50. Jahrgang Nr. 1 / Februar 2020
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1. Die Gottesfrage: Gott als Schöpfer
2. Clerici vagantes oder Priester der kath. Kirche
3. Papa contra Papam
4. Über den Triumph des Kitsches
5. Abbas Agathon
6. Ungarns Premierminister Viktor Orbán
7. Europa: Antichristliche Angriffe erreichten 2019 ein Allzeithoch
8. Die leoninischen Gebete nach der hl. Messe
9. Erzbischof Viganò über Franziskus:
10. NACHRICHTEN, NACHRICHTEN, NACHRICHTEN...
11. Mitteilungen der Redaktion
Die Not der heimatlosen Seele
 
Die Not der heimatlosen Seele

von
Otto Feige

Heimat, ein Wort, das zum Herzen spricht.

Heimat, das ist die kleine, umfriedete Welt, der gesegnete Boden, in den das Herz seine stärksten Wurzeln senkt. Das Haus, in dem du geboren wurdest, wo die Mutter dich beim Namen rief und der Vater dir das Brot reichte; die braune Erde, die der Ahn schon gewendet und bebaut hat; die Linde, unter der du am Feierabend geruht und geträumt hast, der Brunnen, aus dem du schöpftest, das alles ist Heimat. Heimat, das ist für den religiösen Menschen vor allem die Kirche. Hier steht der Brunnen, wo du wiedergeboren wurdest aus dem Wasser und dem Heiligen Geist, wo der himmlische Vater dich liebend beim Namen rief. Hier steht der Tisch, wo Er dich gesättigt mit Seinem Himmelsbrot. Hier steht das Kreuz, der Baum des Lebens, in dessen Schatten du ruhtest, wenn du mühselig und beladen warst. Man sagt mit Recht, die Kirche ist die Heimat der Seele. Man kann auch sagen, sie ist die Seele der Heimat. Glücklich der Mensch, der das hat, dem die Kirche Heimat ist, Haus des Vaters, wo er weiß, hier bin ich daheim, hier ruhe ich mich aus.

Diese heimatliche Geborgenheit der Seele entbehrt der Katholik in der Diaspora. Er hat keine Kirche. Seine Seele ist hungrig, durstig und müde, aber da ist kein Tisch, an dem sie sich sättigen, kein Brunnen, an dem sie ihren Durst löschen, kein Schatten, in dem sie ruhen könnte. Ab und zu, vielleicht einmal im Monat, kommt ein Priester von weither. Dann wird ein Tisch für den Gottesdienst hergerichtet, in irgendeiner Wohnung, in einer Schule, in einem Wirtshaus, in einem Tanzlokal. Einen Augenblick brennen Kerzen, schimmert der Kelch, leuchtet die weiße heilige Hostie. Aber dann kehrt der graue Alltag zurück in den grauen Raum. Der Tisch wird abgeräumt, der Priester geht wieder weg; die Kerzen sind erloschen. Wo eben noch das erhabenste Geheimnis gefeiert wurde, wird wieder gegessen, geschlafen, getrunken, geraucht, getanzt - gesündigt. Gewiß, Architektur ist nicht das Letzte. Prunkvolle Kelche, edelsteingeschmückte Monstranzen, brokatene Gewänder sind nicht der Hochglanz des heiligen Opfers. Das Strahlende der heiligen Messe, ihre Sonne ist Christus in der heiligen Hostie. Wo Christus gegenwärtig ist, da wird die ärmste Hütte zum Hause Gottes und zur Pforte des Himmels. Aber wer sieht so tief, und wer wollte es den armen Vertriebenen, die den kultischen Reichtum des katholischen Ostens mit der Armseligkeit der Diaspora vertauschen mußten, verargen, wenn sie klagen, daß sie von der Weihe und Würde des Gottesdienstes so wenig verspüren. Im Hohen Dom zu Paris, bei einem feierlichen Weihnachtsgottesdienst, fand Paul Claudel, der bekannte französische Diplomat und Schriftsteller, den Glauben seiner Kindheit wieder. Er konnte sich nicht sattsehen an dem erhabenen Schauspiel der heiligen Messe. Die Großartigkeit des Raumes, die Schönheit der Liturgie hatten ihn überwältigt. So ist nun einmal der Mensch: die Schönheit der Form spricht zu seinem empfänglichen Herzen, und in einer hochgewölbten, stimmungsvollen Kirche, in der ein leiser Hauch von Blumen und Weihrauch sich mischt mit der geheimnisvollen Ausstrahlung vergangener Jahrhunderte, betet es sich besser und findet das Herz leichter zu Gott als etwa in einem Tanzsaal, der noch vom Bierdunst und Zigarettenrauch der vergangenen Nacht geschwängert ist. Vor kurzem schrieb ein schlesischer Flüchtling an seinen ehemaligen Heimatpfarrer. Er schilderte die Fremdheit seiner Umgebung, seine bedrängte Lage, seine kümmerlichen Wohnverhältnisse, seinen mageren Arbeitslohn. Der Mann hatte früher bessere Tage gesehen und litt offensichtlich schwer an den veränderten Verhältnissen. "Aber das", schrieb er am Schluß, "wäre noch zu ertragen. Der Mensch gewöhnt sich schließlich an alles. Aber das Schlimmste ist: Wir haben hier keine Kirche und keinen Priester. Nur ganz selten, acht Kilometer von hier entfernt, ist Gelegenheit, der heiligen Messe beizuwohnen. Und daran werde ich mich nie gewöhnen."

Indes, der Mann, der das schrieb, hat das Schlimmste noch nicht gesagt. Noch weiß er ja um das, was ihm fehlt. Er leidet darunter, "er kann sich nicht daran gewöhnen". Nein, das Schlimmste ist das noch nicht, wenn ein Mensch leidet, weil seine Seele Heimweh hat nach den Gnadenschätzen der Kirche. "Selig sind, die Heimweh haben, denn sie werden nach Hause kommen", so beginnt ein Buch des frommen Arztes Jung-Stilling, des Freundes Goethes. Das Schlimmste, das Allerschlimmste ist, wenn ein Katholik sich an die Diaspora gewöhnt hat. Wenn er sich abgefunden hat, wenn das Heimweh seiner Seele eingeschlummert ist. Wie viele sind es, die in der Diaspora allmählich dieser tödlichen Gefahr erliegen.

Ein Priester der Mark Brandenburg behauptet in einer Broschüre über Diasporaseelsorge: "Ich habe meine Erfahrungen in den siebenunddreißig Jahren meiner Diasporaseelsorge gesammelt. Die an einem Ort leben, wo eine katholische Kirche steht, können hier nicht mitreden, sondern nur die andern, die zehn Kilometer und mehr von der Kirche entfernt wohnen. Sie werden mir hundertprozentig recht geben, wenn ich schlankweg behaupte: Wer zehn Kilometer und mehr von der Kirche entfernt wohnt und keine Fahrgelegenheit hat, wird mit der Zeit seinen Glauben verlieren."

Ist das nicht schrecklich?
Und können wir ermessen, was das bedeutet?
Wir haben in den schrecklichen Jahren, die hinter uns liegen, den Hunger kennengelernt. Wir wissen, daß er weh tut und wie sehr er den Körper schwächt. Wenn ein Hungriger an deine Tür klopfte und bäte um Gottes willen um ein Stückchen Brot, könntest du dann hart sein? Törichte Frage! Selbstverständlich wird man da helfen, man ist doch kein Unmensch. Da tut man doch, was man kann. Nun, es gibt eine Not, die größer ist als die Not des Leibes: die Not der hungernden, heimatlosen Seele. Haben wir ein Herz auch für diese Not? „Was weiß der, der nicht gelitten hat", fragt die Heilige Schrift. Was wissen wir denn, die wir im Schatten eines Kirchtums wohnen, wohlbehütet und wohlversorgt mit allen Reichtümern des Himmels, was wissen wir von dem Heimweh derer, die an den Flüssen Babylons sitzen und sich verzehren in Sehnsucht nach dem Hause des Herrn. Wir haben unseren Pfarrer, wir haben unsere Kirche, wir haben Altar, Tabernakel und Kommunionbank; wir haben Beichtstuhl und Kanzel. Wir haben nie gehungert, wir saßen immer an gedeckten Tischen. Wir haben nie gedürstet, uns rauschten Ströme lebendigen Wassers aus sieben nie versiegenden Gnadenquellen. Was wissen wir von der Diaspora, von dem Hunger und der Verlassenheit heimatloser Seelen. Von den Kindern, die ohne Religionsunterricht heranwachsen, von den Sterbenden, die ohne Sakrament hinübergehen, weil der Priester nicht rechtzeitig zur Stelle sein kann; von dem Heldenmut der Diasporapriester, die zwanzig Kilometer und mehr mit Fahrrad und schwer bepacktem Rucksack bei Wind und Wetter überwinden müssen, um Gottesdienst halten zu können. Von den Opfern der Gläubigen, die an Sonntagen, da Gelegenheit zur Teilnahme am Meßopfer gegeben ist, in aller Frühe noch vor Sonnenaufgang sich auf den weiten Weg machen und spät abends erschöpft und todmüde vom Kirchgang nach Hause kommen. Was wissen wir davon, und was geht das uns an? Das ist eine Frage an unseren Glauben.

 (aus: „Auf Gottes Waage – Christen in Glaubensnot und Zerstreuung“ Paderborn 1956, S. 112 f.)
 
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