50. Jahrgang Nr. 1 / Februar 2020
Datenschutzerklärung | Zum Archiv | Suche




1. Die Gottesfrage: Gott als Schöpfer
2. Clerici vagantes oder Priester der kath. Kirche
3. Papa contra Papam
4. Über den Triumph des Kitsches
5. Abbas Agathon
6. Ungarns Premierminister Viktor Orbán
7. Europa: Antichristliche Angriffe erreichten 2019 ein Allzeithoch
8. Die leoninischen Gebete nach der hl. Messe
9. Erzbischof Viganò über Franziskus:
10. NACHRICHTEN, NACHRICHTEN, NACHRICHTEN...
11. Mitteilungen der Redaktion
Über den Triumph des Kitsches
 
Über den Triumph des Kitsches

von
Magdalena S. Gmehling
             
Leben als Umgang mit der uns umgebenden Welt bedarf der Verantwortung. Verantwortung heißt: in der Antwort stehen, wachsam auf seinem Posten bleiben. Dies setzt voraus, dass eine intensive geistige Beschäftigung mit jenem Wertgefüge stattfindet, welches unserem alltäglichen Wandel und  unseren Urteilen zugrunde liegt.

Seit Ortega y Gasset vor 80 Jahren nachdrücklich auf den Einfall des Primitivismus in die europäische Kultur und das Missverhältnis zwischen der Subtilität der Probleme und der Intelligenzen verwies, vollzieht sich unaufhaltsam ein Rückschritt in die Barbarei. Die innere Unkultur paart sich mit sittlichem Versagen. Leben als unbegrenzter Markt der Möglichkeiten gaukelt zweifelhafte Unabhängigkeiten vor. Eine nie gekannte Fülle wertloser Wortschöpfungen, sinnloser Bilderflut, geistlos dekadenter Musik prägt und überformt das Bewusstsein des gegenwärtigen Durchschnittsmenschen. Schlagwortgläubig, selbstverliebt und maßlos in seinem Anspruchsdenken schlittert dieser in eine geistige Trägheit, die sich von aller Anstrengung dispensiert und die letztlich in einer De-Personalisierung endet. Nicht mehr Wahrheitsgehalt oder Falschheit gelten als verbindliche Kriterien, sondern aufgeblähte Idolatrie, Ehrfurchtslosigkeit und Verkennung traditioneller Werte.

Einher geht mit diesem Zustand eine Verödung des Gefühls. Erlebnisweisen, die früher in der Tiefe eines empfangsbereiten Gemütes wurzelnd, zu Staunen und Andacht führten, verflachen in Hohlheit, Künstlichkeit und Selbstgenuss. Man denke beispielsweise an die Situation eines sogenannten „Jugendgottesdienstes“. Das Publikum flaniert ungeniert und in spontaner Unterhaltung begriffen zwischen den Kirchenbänken. Ein Lektor oder sein weibliches Pendant flitzt mit wehendem Pseudo-Chorrock geschäftig zwischen Volksaltar und schlagzeugbereiter Musikband hin- und her. Leise Trommelwirbel verkünden den Beginn des Events. Schließlich ohrenbetäubender Krawall, verstärkt durch E-Gitarren, Keyboard und Synthesizer: der Priester schreitet zum Altar und eine ölige Solostimme umwölkt die Gemeinde mit kitschiger Rührseligkeit.

Der abgestumpfte Sinn für das Heilige, mag in seiner naiven Selbstgefälligkeit die kumpelhafte Vereinnahmung der verstockten und verrammelten Seelen nicht einmal mehr wahrnehmen. Sinnlicher Genuss isoliert. Es gibt keine Gemeinschaft und schon gar kein religiöses Erleben, dort, wo liturgische Räume, Gewänder, Gesänge und Zeremonien der Entwürdigung preisgegeben sind. Die skandalöse Ehrfurchtslosigkeit zeigt sich –wie Dietrich von Hildebrand diagnostizierte- entweder in ahnungsloser Stumpfheit oder in absichtsvoller Frechheit. Die Verdummung wird über Durchschnittschristen gewissermaßen zwangsweise verhängt. Ohne kompetente Hilfe ist er kaum in der Lage, sich zu ent-schulden, also sein oberflächliches Verhalten einzusehen und zu beseitigen. Welche Tragik!

Noch viel gefährlicher ist jene dünkelhafte Scheinüberlegenheit, die sich in einer taktlosen Art und Weise auslebt, überzeugt von der eigenen Gottähnlichkeit. Spiritueller Narzissmus, Selbstvergötzung und Selbstbeweihräucherung, gepaart mit besserwisserischem Aktionismus erzeugt pausenlose Unruhe. Gott wird eigensüchtigen Zwecken dienstbar gemacht. Man beraubt die Gläubigen der Möglichkeit, ruhig zu werden, still anzubeten, sich zu versenken.
Wem die Ehrfurcht abhandengekommen ist, der verliert auch den Sinn für Schönheit. Es geht hier nicht um ästhetischen Genuss, sondern um heilige Kunst, die einen zeitlosen Gehalt des Geistes widerspiegelt.
„Daß die heilige Kunst die göttliche Kunst nachzuahmen habe, ist eine allgemeine, in jeder überlieferungstreuen Kultur vorhandene Auffassung, und damit ist auch schon die Abwendung von jeglichem ‚Naturalismus‘ gegeben: Nicht die vollendete, vielfältige Schöpfung Gottes, die Welt, wie wir sie sehen, soll nachgeahmt werden, denn ein solches Unterfangen wäre vermessen, sondern die Art und Weise, wie der göttliche Geist schafft, soll auf den beschränkten Bereich, in dem der Mensch selber menschlich gestaltet, nämlich auf das Handwerk angewendet werden.“ (1) Mit diesen Worten ist bereits ausgesagt, dass eben eine vom Geist nicht durchdrungene Form, ein unentfaltetes und verkümmertes Gefühlsleben, der ideale Nährboden ist, für Kitsch und Sentimentalität. Die Trägheit des Geistes und des Herzens schwelgt im Wohlklang der Melodie, in gefühlvollen Texten und abgeschliffenen religiösen Vorstellungen, eben in triebbetonten Gemeinplätzen.

Auf eine weitere Bedenklichkeit ist hinzuweisen. Die angebliche „christliche Hybris“, dass außerhalb der Kirche kein Heil sei, hat einen seltsamen Bedeutungswandel, ja eine Art Umkehrung erlebt. Heute heißt es, bereits das Vorhandensein eines religiösen Anspruches garantiere dessen Rechtmäßigkeit und ziele auf Gleichberechtigung religiöser Instanzen. Gibt es nun eine geoffenbarte Wahrheit? Gibt es eine verbindliche Heilsordnung?

Viele Bibelstellen belegen, dass echte Erfahrung des Göttlichen Demut erzeugt. Demut als Geschenk der Gnade und Widerpart jeglicher hochmütigen Vermessenheit. Die Bekehrung des Saulus war nicht Frucht seiner Bemühungen, sondern der Eingriff einer höheren Welt. Wo die Wahrheit manipuliert, pluralisiert oder gar pervertiert wird, öffnet sich erneut der Weg in die längst überwunden geglaubte magische Naturvergötzung. Augustinus beschreibt das Entrinnen aus der heidnischen Verstrickung, den fundamentalen Neuanfang, in seinen Confessiones (X, 6,9):
 „Was ist Gott? Ich fragte die Erde, und sie sagte: Ich bin es nicht; und was immer sich auf ihr befindet, bekannte dasselbe. Ich fragte das Meer und die Abgründe und alle dich bewegenden lebendigen Seelen, und sie antworteten. Wir sind nicht dein Gott; suche über uns. Ich fragte die wehenden Lüfte, und die ganze Luft mit ihren Einwohnern antwortete: Anaximenes täuscht sich; ich bin nicht Gott. Ich fragte den Himmel, die Sonne, den Mond, die Sterne; sie antworteten: Auch wir sind nicht Gott, den du suchst. Und ich sprach zu allen, die vor den Türen meines Fleisches stehen: Sagt mir etwas von meinem Gott, was ihr nicht seid, sagt mir etwas von ihm. Und sie riefen mit lauter Stimme aus:‘ Er selbst hat uns gemacht‘.“

Der naturreligiöse Fruchtbarkeitskult, welcher jüngst in Rom Einzug hielt, führt sich vor diesem Hintergrund selbst ad absurdum. Dies nur nebenbei. Es geht auch nicht um die lächerlichen synkretistischen Lobpreishymnen der „Gaia-Liturgie“ und ähnlichen Schnickschnack. Uns beschäftigt hier eine ästhetische Frage.

Wann hat man es je gewagt, eine derart scheußliche Götzen-Figur wie es die sogenannte Pachamama nun einmal ist, in sakralen Räumen, ja vor dem Petrusgrab, zu zeigen? Eine nackte schwangere Frau mit verzerrten Zügen und geburtsbereitem Embryo. Dieser Ethnokitsch hat im kirchlichen Raum nichts verloren. Allein die Duplizierbarkeit der Erdmutter verweist auf ein Machwerk, das scheinbar beliebig hergestellt werden kann und meilenweit entfernt ist von indigener Kunst, wie sie uns beispielsweise in den Moai der polynesischen Kultur entgegentritt. Pachamama-Artefakte dienen Zwecken, die der Mensch anstrebt. In ihrer aufdringlichen Präsenz erinneren sie an die lächerlichen knallbunten Plastikfiguren des Lutherjahres. Mit marktschreierischer Omnipotenz „zierten“ letztere die unmöglichsten Orte. Eine kitschige Geschmacksverirrung kunstvoll „installiert“.

Inzwischen hat die Gehirnwäsche Methode. Zivilisationsgeschädigte Kinder der sogenannten Mutter Erde sollen sich in einer Öko-Allianz um eine göttlich-dämonische Figur scharen, deren Geschlechtsmerkmale brutal die sexuellen Elemente in der synodalen Pluralität verkörpern. Die Heiden mögen derart indezent in ihren Darstellungen verfahren. Im christlichen Raum haben durchsichtige nackte Schwangere nichts verloren.

Verweisen wir in diesem Zusammenhang auf die wunderbaren Bildnisse der Heimsuchung. In sich gesammelt, durchglüht vom Geheimnis göttlicher Gegenwart, umarmt die schwangere Maria ihre im sechsten Monat mit Johannes dem Täufer schwangere Base Elisabeth. Diese grüßt mit Worten, die wir heute noch in jedem Ave beten. Maria antwortet mit dem Lobpreis des Magnifikat. Zahllos sind diesbezügliche Abbildungen. Giotto di Bodone hat 1305 diese Visitatio dargestellt, Piero di Cosimos Gemälde „Die Heimsuchung, mit den Heiligen Antonius und Nikolaus“, ist in Washington, in der National Gallery of Art zu bewundern, ein herbes, fast bäuerlich anmutendes Holzrelief aus dem 15. Jahrhundert beherbergt die Pfarrkirche in Tirschenreuth. Selbst dort, wo der Künstler meint, die Leibesfrucht darstellen zu müssen, geschieht dies bei den alten Meistern zuchtvoll und dem Mysterium angemessen.

Fassen wir zusammen: Die Bildnisse der Erdgöttin Pachamama erfuhren auf der Amazonas- Synode eine quasi-liturgische Verehrung. Pachamama gilt bei einigen indigenen Völkern der Anden als Vermittlerin zwischen der Ober -und Unterwelt und soll rituelle Kommunikation ermöglichen. Über dieses heidnische Konstrukt äußert sich Weihbischof Athanasius Schneider in einem Gastkommentar am 19. November 2019: „Dieser Pachamama-Kult drückt den Glauben an die Erde als lebendiges und persönliches Wesen aus, deshalb handelt es sich hier um Synkretismus, der Trügerisches in den christlichen Kult einführt.“

Das religiös-sittliche Leben des Christen wird durch derartige Entartungserscheinungen in der Wurzel vergiftet. Die Glaubenswahrheit des 1. Gebotes lautet: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Jede Unechtheit, alles Billig-Minderwertige, jede Vernebelung und Verzerrung, jede naive Geschmacklosigkeit gerät in die Nähe des Mühlsteinwortes: „Wer aber einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es gut, daß ein Mühlstein um seinen Hals gehängt und er versenkt würde in die Tiefe des Meeres. Wehe der Welt um der Ärgenisse willen! Denn es müssen zwar Ärgernisse kommen, doch wehe dem Menschen, durch den das Ärgernis kommt.“ (Mt 18, 6-7).
______________________
1) Titus Burckhardt. Vom Wesen heiliger Kunst in den Weltreligionen Zürich 1955. S.5
 
(c) 2004-2018 brainsquad.de