflungen der Menschheit gleichsam untätig gegenüberstünde - bis zur wunderbar verborgenen Stunde, da das schmerzhafte Sühneopfer des fleischgewordenen Wortes in allen seinen Gliedern erfüllt sein würde. Aber diese Stunde, die kommt wie der Dieb in der Nacht, kennt Jesus selber nicht, denn er hat gesagt, daß "niemand sie kennt als allein der Vater" (Mk. 13,22)

Doch das Geheimnis wurde ganz unerträglich bei dem Gedanken, daß dieser eine Augenblick, seit Anbeginn der Zeiten sehnsüchtig von allen Geschöpfen herbeigewünscht, jetzt und immer von denselben Juden abhängig ist, diesen unerbittlichen Gläubigern des Heiligen Geistes, die gegen das Blut Christi Einspruch erhoben haben.

Die Jahrhunderte waren wie Wasser dahingeflossen, und die lebenden Geschlechter hatten sich auf die toten gehäuft. Man konnte Zinsscheine und Pfandbriefe schreiben, so viel man wollte, gezeichnet mit dem kostbaren Blute Christi und gegengezeichnet mit dem Blute aller Märtyrer; immer traf man nur auf das häßliche Gesicht derer, die mit dem Tröster wucherten, und die Herrlichkeit Gottes blieb verschlossen. So ist es denn zu verstehen, wenn die Juden, so hart bedrückt von den Anbetern des Kreuzes, aus Rache so viele christliche Tränen fließen ließen, so schreckliche Tränen, daß man hätte glauben können, das Rote Meer sei zu ihrer Verfolgung aufgebrochen, und deshalb hatte die Kirche den Mut, für sie zu beten.

Die Juden werden sich nur bekehren, wenn Jesus vom Kreuze herabgestiegen ist, und Jesus kann nur vom Kreuze herabsteigen, wenn sich die Juden bekehrt haben.


In diesem unauflösbaren Dilemma wand sich das Mittelalter wie in den Backen eines Schraubstocks. Wenn es aufhörte, diese abscheulichen Widersacher zu verfluchen und hinzuschlachten, so nur, um sich ihnen zu Füßen zu werfen und sie unter Schluchzen anzuflehen, Mitleid zu haben mit dem leidenden Gott. Keine Dichtung kann verglichen werden mit diesem inständigen Kniefall aller Völker vor einer Herde schmutziger Bestien, ein Kniefall, der sie im Namen der ewigen, mit dem Tode ringenden Weisheit anfleht:
Quid feci tibi, aut in quo contristavi te? Mein Volk! was habe ich dir getan, und womit habe ich dich betrübt? Antworte mir.
Weil ich dich fortgeführt habe aus Ägypten, hast du deinem Erlöser ein Kreuz bereitet ...
Weil ich dich vierzig Jahre lang in der Wüste geführt habe, weil ich dich mit Manna gespeist und dich geleitet habe in ein gutes Land, hast du deinem Erlöser ein Kreuz bereitet ...
Was sollte ich denn noch für dich tun, nachdem ich schon so viel für dich getan habe?
Ich habe dich gepflanzt als meinen edlen Weinberg, doch du bist bitter geworden für mich; denn du hast meinen Durst gelöscht mit Essig und die Seite deines Erlösers mit einer Lanze durchbohrt ...
Für dich habe ich Ägypten geschlagen mit seiner Erstgeburt, und du hast mich der Geißelung überliefert ...
Ich bin vor dir hergezogen in einer Wolkensäule, und du hast mich vor den Richterstuhl des Pilatus geführt ...
Ich habe dich in der Wüste genährt mit Manna, und du hast mir Backenstreiche gegeben und Rutenschläge ...
Um deinetwillen habe ich die Könige der Kananäer geschlagen, und du hast mir das Haupt mit einem Rohr geschlagen ...
Ich habe dir das Königszepter gegeben, und du hast mir eine Dornenkrone aufs Haupt gesetzt ...
Was habe ich dir denn getan, mein Volk? Ich habe dich erhöht in großer Kraft, und du hast mich am Kreuzespfahle aufgehängt ..." (Offizium am Karfreitag, Anbetung des Kreuzes)

Vergebliche Bitte und immer die gleiche höhnische Weigerung. "Er hat sein Vertrauen auf Gott gesetzt,. Der rette ihn nun, wenn er zu ihm hält; denn dieser Erlöser der anderen hat gesagt, er sei sein Sohn!" Und wenn der Himmel über ihnen zusammenstürzte, es wäre ihnen keine andere Antwort zu entreißen.

So sind die Juden, die echten Juden, in jeder Hinsicht ähnlich jenem Nathanael, der unter dem sinnbildlichen Feigenbaum saß, und von dem Jesus, der sich die "Wahrheit" nannte, trotz allem sagte: "Das ist ein echter Israelit, ohne Falsch. "( Joh. 1,47) Es hat Gott gefallen, sie so im Anfang zu erschaffen, und er scheute sich nicht, aus Liebe selber ein Sohn Abrahams dem Fleische nach zu werden, leidensfähig und sterblich.

Schon längst habe ich darauf verzichtet, Anstoß zu vermeiden. Darum kann mich auch die Angst, daß ich einigen fuchtigen Küstern die Laune verderbe, nicht von der Behauptung abhalten, daß Unser Herr Jesus Christus diese Abstammung in all ihren Folgen mit einer unendlichen Genauigkeit noch immer tragen muß. Auch wenn wir von dem Großen Brandopfer, der offenbar kühnsten Spekulation eines Israeliten, absehen, wäre es nicht schwierig, schon im Äußeren der unendlich liebenswerten und heiligen Worte des Gottessohnes eine Familienähnlichkeit mit dem ewigen jüdischen Denken zu erkennen, das die Heiden in Harnisch bringt. Wird zum Beispiel der ungetreue Verwalter nicht gerade seiner Untreue wegen gelobt, und besteht nicht die unverständliche Schlußfolgerung Jesu in dem förmlichen Gebot: "Also, machet euch Freunde mit den Reichtümern der Ungerechtigkeit“ (Lk. 16,9)

Das ist in kurzen Worten die überlieferte Anempfehlung des Raubes und des niederträchtigen Wortbruchs, wie sie einst den sechshunderttausend Hebräern des Exodus verkündet worden war, welche aus Ägypten auszogen, beladen mit den Schätzen, die sie geborgt hatten, um sie nicht wieder zurückzugeben, und darin noch vom Herrn unterstützt wurden, der sie auf ihrer Flucht beschützt hat. (Exodus, Kap. 12,35-36)

Es ist immer das Gleiche, was die Heilige Schrift in ihrer dunklen Sprache berichtet; der wörtliche Sinn ist so vielen Bösewichten ein Ärgernis, und die geistige Auslegung durch Symbole und Gleichnisse ist für immer allen Dummköpfen unzugänglich. Man glaubt, in einen Abgrund zu stürzen, wenn man bedenkt, daß das Wort Ägypten, Misraim auf hebräisch, wörtlich quälende Angst oder Bedrängnis bedeutet; daß der erste Joseph, der - ein deutliches Vorbild des fleischgewordenen Wortes - von seinen Brüdern verkauft wurde, und dem später, weil er es vom Hungertode gerettet hatte, das ganze Königreich gehorchte, "in ägyptischer Sprache Erlöser der Welt genannt wurde“ (Genesis, Kap. 41, 45), daß folglich Jesus die "Erfüllung" oder Hypothase aller Prophezeiungen und Symbole, von seinem Vater nur gesandt, um über den Schmerz der ganzen Welt zu herrschen -, als er durch die Schmach seines Kreuzestodes die Welt verließ, im Grunde nur die Schätze der erblichen Angst und die Ersparnisse der Bedrängnis mit sich nehmen wollte, die er geborgt hatte, um sie denen nie mehr zurückzugeben, die ihr Vertrauen auf ihn gesetzt hatten.

Nach dem Verschwinden dieses anbetungswürdigen Bankrotteurs der Verzweiflung, in dessen Person die Juden, ohne zu wissen, was sie taten, sogar das Bewußtsein ihrer Erstgeburt gekreuzigt hatten, behielten sie den Instinkt ihres Volkes, den die wunderbare Menschwerdung - wenn für sie auch vergeblich - so innig mit dem göttlichen Willen verschmolzen hatte ... Und es blieb in ihren Händen nur noch das armselige, hingeschlachtete Geld, das ihren Messias ersetzen sollte.

Die feige "Verdrängung" des armen Riesen Esau, vor dem Jakob, stark gegen Gott allein, immer gezittert hat, und die allgemeine Ausplünderung der Ägypter sind alltägliche Ereignisse geworden, welche nur die endgültige Züchtigung vorbilden können. Die Form dieser Züchtigung, die uns aber dennoch unbekannt bleibt, wird so sein, .daß einer, dem sie durch Erleuchtung des Heiligen Geistes offenbart würde, sofort auch das unzugänglich geheimnisvolle Ende der Erlösung verstünde. Unaufhaltsam war ihr Verfall und in rasender Eile stürzten sie bis zur untersten Stufe der Schande. Da sie von ihrem fürstlichen Erbteil nur das Götzenbild der Macht, nämlich das Geld, behalten haben, wurde dieses unselige Metall ein Unflat in ihren Totenvogelklauen, und sie verlangten, daß es in ihrem Dienste an der Vertierung der ganzen Welt arbeite.

Da sie fürchteten, dieser unvergleichliche Diener könnte ihnen entkommen, legten sie ihn grausam in Eisen und ketteten sich selber an ihn mit widernatürlichen Ketten, die siebenmal um ihr Herz geschlungen waren; und so machte ihr wilder Despotismus sie selbst zu Sklaven.  Und die Seele der Völker wurde mit der Zeit von ihrer Pestilenz angesteckt.

Da sie ja länger als zweitausend Jahre auf eine Gelegenheit gewartet hatten, das Wort Gottes zu kreuzigen, so konnten sie auch weitere neunzehnhundert Jahre warten, bis ein gewaltiger Ausbruch des Ungehorsams die Anbeter dieses schmerzhaften Wortes in Schweine verwandelt hatte, damit wenigstens die Herde des "verlorenen Sohnes" diesem Israel nicht fehle, das sein Vermögen vergeudet hatte.

Wahrlich, es ist ganz dieser Hirte geworden!

Die abgefallenen christlichen Völker, die vom weißen Aussatze seines schmutzigen Geldes angefressen sind, gehorchen ihm, und die gekauften Machthaber, die demütig von ihren alten Thronen herabgestiegen sind, wälzen sich ihm zu Füßen in seinem Kot.

So ist die Prophezeiung des Deuteronomiums in der Absolutheit der Verspottung und Entweihung buchstäblich in Erfüllung gegangen: "Du wirst vielen Heiden auf Zins leihen und von keinem borgen. Du wirst herrschen über viele Völker, und keines wird herrschen über dich." (Deuteronomium, Kap. 15, 6.)

Und als ob dieses rätselhafte Volk (verdammt, was auch geschehen mag, für immer Gottes Volk zu sein) nichts unternehmen könnte, ohne sofort einen Abglanz seiner ewigen Geschichte sichtbar zu machen, wurde das lebendige und barmherzige WORT der Christen, das früher für jeden gerechten Handel genügte, von neuem in allen Geschäften der Ungerechtigkeit aufgeopfert der starren, erbarmungslosen SCHRIFT.

Da der Abgrund geöffnet war, stürzten die reinen Quellen der Größe und des Ideals schluchzend hinein. Die Vernunft zerfiel wie ein Knochen bei Knochenbrand: und als die jüdische Pest im finsteren Tale des Schwachsinns endlich den Punkt erreicht hatte, wo der freimaurerische Typhus herunterstürzte, um sich mit ihr zu vereinigen, überschwemmte ein Strom der Verblödung die Bewohner des Lichtes, die so dem unwürdigsten Tode anheimgegeben waren. Aber, mein Gott, welch armseliger Trost für Völker, die der Auflösung entgegengehen, und sich wie ihre Besieger doch in derselben stinkenden Zersetzung eines unaufhaltsamen Verfalls gefangen haben.

Schweigen!

Eine Stimme aus der Tiefe.

Eine Stimme aus der Verbannung - ganz fern erst, schwach und fast erstorben, die anzuschwellen scheint, indem sie aus der Tiefe emporsteigt.

Die erste Person ist die, welche spricht.

- Die zweite Person ist die, zu der gesprochen wird.

- Die dritte Person ist die, von der gesprochen wird.

Diese dritte Person bin Ich, Israel, praevalens Deo, überaus mächtig durch Gott, Sohn Isaaks, Sohn Abrahams, Erzeuger und Segenspender der zwölf jungen Löwen, die an den Stufen des elfenbeinernen Thrones aufgestellt sind zu Diensten dem großen König und zum ewigen Ärgernis der Völker.

Ich bin der Abwesende von überall, der Fremdling allen bewohnbaren Stätten, der Verschwender des Vermögens; und meine Zelte sind auf so trostlosen Hügeln aufgeschlagen, daß sogar die Würmer in den Gräbern den Befehl erlassen haben, die Pfade in meine Einöde auszulöschen. Kein Schleier ist meinem Schleier vergleichbar, und kein Mensch kennt mich, weil niemand außer dem Sohne Mariens das unendlich doppelsinnige Rätsel meiner Verdammung hat erraten können.

Selbst in jener Zeit, als ich gesund und herrlich schien, in jenen alten Zeiten voll der Wunder, die dem Geschehen auf Golgatha vorausgegangen sind, haben mich meine eigenen Kinder nicht erkannt, und oft weigerten sie sich, mich aufzunehmen, denn mein Joch ist nicht sanft und meine Bürde sehr schwer. So trage ich immer die schreckliche Reue Jehovas, den es "reute, die Menschen und Tiere erschaffen zu haben“(Gen. 6.7), und man sieht so gut, daß ich sie genau so trage, wie Jesus die Sünden der Welt getragen hat! Deshalb bin ich mit dem Staub vieler Jahrhunderte bedeckt.

Trotzdem werde ich mit der unverlierbaren Autorität eines Patriarchen sprechen, der ich hundert Mal mit der Sprache des Allmächtigen belehnt worden bin. Ich liebe meine Söhne aus Juda und Benjamin nicht sehr, weil sie den Sohn Gottes gekreuzigt haben. Sie sind zwar die echten Nachkommen ihrer beiden Ahnen, die ich gezeugt, und die ich einst mit zwei wilden Tieren verglichen habe. Aber sie haben ihre Züchtigung erduldet, und ich habe mich nicht geweigert, der Gemahl und Mitträger ihrer äußersten Verwerfung zu sein. Wenn ich daran denke, daß ich meinen Bruder Esau treulos beraubt habe, so war es nur gerecht, daß ich bis in meinen letzten Nachkommen die Mitschuld an einer Treulosigkeit auf mich nahm, die das Heil des Menschengeschlechtes vorbereitete, indem sie mich selbst der Herrschaft über alle Reiche beraubte. Von nun an muß die Thronbesteigung der dritten Person erwartet werden, deren Siegel auf meinem Antlitz ist, die alle Vorhänge in allen Tempeln der Menschen zerreißen und alle Herden in der strahlenden Einheit versammeln wird.

Doch diese Dinge werden nicht geschehen, bevor man "die Greuel der Verwüstung in der heiligen Stadt" gesehen hat, das heißt bevor die Christen, diese hartnäckigen Tadler meiner treulosen Nachkommenschaft, nicht ihrerseits mit noch größerer Blutgier die Greueltaten, die sie ihr vorwerfen, selbst vollbracht haben.

Hört, ihr Christen, auf die Worte Israels, auf den Vertrauten des Heiligen Geistes. Der da ist, kann immer nur sich selbst wiederholen, und der Herr der Herren dürstet immer danach, zu leiden ... Wenn der Verheißene, der der Tröster genannt wird, kommt, Besitz zu ergreifen von seinem Erbe, so muß euch Christus notwendig verlassen haben, da er erklärte, dieser Tröster könne erst dann kommen, wenn er vorher fortgegangen sei. (Joh. 16,7) Denn eines Tages wird er euch scheinbar verlassen, wie sein Vater Jerusalem und ihn selbst verließ, und ihr werdet ebenso unerbittlich wie die Juden "der ewigen Schmach und der ewigen Schande, die niemals vergessen wird“ (Jeremias 23,40), ausgeliefert sein. Seht Ihr denn nicht, daß wir von nun an die Tischgenossen beim selben Mahl der Schande sind, und daß wir gemeinsam unter der Geißel des Eintreibers gehen?

Haben denn eure Gelehrten, die euch nun so lange schon unterrichten, nicht begriffen, daß die beiden Hurenschwestern, von denen Ezechiel spricht, Jerusalem und Samaria überlebt haben, daß sie immer leben in der Ewigkeit des Symbols, und daß sie heute Synagoge und Kirche heißen? "Weil du auf dem Wege deiner Schwester gegangen bist, sprach Gott, der Herr, zur Jüngeren, so will ich ihren Kelch in deine Hand geben. Du wirst den Kelch deiner Schwester trinken, den weiten und tiefen Kelch, du wirst wohnen in Spott und großem Hohn ... Du wirst voll sein von Trunkenheit und Schmerz durch diesen Kelch der Trauer und der Trübsal, den Kelch deiner älteren Schwester, der Hüterin ohne Treue, die sich befleckt hat mit dem Schmutz der Völker. Du wirst ihn trinken und ihn leeren bis zur Bodenhefe, du wirst seine Scherben verschlingen und dir die Brüste zerreißen ... Und ihr werdet beide ausgeliefert sein der Empörung und dem Raub, gesteinigt von allen Völkern und getrieben in die Schneide ihrer Schwerter". (Ezechiel, Kap. 23, 31-47) Er wird sich dann einen Steinwurf weit von euch zurückziehen. (Lk. 22,41) Verlassen von Dem, der eure Stärke und eure Hoffnung ist, wird das Weltall, erstarrend vor Entsetzen, die unenthüllbare Qual des Heiligen Geistes schauen, der von den Gliedern Jesu Christi verfolgt wird.

Die Passion wird von neuem beginnen, nicht mehr inmitten eines wilden und verabscheuten Volkes, sondern am Kreuzweg und am Nabel aller Völker, und die Weisen werden begreifen, daß Gott seine Quellen nicht verschlossen hat, sondern daß das Evangelium des Blutes, das sie für das Ende der Offenbarungen hielten, seinerseits wie ein Altes Testament ist, das den Tröster des Feuers verkünden soll. Dieser unerhörte Besucher, den ich seit viertausend Jahren erwarte, wird keine Freunde haben, und sein Elend wird die Bettler den Königen gleichmachen. Er wird der Dunghaufen sein, auf dem der arme Idumäer saß und seine Schwären auskragte. Man wird sich über ihn beugen, um den tiefsten Grund des Leidens und der Verworfenheit zu erblicken.

Bei seinem Nahen wird sich die Sonne in Finsternis und der Mond in Blut verwandeln; die stolzen Ströme werden zurückweichen wie scheuende Pferde; die Mauern der Paläste und die Mauern der Zuchthäuser werden vor Angst schwitzen. Die verwesenden Leichen werden mit duftenden Essenzen übergossen, die man kühnen Seefahrern abkauft, um sich gegen ihren Pesthauch zu schützen, und in der Hoffnung, ihrer Berührung zu entgehen, werden die Vergifter der Armen oder die Mörder der Kinder rufen: "Ihr Berge, fallet über uns!"

Nachdem der Ekel das Mitleid vernichtet hat, wird er sogar den Zorn töten, und dieser Geächtetste unter allen Geächteten wird stillschweigend noch von den mildesten Richtern verdammt werden. Jesus hatte von den Juden nur den Haß geerntet, und welch einen Haß! Die Christen werden dem Tröster das in Fülle geben, was den Haß noch übertrifft. Er ist so sehr der Feind, so sehr mit diesem Luzifer, der Fürst der Finsternis genannt wurde, eins, daß es selbst in seliger Schau fast unmöglich ist, sie zu trennen. Wer es fassen kann, der fasse es. Diese Zeilen hatten die Ehre, einen Jesuiten zu ärgern, der behauptete, solche Anschauungen zerstörten das Dogma. "Ist das eine metaphorische Angleichung oder eine absolute Behauptung?" Mit dieser Frage zog er wie Popilius Laenas einen Kreis um mich. Wie soll man einem Kopf, der mit Formeln vollgestopft ist, klar machen, daß die Schwierigkeit aufhört, und der Kreis zum Beispiel sofort durchbrochen ist, wenn man diese Stelle mit dem liturgischen Gebet am Karsamstag vergleicht: "Lucifer, inquam, qui nescit occasum?" Die wenigen Christen, die ihren Verstand noch gebrauchen, können feststellen, daß es sich weder hier noch dort um eine Metapher handelt, noch weniger um eine strikte Behauptung im Sinne der geoffenbarten Lehre, sondern einfach darum; das Mysterium zu bestätigen, die Gegenwart des Mysteriums, zum Ärgernis der Dummköpfe oder der pedantischen Theologen, die behaupten, es sei doch alles ganz klar.  

Die Mutter Christi ist die Braut dieses Unbekannten genannt worden, den die Kirche fürchtet, und sicherlich wird aus diesem Grunde die allerweiseste Jungfrau unter dem Namen "Morgenstern" und "Geistliches Gefäß" angerufen. Um die "Entfesselung" des Abgrundes herbeizuführen, wird die Kirche der Märtyrer und Bekenner, die zu den Füßen Mariens kniet, gegen den Schöpfer-Geist mit einer friedenshungrigen Wildheit die Entfesselung der Synagoge erneuern müssen. Das Herz der Menschen aber würde verdorren schon beim Gedanken an diese glühende Sonnenwende des Sommers der Welt, in der selbst die Wesenheit des Feuers in den sieben Glutöfen der sieghaften Liebe murren wird, und in der der geizige, so lange verfluchte und so lange mit Kot begossene Feigenbaum endlich die einzige Frucht der Freude und des Trostes wird spenden müssen, die das "Ausspeien" Gottes zu beendigen vermag.

Dann wird es ganz einfach sein, daß der Gekreuzigte herabsteigt, da das Kreuz seiner Schmach mit Recht das ewige Bild und Gleichnis des unsteten Befreiers ist, nach dem er neunzehn Jahrhunderte lang gerufen hat - und dann wird man zweifellos auch verstehen, daß ich selbst dieses Kreuz bin, vom Kopf bis zu den Füßen! ...

Denn das Heil der Welt ist an mich, an Israel, geheftet, und von mir muß es "herabsteigen".

Antony, am Feste der Enthauptung des heiligen Johannes Baptista, 1892.

 
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