50. Jahrgang Nr. 9 / November 2020
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1. Trinität und Inkarnation
2. Kath. Bischöfe
3. Die Menschenrechte
4. Spätes Erwachen
5. Nicht in den Wind gesät
6. Als Corona-Maßnahme in Mecklenburg-Vorpommern sollen Kinder von ihren Eltern getrennt werden
7. Vom Selbstmord des Abendlandes
8. Islam-Terror in Wien
9. Buchbesprechungen:
10. NACHRICHTEN, NACHRICHTEN, NACHRICHTEN...
11. Mitteilungen der Redaktion
Nicht in den Wind gesät
 
Nicht in den Wind gesät

von
Georg Faber

Anmerkung der Redaktion: Die nachfolgende Erzählung bezieht sich auf eine Zeit, in der es um die Diaspora-Gebiete herum blühendes kirchliches Leben und eine vom christlichen Glauben geprägte Gesellschaft und Kultur gab. Heute ist jeder allein. Jeder steht heute für sich an der doppelten Front aus Gottvertrauen und Resignation, von Leben und Gleichgültigkeit. Nein? vor ein paar Jahren wohnte ich einer Debatte bei, in der H.H. Fr. Krier aus den USA einer tschechischen Gruppe aus Marienbad zusicherte, daß er sie als Seelsorger besuchen könne, aber nur noch einmal im Jahr, und wegen Corona nicht einmal das: sein diesjähriger Besuch fiel aus.
E. Heller

***

Das Paket lag auf dem Fenstertisch. Es war für seine Größe zu leicht und konnte also nicht die Bücher enthalten, die er erwartet hatte. Pastor Carden hatte dann nach dem Absender gesehen und den Namen Normarm Hörl in einer kräftigen, ausgeprägten Schrift gefunden: Ein Fremder also, ein Unbekannter, dem er noch nie begegnet war. Er hatte schon das Messer in der Hand gehabt, ließ aber nun das Paket ungeöffnet, denn selbst dies, einen Gegenstand betrachten, ein paar Zeilen lesen, ist wie ein Gespräch mit einem anderen, und dazu fühlte er sich nicht imstande. Eine Erschlaffung lähmte ihn, nicht die Müdigkeit des Körpers, die in einem gesunden Schlaf einmündet. Wie sollte auch ein Weg von 20 km mit dem Fahrrade müde machen, zumal an einem solchen trockenen und hellen Augusttage wie heute.

Carden war seelisch am Ende, er dachte an einen schlaffen Ballon, den er einmal vor vielen Jahren dicht über der Erde dahintreiben gesehen hatte, jeden Augenblick bereit, völlig zu Boden zu gehen. Er dachte, ich kann es nicht mehr, kein Jahr mehr, vielleicht keinen Monat. Wenn er die Augen schloß, sah er diesen länglichen gelbroten Ballon vor sich: Aber nein doch, diese Mattigkeit war nicht langsam, von Tag zu Tag stärker werdend, gekommen, sie war mit einem Male dagewesen. Ein Wort kann genügen oder auch nur ein Gegenstand, der sich vor das Auge schiebt, und alles, was fest und sicher schien, ist brüchig und sinnlos geworden. Nichts anderes war es gewesen, als ein hochbeladener Erntewagen, der die Straße kreuzte und die Ernte des Sommers, goldflammend in der prallen Sonne des Nachmittags, in einen der Höfe führte.

Und wo ist deine Ernte: hatte er sich gefragt und sich keine Antwort geben können und auch jetzt fand er nichts, was auch nur einen einzigen der Erntewagen aufwog, die zu hunderten über die Felder fuhren. Nichts. In Gallenz hatte er drei Kindern Religionsunterricht geben wollen, zwei fehlten und das dritte, ein elfjähriges Mädchen, war dermaßen abwesend und teilnahmslos, daß er den Unterricht abbrach und über glühende Sandwege heimfuhr. Und da begegnete ihm der Erntewagen. Nun saß er am Fenster. über niedrigen Dächern zitterte die Luft und wie eine offene, goldgelbe Muschel bereitete sich das Land bis in die fernen Hügelketten. Die Sonne stand in der Höhe der Baumkronen.  Carden schloß die Augen. Und da war wieder ein Traum, wie er sich in den letzten Wochen, im einzelnen gewandelt, zweimal wiederholt hatte. Er führte ihn in eine große Stadt, zu den spiegelnden Grachten nach Amsterdam, mitten in das Gewühl eines großen Menschenstromes. Und wenn er auch nach Weg und Ziel fragte, keiner verstand ihn. Jeder zuckte bedauernd, doch nicht unfreundlich, die Schulter. Man begriff ihn nicht. Und so irrte er als Fremdling durch die Straßen.

Noch halb im Traum richtete sich Carden auf: Wahrhaftig unverstanden. Wer schon begreift mich hier. Ich bin der katholische Pastor, und wenn sie es sich nie anmerken lassen, im Grunde erscheint ihnen meine Arbeit und erscheinen ihnen meine Wege sinnlos und überflüssig. Vielleicht bin ich es auch wirklich, ein nutzloser Mensch, der die Kraft seiner Jahre vertut und nie eine Ernte haben wird. Meine Mitbrüder im Seminar haben mich immer einen Optimisten geheißen, doch einmal geht auch die hellste Sonne unter. Und nun ist es soweit. Gewiß, erfüllte Pflicht, auf seinem Posten verharren, Ewigkeitswerte, das mag seine Richtigkeit haben, aber es gibt doch Zeiten, wo alles das nur zu leeren. Worten zusammenschrumpft. Ich könnte mich mit einem meiner Mitbrüder hierherum aussprechen und weckte vielleicht nur ein Echo gleicher Empfindungen und Gedanken. Ein verlorener Mensch auf verlorenem Posten, dem man allenfalls sein Mitleid schenkt.

Vom Gepolter eines Traktors völlig wach geworden, sah Carden wieder das Paket und ein bitterer Geschmack lag ihm im Munde: Almosenempfänger. Irgendjemand erbarmt sich deiner. Du bist nichts. Trag es nur weiter in christlicher Geduld bis ans Ende. Normann Hör!. Das war kein gebräuchlicher Name, doch irgendwann glaubt er ihm begegnet zu sein. Nun keimte so etwas wie Neugierde, er zerschnitt die Schnur, löste die Verpackung und dann schälte sich aus dicken Holzwollelagen ein Relief aus gebranntem Ton. Es war nicht groß, zwei Handbreit ins Geviert, aber, vom ersten Augenblick an ersichtlich, eine schöne, vollendete Arbeit: Die Auferweckung des Lazarus stellte es dar, und jetzt, da das volle Licht des Fensters darüber fiel, sah man den herben und zugleich innigen Glanz über den Gesichtern. Der dies geformt hatte, hatte damit ein Glaubensbekenntnis abgelegt. Doch wer war es, und warum schickte er es hierher?

Der beigefügte Brief gab ihm Klarheit. Indem er ihn las, hellte sich sein Gesicht auf. Nun wußte er, wann und unter welchen Umständen er diesem Hörl begegnet war. Viele Jahre war das her, doch jetzt lag wieder der herbstbunte Waldweg vor ihm, an dem er in bräunlichen Heidekrautbüscheln mit dem jungen Maler gesessen hatte, er der katholische Priester mit dem protestantisch Getauften, der sich als Atheist ausgab, und über das Sterben und das bleibende Leben gesprochen hatte. Bis in die fallende Dunkelheit hatten sie an diesem und auch am nächsten Abend noch über vielerlei geredet, und es blieb kaum etwas, was nicht wenigstens als Frage aufgeworfen wurde.
An das erinnerte nun der Brief. Normann Hörl, eben jener Maler, schrieb, es habe ihm keine Ruhe gegeben, immer wieder habe er sich in katholische Gottesdienste geschlichen und sei das eine Mal enttäuscht und das andere Mal wieder ein Stück weiter geführt worden, bis er nunmehr vor einigen Monaten den letzten Schritt gewagt und das Credo gesprochen habe. Er fühle sich zu Hause und aus dieser Freude sei ihm das Bildnis des Lebensweckers Christus wie von selbst unter den Händen entstanden, ja fast möchte er sagen, gelungen, wie kein anderes vorher. Wenigstens beglücke es ihn mehr, als alle früheren. Besonders aber freue er sich, daß er damit einen Teil seines Dankes abstatten könne. Doch hoffe er später einmal die Möglichkeit zu haben, jene abendlichen Herbstgespräche in nunmehr gewandelter Schau fortsetzen zu können. 
Unterschrieben war der Brief mit Lazarus.
Die Sonne war in das Geäst der hohen Pappeln getaucht und eine kühlere Luft wehte durch das Fenster. Wenigstens schien es Carden so, in dem alle Mattigkeit wie fortgewischt war. Die Straße entlang fuhr ein hochgeladener Getreidewagen, der die unteren Baumzweige streifte. Und möchte er auch doppelt so hoch sein, dachte nun Pastor Carden, eine Seele ist doch mehr wert. Meine Ernte ist reicher und ich habe nicht in den Wind gesät.

(aus: "Auf Gottes Waage - Christen in Glaubensnot und Zerstreuung" hrsg. von Hubert Butterwege und Albert Erdle, Paderborn 1956, S. 313 ff.)
 
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