50. Jahrgang Nr. 4 / Juni 2020
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1. The Errors of Vatican II and their defeat through Recognizing Christ as Son of God
2. Is Jesus Christ the Son of God?
3. How Christ can be recognized as Son of God – further reflections
4. Remarks on the Thought of Atonement
5. The Question remains: Is Jesus Christ the Son of God?
6. Blessed are the pure of heart, for they will see God (Mt. 5, 8)
7. Remarks about the discourse: Blessed are the pure of heart, for they shall see God (Mt. 5, 8)
8. But we all beholding the glory of the Lord with open face, are transformed into the same image
9. Appendix - Having God in us
10. The Meaning of Art in the Religious Domain
11. Information of the editorial office
Die Gottesfrage: Gott als Schöpfer
 
Die Gottesfrage: Gott als Schöpfer

von
Bischof Dr. Günther Storck +
(aus Beiträge Dez-Jan. 2019/2020, Nr. 149, Katechesen 1981


(Teil 20) Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Amen. Liebe Brüder und Schwestern in Christus, unserem Herrn!
Wir wollen uns heute noch einmal der Gottesthematik zuwenden. Ich habe es schon angekündigt: Wir wollen noch einmal auf den Gedanken des Schöpfergottes und der Schöpfung zu sprechen kommen. Auch da zunächst zwei Vorbemerkungen: Eine, die mehr eine sprachliche Seite angeht; aber Sie werden sehen, dass mit dieser sprachlichen Thematik auch schon die Sache angegangen wird.

Schon in der Heiligen Schrift, wenn man sie in der hebräischen Ursprache sieht und beachtet, wird für die Schöpfung, für die Schöpfertätigkeit Gottes, ein eigener Ausdruck gewählt. Dieses Verb kommt sonst nicht mehr vor, das in dem Zusammenhang, wo von der Schöpfung Gottes gesprochen wird, verwandt wird. Und so ist es übrigens auch in den anderen Sprachen, etwa im Griechischen, aber auch im Lateinischen und ebenso im Deutschen. Wenn wir davon sprechen, dass Gott Schöpfer ist, dann verwenden wir ein Nomen und ein Verb, das wir sonst eben nicht wählen. „Schöpfen“ oder „erschaffen“ kommt ja sonst in dem Sinn nicht vor. Gott „erschuf“ die Erde. Oder wenn wir davon sprechen, dass er „Schöpfer“ ist, wählen wir einen Ausdruck, der sonst nicht vorkommt. „Schöpfen“ hat ja sonst – sagen wir: Einen Eimer aus dem Brunnen „schöpfen“ – eine andere Bedeutung. Die normale Bedeutung, die wir kennen, heißt: „Erschaffen“. Und „schöpfen“ ist übrigens ein schwaches Verbum, während das starke Verb ja „erschaffen – erschuf“ heißt.

Und so wird gerade schon sprachlich das völlig Einzigartige der Schöpfertätigkeit Gottes zum Ausdruck gebracht. Gott erschuf ja die Welt aus Nichts! So lautet die dogmatische Aussage, die wir alle kennen. Ein Mensch kann nicht etwas aus nichts erschaffen. Ein Handwerker kann einen Stoff, der schon da ist, bearbeiten. Sagen wir: Der Schreiner kann ein Holz- stück bearbeiten, so dass es dann ein Tisch, ein Stuhl, ein Schrank usw. wird. Aber er kann nicht dieses Material aus nichts erschaffen!

Das ist ja gerade dieses analogielose, dieses völlig Einzigartige der Schöpfertätigkeit Gottes, dass er aus nichts erschafft! Und „nichts“ heißt hier nicht etwa, wie manche Menschen, manche Philosophen, unterstellen, dass irgendeine Materie vorgestellt werde, sondern „nichts“ heißt tatsächlich das totale „Nichts“. Ein nichts an Nichts, kann man sagen. „Gott schafft und erschafft die Welt“ heißt: Er hat gar keine andere Ursache, Er erschafft sie allein aus Seiner absoluten Ursächlichkeit. Das ist eben diese Aussage, die wir theologisch ja treffen und die wir aus der Glaubenslehre der Kirche übernehmen.

Dann eine zweite Vorbemerkung noch, die auch sehr interessant ist und die uns auch einen ganz bestimmten Hinweis geben kann und geben wird im Verlauf: Die Exegeten haben bei der Erforschung vor allem der Komposition, des Aufbaus des Neuen und Alten Testamentes, interessante Bemerkungen und Beobachtungen gemacht: Sie haben nämlich gerade beim Alten Testament durch Textkritik, durch Analyse der Komposition usw. herausgekriegt, dass die Textstellen, die wir aus dem Anfang des Buches Genesis kennen, in denen von der Schöpfertätigkeit Gottes die Rede ist, relativ spät sind. Das ist für uns heute eigentlich nichts Unvorstellbares, nichts Schwieriges mehr, diese Ergebnisse der Textkritik, die man natürlich kritisch beurteilen muss und nicht einfach so übernehmen kann, wie sie gemacht werden. Jedenfalls, wenn wir diese Aus- sagen oder diese Beobachtungen und Feststellungen kennen, ist es für uns nichts Besonderes, diese Behauptung auch zu übernehmen: Das Alte Testament hat eine ganz bestimmte Geschichte. Die Einzelstücke des Alten Testamentes sind in bestimmten Zeiten und von bestimmten Personen zusammengefügt worden. Sie sind nicht alle aus einem Guss. Übrigens genauso, wie das Neue Testament.

Die Lutheraner besonders haben ja immer die Heilige Schrift betrachtet, als ob sie ein vom Himmel heruntergefallenes Buch sei! Die moderne Exegese hat als ganz selbstverständlich erkennen und erfassen gelernt, dass dem Neuen Testament, so wie wir es jetzt vorliegen haben, längere Traditionen verschiedener Art vorausgingen. Und das ist ja eine sehr spezifisch katholische Aussage: Der Heiligen Schrift geht die Kirche und ihre lebendige Glaubenstradition voraus, die der Protestant ja eigentlich nicht annehmen kann!

Für uns Katholiken ist das überhaupt keine Schwierigkeit. Es ist eine selbstverständliche Aussage, weil wir aus unserer Glaubenslehre wissen: Die Offenbarung besteht nicht allein aus der Heiligen Schrift, sondern der ihr schon vorausliegenden mündlichen Offenbarung der Apostel, der Apostelschüler und der Zeugen der Offenbarung.

So ist es ähnlich im Alten Bunde. Und es ist jedenfalls eine sehr interessante Beobachtung dieser Exegese, dass die Stücke, die von der Schöpfertätigkeit Gottes handeln, ein relativ jüngeres Alter haben, und dass die älteren Textüberlieferungen, die wir kennen, jedenfalls ursprünglich noch nicht eigentlich von der Schöpfertätigkeit Gottes handeln. Diese älteren Stücke behandeln etwa den Auszug aus Ägypten. Sie behandeln also die Heilsäußerung, die Heilszuwendung Gottes. Gott ist zunächst der Bundesgott! Und weil dieser Bundesgott in der Auseinandersetzung mit den Götzen und den Feinden Israels Seine absolute Überlegenheit über die anderen „Götter“, die Götzen sind – Nichts sind! -, zeigt, kommt Israel im Laufe der Zeit auch dazu, zu glauben und zu erkennen: Dieser Gott Israels ist der alleinige Gott. Ist Er aber der alleinige Gott und Herr, dann ist Er auch der Schöpfer.

So kommt, sachlich vorrangig, aber historisch gesprochen erst im Laufe der Zeit, das Credo von der Schöpfertätigkeit Gottes an diesen Anfang der Heiligen Schrift. Was soll diese Beobachtung, die ich jetzt exegetisch mitteilte, was soll die für dieses Thema eigentlich aussagen? Nun, ich sagte Ihnen schon, dass wir bei der Betrachtung der Gottesthematik im Grunde drei Fragen zu stellen und zu lösen haben:

Einmal die Frage nach dem moralischen Soll. Was ist der Grund unseres moralischen Sollens und ist dieser Grund gerechtfertigt?
Die zweite Frage: Was ist der Grund unseres Erkennens? Gibt es tatsächlich einen Grund unseres Erkennens? Ist dieses Erkennen wirklich in der Lage, die Wahrheit zu erkennen? Und: Worin besteht die Wahrheit und ihr Kriterium?
Schließlich die dritte Frage: Woher kommt alles das, was ist? Woher kommt das All, woher kommt die Welt? Was ist der Grund der Welt?

Ich hatte schon gesagt: Diese letzte Frage ist nicht die eigentliche. Sie ist nicht einmal die eigentlich Wesentliche. Die eigentlich Wesentliche ist sicher diejenige nach dem moralischen Grund unseres Sollens! Die Frage Gottes als dem moralischen Urheber, dem Richter auch. Das ist sicher die entscheidende Frage! Damit zusammenhängend aber auch die Frage nach der Wahrheit, nach dem Grund unseres Erkennens. Und ich habe Ihnen da schon gesagt, dass wir hier das Eigenartige haben, dass wir eine ursprüngliche Einsicht gerade in die Wahrheit haben! Das heißt wesentlich: Der Mensch ist Ebenbild Gottes! Hätten wir diese Einsicht nicht, dann könnten wir Gott, könnten wir den Willen Gottes auch nicht erkennen. Könnten wir den Willen Gottes nicht erkennen, dann wären wir keine moralischen Wesen! Sie sehen: Entweder gibt es eine Moral und dann eine unmittelbare Beziehung des Menschen zu Gott, eine unmittelbare Erkenntnis des Willens Gottes – oder es gibt keine Moral!

Ich hatte Ihnen schon einmal das sehr wichtige Wort Dostojewskis vorgestellt: „Wenn es Gott nicht gibt, dann ist alles erlaubt!“ Und das sehen wir ja heute in der ganzen Breite der Auswirkung: Die Leugnung Gottes, der Ausfall des Glaubens an Gott, was der moralisch alles an Auswirkungen und Folgen mit sich bringt! Die Menschen werden völlig haltlos ein Spielball in Händen der dunklen Mächte, letztlich Satans, und dann ist das Leben natürlich völlig sinnlos!

Jetzt zu der anderen Frage, die letztlich etwas komplizierter ist, zu dieser dritten Frage, die von vielen als die wesentlichste Frage durch die Argumentation der Naturwissenschaften ausgegeben wird, die allerdings nicht die allerwesentlichste Frage ist. Aber, wie gesagt, wir wollen uns ihr natürlich auch stellen: Unter diesem Gesichtspunkt der Herkunft der Welt, der Schöpfung, der Frage nach dem Grund der Welt, der Schöpfung, können wir keine unmittelbare Erkenntnis haben! Das ist ganz wichtig, dass wir uns das klar machen. Und wir können sogar erkennen, warum wir hier keine vollkommene Erkenntnis haben: Weil wir nämlich dem Akt der Schöpfung nicht beiwohnen können.

Könnten wir diesem Akt der Erschaffung der Welt beiwohnen, dann müssten wir selbst Gott sein. Denn die endliche Kreatur wird ja erst geboren, wird ja erst er- schaffen. Und ich hatte Ihnen vor allem in den moralischen Zusammenhängen den Hinweis gegeben: Die Krone der Schöpfung ist ja der Mensch, und das heißt gerade: Die Freiheit des Menschen! Und hier wird eigentlich das Mysterium sichtbar, dass Gott ein Wesen erschafft, das in sich völlig frei ist, das in sich eigenständig ist! Er erschafft nicht Marionetten – das könnte Er auch! -, die automatisch das tun, was Er will!

Der Mensch ist ein freies Wesen, das heißt: Er kann aus sich das tun, was er will! Er muss nicht notwendig das tun, was Gott will! Und hier ist eigentlich das Mysterium der ganzen Schöpfung! Und wenn wir das erkennen, dass ja der Mittelpunkt des Schöpfungsvorgangs die Erschaffung des Menschen als freien Wesen ist und dass diese Freiheit nicht abgeleitet werden kann – man kann nicht sagen: sie ist not- wendig. Sie ist für die ganze Schöpfung frei, aus Gottes freiem Willen! -, dann kann man erkennen, dass man diesen Akt nicht einsehen kann! Und das macht eigentlich das Schwierige aus. Deshalb haben auch die Naturwissenschaftler eine relativ große Möglichkeit, den Menschen mit allen läppischen und banalen anderen Theorien eine Pseudo-Erklärung der Welt und ihrer Entstehung sozusagen an die Hand zu geben.

Machen Sie sich das aber immer klar: Wenn man etwa sagen wollte, wie man es heute immer wieder hört: Die Schöpfung ist aus einem Urleben entstanden, oder: Die Schöpfung ist aus einem Uratom entstanden, aus der Urmaterie, aus einem Urnebel oder wie sie dieses Urfaktum immer angeben wollen. Wenn man nicht geistig völlig beschränkt ist, wenn man sich einen Blick bewahrt hat für die Problematik der Frage, muss man jedoch immer weiter fragen: Woher kommt der Urnebel? Woher kommt das Uratom? Woher kommt dieses Urfaktum, das man als erstes angibt? Denn diese Frage ist nicht gelöst, wenn ich so eine erste Materie angebe! Ich muss notwendig fragen: Woher kommt sie? Diese Frage bei Gott zu stellen, ist völlig sinnlos. Gott ist ewig, Gott ist aus sich! „Causa sui“, so hat die Philosophie immer gesagt, auch die Theologie. Er ist absolut!
Aber was nicht absolut ist, muss deshalb, eben weil es nicht absolut ist, weil es sich nicht selbst erklärt, nicht selbst rechtfertigt und versteht, eine Erklärung finden! Und die Erklärung der Naturwissenschaft reicht nicht aus, weil sie nicht erklärt, wo- her das erste angenommene Etwas kommt! Und deshalb findet der Mensch, wenn er diesen Erklärungen folgt, keine echte, befriedigende Lösung für diese Problematik! Und es ist ja auch bezeichnend für die naturwissenschaftliche Erklärungen, dass sie immer wieder neue Erklärungen suchen und finden, ja suchen und finden müssen, weil eben dieses erste, was da angenommen wird, durch nichts erklärt wird.

Ich habe Ihnen schon gesagt, dass die Glaubensaussage eine viel höherwertige und höherrangige ist, weil hier nicht auf der Ebene der natürlichen Ursachen gesprochen und gedacht wird, sondern weil eben eine übernatürliche Ursache, eine übersinnliche Ursache, Gottes Liebe, als Grund angegeben wird und völlig sinnvoll als Grund angegeben wird, auch wenn man nicht erkennt, wie Gott diese Schöpfung erschaffen hat. Das ist, wie gesagt, tatsächlich nicht einsehbar. Das muss man in diesem speziellen Sinn glauben. Ich habe Ihnen bei der Moral und bei der Frage der Erkenntnis gerade den Hinweis dafür zu geben versucht, dass ich da eine echte Einsicht haben muss, eine echte rationale Einsicht. Und das rechtfertigt unseren Glauben, was die rationale Frage angeht.

In dieser anderen, in dieser dritten Frage nach der Herkunft der Schöpfung können wir diese Einsicht nicht haben, aber, wie gesagt, wir können einsichtig sehen, dass wir das einsichtig nicht wissen können. Hier müssen wir in diesem engeren Sinne da glauben, wo wir keine Einsicht haben! Wo wir erst auf Grund einer vorangehen- den Einsicht, nämlich dass Gott der Absolute, der Heilige ist, schließen können: Ist Er wirklich der Herr, und zwar auch der einzige Herr, dann ist Er auch der Grund der Schöpfung!

Wir sehen hier noch einmal, was ich Ihnen bei dem exegetischen Hinweis zu erklären versuchte, warum die Heilsaussage die vorrangige ist! Und warum auf Grund der Tatsache, dass der Mensch erfährt: Gott will mein Heil und Er schafft auch die Realisierung dieses Heils! Das Heil ist auf Grund dieser Heilsaussage dazugekommen, weil Gott der Herr ist. Und weil Er sich als Herr in der Schöpfung erweist, ist Er auch der Herr der Schöpfung selbst. So lautet der Schluss, der von einem Faktum ausgeht, das völlig in sich gerechtfertigt ist: Dass Gott der wahre Herr ist, der wahre Grund von allem. Ist Er der wahre Grund von allem, dann muss Er auch der Grund dieser Schöpfung sein. Aber das kann man nicht einsehen, das muss man schließen, das ist im engeren Sinn Glauben in dem Sinne, dass ich es nicht durchschaue, wie Gott die Schöpfung schafft.

Ich darf noch einen Hinweis geben, der auch mit der Schöpfertätigkeit Gottes zusammenhängt, nämlich der andere Gedanke, den die Theologie auch immer erwähnt, dass Gott nicht nur Schöpfer ist, sondern auch Erhalter. Ein Philosoph hat mit Recht einmal gesagt: Es bedarf, um die Welt in ihrem Sein zu erhalten, genau des absoluten Grundes, der auch die Welt erschaffen hat. Denn eine andere Ursache kann die Welt nicht im Sein erhalten! Es ist sehr wichtig, sich auch dafür den Blick zu öffnen und den entsprechenden Zusammenhang zu erkennen: Es ist nicht selbstverständlich, dass die Welt fortbesteht! Das ist nicht einfachhin garantiert. Die Welt hat ihren Grund nur in Gott und im ständigen Willen Gottes, das, was Er erschaffen hat, auch im Sein zu erhalten!

Ich will Ihnen einen Hinweis geben, wo Sie das besonders schön erkennen können: Der Mensch ist der Mittelpunkt, das Zentrum der Schöpfung, habe ich gesagt, und das werden Sie sicher auch einsehen und anerkennen. Schon dieser Mensch, der das höchste Wesen ist, das Gott erschaffen hat, hat nicht die Macht, sein Sein, die Existenz, auch nur einen Augenblick, einen Augenblick länger, als Gott es will, zu erhalten! Denn sonst könnte er den Tod hinausschieben, wäre er Herr über den Tod und wäre nicht Gott der Herr über Tod und Leben. Aber das kann der Mensch nicht einmal. Wenn der Mensch es nicht kann, dann kann es das Tier oder die Sache erst recht nicht! Wir sehen hier, wie Gott mein Leben und das Leben der ganzen Schöpfung trägt! Und wie die Kirche mit Recht immer darum bittet, dass Gott die Schöpfung in ihrem Sein, und zwar in einem friedvollen, in einem dem Heil, das Gott ja will, entsprechenden Zustand erhält! Gerade die Katastrophen, die wir heute sehen und die sich vielleicht noch deutlicher und schlimmer ankündigen, eröffnen uns auch dafür ja immer wieder einen Gesichtspunkt, der den Gläubigen immer wieder nahelegt, Gott zu bitten, dass Er doch diese dämonischen Kräfte, die zerstörerischen Kräfte der Welt unterdrücke und nicht aufkommen lasse, nicht ihr Zerstörungswerk vollziehen lasse.

Zum Abschluss will ich noch einen Gedanken anfügen, der auch wichtig ist für die Gottesfrage: Ist Gott der Schöpfer der Welt, auch wenn wir das nur erschließen können und auch wenn wir letztlich diesen Gesichtspunkt der Schöpfung Gottes vollständig und recht nur erkennen von der Erlösung her! Dass Gott schon mit der Schöpfung Seine Vaterschaft über die Menschen und über die Schöpfung insgesamt ausübt, das – diesen Gedanken der Vaterschaft, der Güte Gottes – erkennen wir erst von der Offenbarung Christi her, von der Erlösung her! Aber wir erkennen doch, dass das schon ursprünglich der Wille Gottes mit der Schöpfung war. Und hier kommt ein Gedanke ins Spiel, der gerade für den katholischen Glauben und für die katholische Theologie von entscheidender Bedeutung ist. Nämlich der Gedanke der Einheit von Schöpfung und Offenbarung!

Vielleicht darf ich erst einmal den Gedanken negativ andeuten. Wenn wir bestimmte theologische oder religiöse Systeme sehen, nehmen Sie etwa einmal den Manichäismus oder auch andere Systeme, die in der Kirche sogar eine Rolle gespielt haben. Die Auffassung von Marcion im 2. Jahrhundert z.B. war die: Die Schöpfung ist böse! Oder auch der Gedanke: Der Gott des Alten Testamentes ist böse. Erst der Gott des Neuen Bundes ist ein guter Gott, erst der Gott der Erlösung ist der gute und liebende Gott. – Dann haben wir zwei „Götter“, und das führt immer in einen Dualismus, so dass Gott nicht der wahre und einzige Gott wäre!

Der katholische Glaube hat speziell gegen Luther auch diesen Gesichtspunkt noch entfaltet: Bei Luther ist ja die Schöpfung letztlich eine in sich völlig gespaltene Schöpfung. Der Mensch ist „böse“ und er ist notwendig sogar böse: Dann trifft Gott natürlich letztlich auch (die Schuld als) die Ursache dafür dass der Mensch böse ist! Und dann kann, wie Luther ja auch ausdrücklich lehrt, die Erlösung den Menschen nicht mehr heilen! Der Mensch ist und bleibt auch in der „Erlösung“ böse!

Die katholische Auffassung ist ganz anders, sie ist letztlich positiv und optimistisch: Weil Gott den Menschen wahrhaft erlöst hat, in seinem Sein geheilt und erneuert hat, ist der Mensch vollkommene, neue Schöpfung! Und in diesem Zustand der vollkommenen, neuen Schöpfung erfährt er auch die ursprüngliche Absicht Gottes mit der Schöpfung! Und er erfährt die Güte Gottes schon in dieser ursprünglichen Schöpfung der Welt und gerade des Menschen!

Ich will Ihnen einmal an einem ganz besonderen Punkt die Bedeutung dieser Frage noch klar machen: Die Theologie hat mit Recht gesagt: Die Gnade erhebt und vollendet die Natur! Mit der Erlösung ist es nicht so, dass die Schöpfung nicht zu ihrem Recht käme - das ist völlig falsch! In der Erlösung ist es so, dass die Schöpfung zu ihrer höchsten Entfaltung kommt! Das, was die Theologie mit Übernatur, gerade mit der Teilhabe an der Gnade Gottes, letztlich sogar an der innertrinitarischen Liebe Gottes, bezeichnet, das ist die höchste Vollendung der Natur! Das heißt: Der innersten Sehnsucht des Menschen!
Und das bringt den Menschen gerade dazu, Gott völlig anzuerkennen, Gott völlig zu lieben, und in der Liebe Gott über alles zu loben! Das ist eigentlich das Zentrum der ganzen Offenbarung: Das Lob Gottes im Munde der Kreatur, die erlöst ist! Und hier erfährt der Mensch, dass alles, was von Gott geschaffen ist, gut ist! Weil es von Gott geschaffen ist! Und dass Gott nur gut ist, Überfülle an Güte, der gerade deshalb, weil Er gut ist, die Schöpfung erschaffen hat, sie erlöst hat, um dieser Schöpfung die Liebe, Seine Liebe, sich selbst mitzuteilen!

Und hier haben Sie auch die Antwort auf diese Frage: Warum erschafft Gott die Welt, die Schöpfung, die Menschen? Er erschafft sie nicht, damit sie das Sein haben, den Bestand. Das wäre rein vordergründig gesehen und beurteilt. Er erschafft sie, damit sie Anteil habe an Seiner Liebe! Und das heißt: Ja, man muss erst lieben, in diesem Sinn der Offenbarung, um Gott zu verstehen! Um zu verstehen, warum Gott diese Welt geschaffen hat! Diese Welt, mit der Freiheit im Zentrum, mit der Freiheit, die sogar sich gegen Gott auflehnen kann und sich gegen Gott erheben kann, die sündigen kann und damit gerade die Abkehr von ihrem Ursprung vollzieht!

Das ist die Welt, letztlich so, wie wir sie auch heute kennen und erleben. Eine Welt, die gegen Gott rebelliert, die sich auflehnt gegen Gott, die Gott nicht kennt und die Gott nicht will! Wollte sie Gott, dann würde sie erkennen, dass es gar keinen Grund zur Rebellion gibt, im Gegenteil: dass Gott, gerade deshalb, weil Er alles gut erschaffen hat, weil Er die Menschen liebt und weil Er ihnen Anteil an Seiner Liebe sogar schenken will – das Höchste, das man sich überhaupt nur vor- stellen kann, unausdenkbar groß! -, dann würden wir erkennen, dass alles sinnvoll ist und gut! Dann erst kann man seine Rebellion, seinen Unwillen gegen Gott, seinen Ungehorsam aufgeben! Man kann Gott zustimmen und kann einwilligen in die Führung Gottes, die ja oft bei den Menschen so unbegreiflich ist!

Ich will mit einem Gedanken schließen, den ich auch am Sonntag in Ulm in einer Predigt vorgetragen habe, einen Gedanken aus dem Gesang der drei Jünglinge im Feuerofen, aus dem Buch Daniel also (Dan. 3). Da steht diese außerordentlich eindrucksvolle Szene, wie der König Nabuchodonosor ein Standbild errichtet, ein Götzenbild, und von allen Mitgliedern seines Reiches verlangt, dass sie dieses Standbild, dieses Götzenbild, anbeten! Es wird ihm dann berichtet, dass da drei jüdische Personen sind, Ananias, Azarias, Misael (Dan. 3,88; vermutlich die hebräischen Namen der sonst in Dan. 3 babylonisch als Schadrach, Meschach und Abdenego benannten Männer), die vor dem Standbild nicht auf die Knie gehen und die Götzen nicht anbeten und nicht anerkennen. Voll Zorn lässt er die drei Jünglinge fassen und ergreifen und will sie in den Hochofen schicken, um ihren Mut und ihr Herz zu brechen. Er lässt ihnen aber eine Chance und eröffnet ihnen, dass er „gnädig“ sein will und Nachsicht üben will, wenn sie doch in sich gehen und bereit sind, das Götzenstandbild anzubeten!

Doch die drei Männer antworten ihm: „Darüber brauchen wir gar nicht mit dir zu sprechen! Unser Gott ist mächtig genug, uns aus dem Feuerofen, in den du uns werfen willst, zu erretten!“ (Vgl. Dan. 3,16f.). Und jetzt kommt die entscheidende Aussage: „Aber selbst dann, wenn Er das nicht tut, werden wir niemals vor dem Götzenstandbild in die Knie gehen!“ (Vgl. Dan. 3,18).

Das ist wahrhaft Glauben! Und darin äußert sich wahrhaft die Überzeugung des Glaubens, diese unwandelbare Überzeugung des Glaubens, dass Gott gut ist! Selbst dann, wenn Er nicht so handelt, wie ich es vielleicht erwarte, wie ich es erbete. Die drei Jünglinge machen nicht den fundamentalen Fehler, den wohl viele Menschen machen, die sagen: Wenn Gott nicht so handelt, wie ich es will, dann glaube ich nicht!

Der Glaube ist vorbehaltlos, der Glaube kennt keine Grenze, keine Einschränkung! Und warum nicht? Weil er weiß, wer Gott ist! Dass Gott ein in sich stehendes, freies Wesen ist, absolut, der Herr, der nicht so handeln muss, wie ich es will. Er ist nicht meine Kreatur! Gott ist der Herr, nicht ich bin der Herr! Und trotzdem wissen sie: Gott ist gut! So gut, dass sie sogar dann glauben, wenn dieser gute Gott nicht so handelt, wie sie sich vorstellen, sie nicht aus dem Feuerofen errettet!

Das heißt wahrhaft glauben! Sich völlig Gott überlassen, vorbehaltlos überlassen, weil man weiß: Er ist gut! Und auch, wenn Er anders handelt, als ich es mir vorstelle, als ich es erwarte, dann ist doch das Ende der Liebe Gottes gut! Erst wenn ich so glaube, dann glaube ich wahrhaftig! Dann verankere ich mich wirklich in Gott! Das heißt ja Glauben: Sich festmachen in Gott! Dann ist mein Glaube vollkommen, dann mache ich mich nicht selbst zum Herrn, zu Gott, sondern dann anerkenne ich Gott als den wahren Gott und mich als Seine Kreatur!

Denken Sie einmal: Eine der zentralen Aussagen des ganzen Alten Bundes ist das Buch Hiob. Hiob ist der Gerechte, der, obwohl er gerecht ist, gestraft und gezüchtigt wird! Und im Neuen Bund ja ganz genau so: Die zentrale Aussage ist die Aussage von Jesus Christus, dem Gottessohn, dem wahren Gott, der, obwohl Er heilig ist, gerade gekreuzigt wird! Das müssen wir tragen, dieses Kreuz, dieses Mysterium des Kreuzes, das keine „rationale“ Lösung zulässt, jedenfalls für uns nicht! Dieses Kreuz müssen wir tragen.

Und erst wenn wir es tragen, wird gera- de darin sichtbar, dass wir Gott die Ehre geben! Dass wir nicht uns suchen, sondern eben allein Gott! Aber dann dürfen wir auch wissen und dürfen wir auch darauf vertrauen, dass Gott alles recht macht! Wir wissen nicht wie!
Ich darf zum Abschluss dieses herrliche Wort aus dem Hymnus der heiligen Jungfrauen, die Märtyrerinnen waren, Ihnen vortragen. Da heißt es in diesem Hymnus in der Vesper:
 
 „Sie, diese Jungfrauen folgten dem Lamme, wohin es auch ging!“ Das ist der Glaube Abrahams, das ist der Glaube der Heiligen Jungfrau, das ist der Glaube Christi, die unbedingt gehorsam waren! Die ihren Gehorsam nicht da aufgegeben haben und gekündigt haben, wo es schwer wurde, wo es dunkel wurde, wo es, menschlich gesprochen, zu Ende ging, sondern die auch da noch fest waren in Gott!

 „Und müsst ich auch gehen in dunkler Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn Du bist bei mir! Dein Stock und Dein Stab, sie geben mir Zuversicht!“ Dieser Psalm 22 enthält alle Aussagen von der Vatergüte Gottes, der den Menschen führt, ihn auch dort nicht verlässt, wo der Mensch meint, er sei einsam! Gott ist gerade dem Märtyrer nahe! Und so erweist Er sich ja auch als der nahe Gott, gerade bei den drei Jünglingen. Er schickt Seinen Engel mitten in den Feuerofen hinein. Dieser Engel fächelt ihnen Kühlung zu, so, dass die Flammen ihnen nichts anhaben können! Und sie werden gerettet!

So handelt Gott, so wird Er auch an uns handeln! Zu Seiner Zeit, die wir nicht kennen! Die wir auch nicht „kalkulieren“ können! Wir können nicht sagen: Dann und dann wird es so weit sein! Das müssen wir völlig Gott überlassen!

Aber dann zeigen wir auch, dass wir wahrhaft Kinder Gottes sind! Die Gott keine Vorschriften machen, sondern die, wie es im Vaterunser an entscheidender Stelle heißt, sprechen: Dein Wille geschehe! Nicht mein Wille! Dein Wille geschehe!

 
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