51. Jahrgang Nr. 4 / August 2021
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1. Der Geist als Seele der Kirche
2. Lehren der Wüstenväter
3. Chalcedon, Maximus Confessor und die Hyopstatische Union
4. Papst Leo der Große
5. Der Herr ist der Geist
7. Die Impftoten-Bilanz
8. Buchbesprechung
9. Wolkenkuckucksheim - Man muss nicht an den Islam denken
10. Nachrichten, Nachrichten, Nachrichten...
11. Mitteilungen der Redaktion
Der Geist als Seele der Kirche
 
Der Geist als Seele der Kirche

vom
hl. Augustinus


[88] «Wer ein Wort sagt gegen den Heiligen Geist, dem wird es nicht verziehen werden, weder in dieser Welt noch in der künftigen» (Mt 12,32). Manche haben gemeint, daß jene allein gegen den Heiligen Geist sich versündigen, die nach Empfang des Bades der Wiedergeburt in der Kirche und nach Empfang des Heiligen Geistes, gleichsam undankbar für eine so große Gabe des Erlösers, sich in eine tödliche Sünde verstrickten: zum Beispiel Ehebruch, Mord oder Austritt aus dem christlichen Bekenntnis überhaupt oder doch aus der katholischen Kirche. Ich weiß aber nicht, wie eine solche Deutung bewiesen werden kann, da ja in der Kirche die Buße für keine Art von Sünde verweigert wird...

So leiht mir denn, Brüder, euer Gehör und erhebt die Geister zum Herrn. Ich sage es eurer Liebe: vielleicht findet sich in der ganzen Heiligen Schrift keine größere, keine schwerere Frage. Und wenn ich euch etwas von mir selber anvertrauen soll: bisher habe ich in den Predigten an das Volk die Schwierigkeit und Beschwer dieser Frage umgangen: nicht als ob ich nicht manches darüber ersonnen hätte, denn ich durfte es nicht unterlassen, in einer so wichtigen Sache zu bitten, zu suchen, anzuklopfen, sondern weil ich für die Einsicht, die mir ein klein wenig eröffnet wurde, durch die mir bisher zur Verfügung stehenden Worte keinen genügenden Ausdruck zu finden glaubte. Heute aber, als ich die Lesung vernahm, über die ich euch predigen sollte, als das Evangelium verlesen ward, da wurde mein Herz so getroffen, daß ich glaube, Gott wolle durch mein Amt euch einiges hören lassen.

Wenn wir jede Sünde als eine Sünde gegen den Heiligen Geist auffassen, wer könnte dann gerettet werden? Wenn wir aber meinen, sie komme überhaupt nicht vor, dann widersprechen wir dem Erlöser. Es gibt also zweifellos eine bestimmte Lästerung und ein bestimmtes Wort, das, gegen den Heiligen Geist gesagt, nicht verziehen wird... Damit ihr dies deutlicher sehet, achtet auf das, was Christus selbst von den Juden sagte: «Wenn ich nicht gekommen wäre und zu ihnen geredet hätte, so hätten sie keine Sünde» (Joh 15,22). Gewiß ist dies nicht so gemeint, als ob er die Juden von jeder Sünde überhaupt freisprechen wollte, falls er nicht gekommen wäre und zu ihnen geredet hätte. Er fand sie ja voller Sünde, überladen mit Sünden...

Ihr wißt aber, Geliebteste, daß in der unsichtbaren und unveränderlichen Dreieinigkeit, an der unser Glaube und die katholische Kirche festhält, und die sie verkündet, der Vater nicht Vater des Heiligen Geistes ist, sondern des Sohnes, und Gott der Sohn nicht Sohn des Heiligen Geistes ist, sondern des Vaters: daß aber Gott der Heilige Geist nicht der Geist des Vaters allein oder des Sohnes allein, sondern des Vaters und Sohnes gemeinsam ist... Im Vater wird uns die Herrschaftlichkeit nahegelegt, im Sohne die Geburt, im Heiligen Geist die Gemeinschaft von Vater und Sohn, in allen dreien die Gleichrangigkeit. Was also gemeinsam ist dem Vater und Sohn, das sollte nach ihrem Willen auch die Gemeinschaft zwischen ihnen und uns begründen; durch diese Gabe wollen sie uns in jene Einheit versammeln, die ihre eigene Einheit ist, nämlich durch Gott den Heiligen Geist und ihn als Gabe Gottes. In ihm nämlich werden wir mit der Gottheit ausgesöhnt und genießen wir sie. Denn was würde uns nützen, was immer Gutes wir wissen, wenn wir nicht auch lieben? Wie wir aber durch die Wahrheit belehrt werden, so lieben wir durch die Liebe: damit wir tiefer erkennen und selig das Erkannte durchkosten. Die Liebe aber ist ausgegossen in unseren Herzen durch den Heiligen Geist, der uns geschenkt ist (Röm).

Das erste nun, was wir zu Beginn des Glaubens, um das ewige Leben zu erlangen, das uns zuletzt gewährt wird, durch Gottes Güte zum Geschenk erhalten, ist die Vergebung der Sünden... Er verleiht uns seine Güter nicht, wenn er nicht zugleich unsere Mängel entfernt. Und je mehr jene wachsen, um so mehr nehmen diese ab: und jene werden nicht eher vollendet, als bis diese völlig beendet sind. Daß aber Jesus der Herr im Heiligen Geiste die Sünden vergibt (so und nicht anders, wie er im Heiligen Geiste die Teufel austreibt), wird daraus ersichtlich, daß er nach seiner Auferstehung den Jüngern sagte: «Empfanget den Heiligen Geist» und dann unmittelbar fortfuhr: «Wem ihr die Sünden nachlassen werdet, denen sind sie nachgelassen, wem ihr sie behaltet, denen sind sie behalten» (Joh 20,22-23). Denn auch jene Wiedergeburt, bei der alle vergangenen Sünden nach-gelassen werden, geschieht im Heiligen Geist, wie der Herr sagt: «Wenn einer nicht wiedergeboren ist aus dem Wasser und dem Geiste, kann er nicht eingehen in das Reich Gottes » (Job 3,5). Ein anderes aber ist, aus dem Geiste geboren zu werden, ein anderes, vom Geiste genährt zu werden: so wie es ein anderes ist, vom Fleische geboren zu werden - das geschieht, wenn die Mutter gebiert - und vom Fleische genährt zu werden - das geschieht, wenn sie das Kind stillt, das sich mit Lust nach dem wendet, um zu trinken, von dem es geboren ward, um zu leben.

Die erste Wohltat des Glaubens ist also die Vergebung der Sünden durch Gottes Huld im Heiligen Geist... Dann aber sagt der Herr weiter: «Feuer kam ich auf die Erde zu werfen» (Lk 12,49), und entsprechend der Apostel: «brennend im Geiste» (Röm 12, 11); denn die Liebe beginnt zu brennen, die sich durch den Heiligen Geist in unseren Herzen auszubreiten beginnt. Gegen dieses unverdiente Geschenk, gegen diese Gnade Gottes redet das unbußfertige Herz. Eben die Unbußfertigkeit ist also die Lästerung gegen den Geist, die weder in diesem noch im künftigen Leben verziehen wird. Gegen den Heiligen Geist nämlich, durch den getauft wird, wem die Sünden vergeben werden, und den die Kirche empfängt, um die Sünden denen nachzulassen, denen sie dann nachgelassen sind, spricht ein gar böses und gottloses Wort - sei es nur in Gedanken oder auch mit dem Munde - wer von Gottes Langmut zur Buße geführt wird und doch «in der Verstockung seines Herzens sich Zorn aufhäuft für den Tag des Zornes und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, der jedem nach seinen Werken vergelten wird» (Röm 2,4-6).

Freilich kann diese Verstockung, dieses unbußfertige Herz so lange nicht gerichtet werden, als wir im Fleische leben. Denn an niemand darf man verzweifeln, solange die Langmut Gottes ihn noch zur Buße anlockt und den Gottlosen nicht abruft aus diesem Leben, da er «nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er sich bekehre und lebe» (Ez 18,23). Heute ist er Heide, woher weißt du, ob er morgen nicht Christ ist? Treuloser Jude ist er heute: wie, wenn er morgen die katholische Wahrheit anerkennt? Heute lebt er im Schisma: wie, wenn er morgen den katholischen Frieden umfängt? Wo also diese Sünde des gegen den Heiligen Geist verstockten Herzens nicht besteht, durch den in der Kirche die Sünden nachgelassen werden, da können alle andern Sünden verziehen werden. Wie aber soll diese nachgelassen werden, die gerade die Nachlassung aller andern verhindert? Alles wird denen verziehen, in welchen sich dies nicht findet, was niemals verziehen wird; in welchen es sich aber findet, in denen wird, weil es niemals verziehen wird, auch das übrige nicht verziehen, weil die Lösung von allem durch diese Fessel verhindert wird.

Die Sünden aber, die ja nicht außerhalb der Kirche vergeben werden, sollten in eben dem Geiste vergeben werden, der die Kirche zur Einheit gestaltet. Bereut demnach einer seine Sünden außerhalb der Kirche, während er diese so große Sünde, daß er der Kirche Gottes entfremdet ist, verstockten Herzens nicht bereut, was nützt ihm dann jene Reue; denn eben dadurch spricht er das Wort gegen den Heiligen Geist, daß er außerhalb der Kirche steht, die die Gabe empfing, innerhalb ihrer im Heiligen Geiste die Sünden vergeben zu können. Obwohl die Dreieinigkeit diese Vergebung bewirkt, wird sie doch in besonderer Weise als zum Heiligen Geiste gehörend verstanden. Denn er ist ja der «Geist der Annahme an Kindes Statt, in welchem wir rufen: Abba, Vater!» (Röm 8, 15); auf Grund dessen wir erst zu ihm sprechen können: «Vergib uns unsere Schulden» (Mt 6,12).

«Daran erkennen wir», sagt der Apostel Johannes, «daß Christus in uns bleibt: an seinem Geiste, den er uns geschenkt hat» (1 Joh 3,24). «Der Geist selbst gibt unserem Geiste Zeugnis, daß wir Kinder Gottes sind» (Röm 8,16). Denn Sache des Geistes ist jene Gemeinschaft, durch die wir der eine Leib des einzigen Sohnes Gottes werden. Darum steht geschrieben: «Wenn es also Ermahnung in Christo gibt, wenn Tröstung der Liebe, wenn Gemeinschaft des Geistes» (Phil 2, 1). Wegen dieser Gemeinschaft haben jene, auf die der Geist zuerst herabkam, in den Sprachen aller Völker geredet. Und wie durch die Sprachen das Menschengeschlecht unter sich enger verbunden wird, so ziemte es sich, durch die Sprachen aller Völker jene Gemeinschaft der Kinder Gottes und der Glieder Christi zu bedeuten, die sich über alle Völker hin ausbreiten sollte: auf daß, wie damals jener, der aller Länder Sprachen sprach, sichtbarerweise den Heiligen Geist empfangen hatte, heute der, der durch das Friedensband der überall verbreiteten Kirche umschlungen wird, erkenne, daß er den Heiligen Geist empfangen hat. Darum sagt der Apostel: «Trachtet, die Einheit des Geistes im Bande des Friedens zu wahren» (Eph 4,3).

Daß aber jene, die von der Kirche getrennt sind, diesen Geist nicht besitzen, das erklärt der Apostel Judas ganz offen, wenn er sagt: «Die sich selber abscheiden, die fleischlich sind und den Geist nicht besitzen» (Jud 19). Und ebenso hat Paulus innerhalb der Kirche jene Leute, die auf Grund von Personenkult gewisse Spaltungen betrieben, getadelt und ihnen dabei unter anderem gesagt: «Der fleischliche Mensch faßt nicht, was des Geistes Gottes ist: Torheit nämlich ist es für ihn, und er kann es nicht begreifen, weil es geistig beurteilt sein will» (1 Kor 2,14)... Und noch deutlicher: «Denn wenn einer sagt: Ich gehöre zu Paulus, ein anderer: ich zu Apollo, redet ihr da nicht sehr menschlich? Was ist denn Apollo, was ist Paulus? Nichts als die Diener, durch die ihr zum Glauben kamt» (1 Kor 3,1-5). Sie also, ich meine Paulus und Apollo, waren einträchtig in der Einheit des Geistes und im Band des Friedens; weil aber jene sie unter sich zu verteilen und hochmütig für die einzelnen Partei zu ergreifen begannen, werden sie menschlich und fleischlich und irdisch genannt; freilich auch, sofern sie sich nicht von der Kirche selbst trennten,» kleine Kinder in Christus»... Die sich aber von der Kirche selbst trennten, von denen heißt es nicht: «Sie fassen nicht, was des Geistes ist», sondern da heißt es: «Sie haben den Geist nicht.» Daraus aber, daß einer ihn hat, folgt noch nicht, daß er auch wissentlich erfaßt, was er hat.

Aber auch von dem kann man nicht sagen, daß er in der Kirche sei und zur Gemeinschaft des Geistes gehöre, der geheuchelten Herzens nur durch leibliches Dabeisein sich unter die Schafe Christi mischt. «Denn der Heilige Geist der Zucht flieht den Heuchler» (Weisheit). Wer immer also in schismatischen oder häretischen Versammlungen (oder besser gesagt: Zerstreuungen) getauft wird, ist zwar nicht aus dem Geiste wiedergeboren - er gleicht darin Ismael, der dem Fleische nach von Abraham stammt, nicht Isaak, der dem Geiste, das heißt der Verheißung nach von ihm geboren wurde (Gal 4,28-29) -  aber wenn er zur katholischen Kirche kommt und der Gemeinschaft des Geistes angegliedert wird, den er draußen zweifellos nicht besaß, wird er doch nicht zum zweiten Male getauft. Denn nicht mangelte denen draußen diese Form der Frömmigkeit; sie erhalten aber [beim Eintritt], was nur im Innern verliehen werden kann, die Einheit des Geistes im Bande des Friedens. Von solchen sagte, bevor sie katholisch wurden, der Apostel: «Sie besitzen die Form der Frömmigkeit, aber sie verleugnen ihre innere Kraft» (2 Tim 3,5). Die sichtbare Form des Rebzweiges kann auch getrennt vom Weinstock sein, aber dieser Zweig kann nicht die unsichtbare Kraft der Wurzel besitzen.

Ist dem so, dann kann die Vergebung der Sünden, die einzig im Heiligen Geiste verliehen wird, nur in jener Kirche verliehen werden, die den Heiligen Geist besitzt... «Wer nicht mit mir ist», sagt Christus, «der ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, zerstreut» (Mt 12,30). Damit zeigt er, daß jene nicht zu ihm gehören, die, außerhalb sammelnd, eben nicht sammeln wollen, sondern zerstreuen. Dann fährt er fort: «Und darum sage ich euch: Jede Sünde und Gotteslästerung wird den Menschen vergeben werden, die Lästerung des Geistes aber wird nicht vergeben werden.» Was bedeutet dies? Wird darum die Lästerung gegen den Geist als einzige nicht vergeben, weil, wer nicht mit Christus ist, gegen ihn ist, und weil, wer nicht mit ihm sammelt, zerstreut? (...)

Ist einer auch noch so sehr der Wahrheit entgegen, so daß er Gottes Stimme in seinem eingeborenen Sohn widerstrebt,.. es wird ihm vergeben werden, wenn er sich reumütig zur Güte Gottes bekehrt, der, da er den Tod des Sünders nicht will, sondern daß er sich bekehre und lebe, seiner Kirche den Heiligen Geist verlieh, auf daß, wem immer sie im Geiste die Sünden nachlasse, sie ihm nachgelassen seien. Wer aber sich zum Feind dieser Gabe erklärt, so daß er sie nicht reumütig nachsucht, sondern ihr verstockt widerstrebt, dessen Sünde wird unverzeihlich; nicht eine beliebige Sünde, sondern die Verachtung oder auch Bekämpfung der Sündenvergebung. Und das Wort gegen den Heiligen Geist wird dadurch gesprochen, daß man nie aus der Zerstreuung zur Gemeinschaft zurückkommt, die zur Sündenvergebung den Heiligen Geist empfing. Und wenn einer zu dieser Gemeinschaft auch durch Vermittlung eines schlechten Priesters, eines verworfenen und heuchlerischen, aber doch eines Dieners der katholischen Kirche, aufrichtigen Herzens hinzutritt, so erlangt er im Heiligen Geiste die Vergebung der Sünden... Es gibt also nur eine einzige Zuflucht, wenn die Lästerung nicht unverzeihbar sein und das Herz nicht verstockt werden soll; und keiner soll meinen, daß ihm die Reue etwas nütze, außer er hält an der Kirche fest, in der die Vergebung der Sünden gespendet und die Gemeinschaft des Geistes im Bande des Friedens gewahrt wird. (aus: Augustinus: „Das Antlitz der Kirche“ - Auswahl und Übertragung von Hans-Urs v. Balthasar, Köln 1955)
 
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