50. Jahrgang Nr. 8 / Serptember 2020
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Die dunkle Seite der sozialen Medien –

Kinder und Jugendliche werden per Smartphons nicht nur gemobbt, sondern kommen ungewollt auch mit Sex und Gewalt in Berührung. Vieles ist strafbar.

von
Elke Richter

München. Es sind nur ein paar wenige Klicks, schon ist der Kopf der Klassenkameradin auf den Körper der Pornodarstellerin montiert und das Sex-Video an die ganze Jahrgangsstufe verschickt. Die Betroffene wird kurz darauf mit Nachrichten bombardiert - mit Worten und Aufforderungen, die üblicherweise nicht in einem Zeitungsartikel stehen. Die Folgen für die Jugendliche kann sich jeder ausmalen. Ein Einzelfall? Bei weitem nicht, betonen Lehrer und Polizisten unisono.

Beleidigung, Bedrohung, sexuelle Belästigung und Nötigung sowie Erpressung per Smartphone gibt es den Experten zufolge an nahezu jeder Schule. Doch oft genug bekommen die Erwachsenen diese Fälle gar nicht mit. Die Täter polieren auf diese Weise ihr Selbstbewusstsein auf, die Mitwisser halten aus Angst lieber die Klappe, die Opfer schweigen aus Scham - und allen zusammen ist oftmals nicht bewusst, dass Grenzen verletzt werden, die zu überschreiten noch vor kurzem undenkbar schien.

"Die Welt da draußen, so verroht sie manchmal ist, so  schlampig und vulgär, so sexistisch und rassistisch und antisemitisch, ist in der Welt der Kinder angekommen", schildert Simone Fleischmann, Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV). Eine große Rolle spielen dabei die sozialen Medien, die die Kommunikation verändert haben - und damit auch die Kommunikation in den Schulen. "Wenn man früher Konflikte zwischen Schülern hatte, dann hat man das gesehen, dann gab es eine Prügelei oder einen lautstarken Streit. Da könnte man als Pädagoge eingreifen", schildert Ilka Hoffmann. die Schulexpertin der Bildungsgewerkschaft GEW. "Jetzt läuft das alles verdeckt ab."

Doch während die Täter sich tatsächlich immer wieder in der Anonymität des Netzes verstecken können, sieht es für die Opfer ganz anders aus: "Derjenige, der dieses Nacktbild mit meinem Kopf gestern in die Klassenchatgruppe gestellt hat, begegnet mir am nächsten Tag im Klassenzimmer, und alle anderen begegnen mir auch. Damit ist die digitale Anonymität überschritten, und das packen die Jugendlichen nicht", berichtet Fleischmann.

Das Fatale ist: „Die Opfer suchen die Ursachen bei sich, das führt zu ganz massiven Selbstwertschädigungen", erklärt Schulexpertin Hoffmann. Die meisten zögen sich stark zurück. Während Jungs manchmal aggressiv würden, komme es bei Mädchen häufiger zu selbstverletzendem Verhalten.

Das erleben auch Esther Papp und Cem Karakaya immer wieder. Sie befassen sich am Polizeipräsidium München mit Prävention und haben täglich mit Sexting, Sextortion, Cybermobbing und Cybergrooming zu tun - Begriffe, die viele Eltern noch nie gehört haben, im Leben vieler Kinder aber Alltag sind.

Sexting, Sextortion und Cybermobbing

also das gegenseitige „Scharfmachen" durch Chatnachrichten oder freizügige Aufnahmen, die unter Jugendlichen oft als Liebesbeweis eingefordert werden. Sextortion wird daraus, wenn diese Bilder oder Videos zur Erpressung eingesetzt werden. Cybermobbing ist das Fertigmachen und Bloßstellen Einzelner über digitale Medien, meist über einen längeren Zeitraum. Und Cybergrooming ist die digitale Kontaktaufnahme zu Minderjährigen mit dem Ziel, ein digitales oder reales sexuelles Verhältnis zu beginnen. Oft geben sich dabei erwachsene Pädophile als Jugendliche aus.

Exakte Zahlen zu diesen Phänomenen gibt die Kriminalstatistik laut Bundeskriminalamt nicht her. Doch alle Experten sind sich einig, dass die bekannt werdenden Fälle lediglich die Spitze des Eisbergs sind und es eine riesige Dunkelziffer gibt.

"Wir könnten als Polizei pro Tag pro Schule mindestens 400 Handys beschlagnahmen und Anzeigen erstellen", ist Karakaya überzeugt. Der Beamte geht regelmäßig an Münchner Schulen, um das Bewusstsein der Heranwachsenden zu schärfen. Völlig nüchtern resümiert er, dass Pornos für Siebtklässler inzwischen Alltag sind, die Zwölfjährigen zugleich aber kein Bewusstsein dafür hätten, dass vieles von dem, was ihnen täglich in den Sozialen Netzwerken begegnet, Straftaten sind: Etwa Bedrohung, sexuelle Belästigung und Nötigung oder die Verletzung des Rechts am eigenen Bild oder des höchstpersönlichen Lebensbereiches.

Den jungen Opfern gibt Karakaya den Ratschlag, sich so früh wie möglich an einen verantwortlichen Erwachsenen zu wenden, Übergriffe etwa per Screenshot zu dokumentieren und im Zweifel auch Anzeige zu erstatten, "um zu zeigen, dass du dir nicht alles gefallen lässt, dass du nicht das Opfer bist, dass du dich wehrst“.

Karakaya und Papp wissen, dass ihre Arbeit nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Sie sehen in erster Linie die Eltern in der Verantwortung - doch die setzten sich mit den Gefahren der digitalen Welt viel zu selten auseinander, geschweige denn, dass sie den Weg mit ihren Kindern gemeinsam beschreiten würden. „Es ist ja bequem, wenn die Kinder mit ihren Smartphones in ihrem Zimmer verschwinden", bilanziert Papp.

WAS BETROFFENE TUN KÖNNEN

ELTERN

Wenn Jugendliche in sozialen Medien schlimme Erfahrungen machen, sollten sie sich Hilfe holen - auch wenn es teils schwerfällt. Beste AnlaufsteIlen dafür sind natürlich die Eltern oder die Lehrer.

IM NETZ

Zusätzliche Unterstützung gibt es im Internet oder direkt auf dem Smartphone: Von der Webseite Klicksafe.de gibt es die kostenlose App „Cyber-Mobbing Erste-Hilfe" mit Hilfe-Videos, rechtlichen Tipps und Kontaktdaten weiterer Beratungsstellen. Individuelle, schriftliche Beratung bieten der Kika-Kummerkasten und das damit verbundene Beratungsteam der Diakonie. Und telefonisch hilft die "Nummer gegen Kummer" weiter.

(Westdeutsche Zeitung, Mittwoch, 12. JUNI 2019)
 
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