49. Jahrgang Nr. 1 / Februar 2019
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1. Die Gottesfrage
2. Vererbung, Eugenik und schmerzlose Geburt
3. Ohne Kinder keine Zukunft!
4. Die Gemeinde von Philadelphia: ein dunkles Deja-vu
5. Zur Finanzierung der Moscheen in Deutschland
6. Grenze und Maß
7. Beten wir vergeblich?
8. Betrachtungen über das Gebet
9. Mitteilungen der Redaktion
10. Nachrichten, Nachrichten, Nachrichten...
Beten wir vergeblich?
 
Beten  wir vergeblich?

von
Eberhard Heller

Die griechische Mythologie kennt die Geschichte von Sisyphos, einem Frevler, der die Götter genarrt hatte, weswegen er von Hermes dazu verdammt wurde, einen Felsblock einen Berg hinaufzuwälzen, der jedoch, fast am Gipfel, immer wieder ins Tal rollte. Sisyphos mußte wieder zurückkehren, um erneut den Stein den Berg hinaufzurollen und zu sehen, daß er sein Ziel wiederum verfehlt hatte.

Dieses Bild des Sisyphos, der zu einer Anstrengung verurteilt wurde, die nie zum Erfolg führen sollte, wurde zum geflügelten Wort für widersinnige, für sinnlose Arbeiten, die nie an ihr Ziel bzw. zu einem Ende kommen. Für Albert Camus ist Sisyphos die Leitfigur für absurdes Handeln. In seinem Essay „Le mythe de Sisyphe. Essai sur l’Absurde“ (1942) deutsch: „Der Mythos von Sisyphos – Ein Versuch über das Absurde“ (Düsseldorf 1956) entwickelte er eine Philosophie des Absurden, des Sinnlosen.

In dem Theaterstück „Warten auf Godot“ (1952, Uraufführung 1953) greift auch der irische Schriftsteller Samuel Becket das Problem absurden Handelns auf. Die beiden Landstreicher Estragon und Wladimir warten an der Landstraße auf einen gewissen Godot, der aber nie kommen wird. Sie warten also vergeblich auf ihn.

An diese Theorien über die Absurdität menschlichen Lebens, wie sie von Camus, mit dessen Sisyphos-Essay ich mich einmal in meiner Studienzeit auseinandergesetzt hatte, und Becket geschildert werden, muß ich denken, wenn ich die resignierenden Wehklagen einer ganzen Reihe von verängstigten Gläubigen höre, die mir mitteilen, daß all ihr Beten nichts zur Beendigung unserer religiösen und kirchlichen Situation beigetragen hätte, zu der nun auch noch das kulturelle Versagen der Politiker hinzukomme, die den Untergang des ehemals christlichen Abendlandes noch beförderten. Es sei alles vergeblich gewesen. Sie fühlen sich wie die Rennmaus in ihrem Trommelkäfig, in dem sie zwar laufen würden wie verrückt, aber keinen Millimeter weiter kämen. Zweifler, ob sie richtig gebetet hätten, kommen auf die Idee, sie hätten Gott zu wenig um Hilfe gebeten, weshalb sie ihre Gebetsaktivitäten noch erhöhen... und eher wie die Rennmaus ihr Tempo noch erhöhen... mit dem gleichen Effekt.

In der Tat hat sich an unserer Situation nach außen hin nichts zum Guten geändert, die Umstände zur Führung eines religiösen Lebens haben sich eher noch verschlechtert, da immer mehr Gläubige immer schlechter pastoral betreut werden. Und der Anfang einer Salvierung der kirchlichen Lage durch die Wahl eines legitimen Papstes ist in weite Ferne gerückt, soweit, daß bereits die Erwähnung dieses Problems nicht einmal oder kaum noch verstanden wird.

Zur Beschwichtigung und eigenen Beruhigung werden alle möglichen und unmöglichen sog. Privatoffenbarungen herangezogen, deren Schreiber sich unschwer als Beschwichtiger herausstellen bzw. demaskieren lassen, um die verunsicherten Leser ihrer Elaborate über die tatsächlichen Verbrechen hinwegzutäuschen oder sie noch tiefer in Trostlosigkeit versinken zu lassen. Manche benutzen diese Quellen gleichsam wie Horoskope einer Wahrsagerin.

Aber wie und mit welcher Einstellung soll und kann ich beten? Hat nicht Christus prophezeit: „Bittet, und es wird euch gegeben werden.“ (Mt 7,7; Lk 11,9) „Darum sage ich euch: bei allem, um was ihr betet und fleht, glaubet nur, daß ihr es empfangen habt, und es wird euch geschehen.“ (Mk. 11,24) Und der Herr spricht zu den Aposteln: „Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Um was ihr den Vater bitten werdet, wird es euch geben werden in meinem Namen.“ (Joh, 16,23) Ich führe hier nur einige Bibelstellen an, die sich noch vermehren lassen würden. Hält also Gott seine Versprechen nicht, ist er uns gegenüber untreu geworden?

Zunächst einmal ist die Antwort Gottes frei. Es geht nicht einfach so: ich bitte, ergo muß Gott meiner Bitte entsprechen. Ein solch logischer Mechanismus existiert nicht. Er kann uns auch eine Antwort geben, deren Sinn sich uns nicht unmittelbar erschließt. Ich verstehe manchmal nicht, was Gott mit uns vorhat, dennoch ist er der Herr, der unsere Geschicke leitet. Es gibt keinen Grund an Gottes Fürsorge und Barmherzigkeit zu zweifeln.
Dann muß ich überlegen, um was ich Gott bitte. Kann ein Dieb Gott bitten, daß er bei seinem Einbruch nicht erwischt wird? Natürlich nicht! Gott wird keine Ziele unterstützen, die unmoralisch oder skandalös sind. Ich erinnere mich noch an die Aufrufe der Econer Führungsriege an ihr Klientel, Millionen von Rosenkränzen für die „Bekehrung des Hl. Vaters“ zu beten, ein in sich widersinniges Unterfangen: entweder ist der Papst oberster und autorisierter Lehrer oder er ist in Häresie gefallen, dann ist er ipso facto nicht (mehr) Papst. Man kann sich leicht vorstellen, welchen Eindruck solches „Bitten“ auf den Hl. Geist gemacht hat.

Wenn ich nun Gott bitte, er möge diese heutige Situation in der Kirche ändern durch unmittelbares Eingreifen „von oben“, wie es vielfach gewünscht wird, und uns einen „legitimen Papst“ installieren, ist die Frage, ob wir nicht übersehen, daß der jetzige Zustand in der „Kirche“ doch durch gezielten Verrat herbeigeführt wurde, also durch Akte der Freiheit von fremden Personen, deren Aktionen Gott zuläßt, um uns u.a. auch zu prüfen. Zunächst wäre es unsere Pflicht, uns gegen dieses destruktive Handeln zu wehren, um Gottes Ehre wieder herzustellen. Haben wir das getan? Wenn ich die Anstrengungen der vielen Jahre weltweit zusammenfasse, in denen ich mich um eine Restitution der Kirche bemüht habe und auf die vorgespielten Aktivitäten meiner „Mitstreiter“ sehe, so ist das Resultat nicht nur all zu bescheiden, sondern ausgesprochen dürftig. Es kommt eher einer Beleidigung Gottes näher, wenn ich für unser Versagen, für unsere geistige Faulheit noch verlange, daß ich Gott durch Gebet dazu bringen soll, dieses ureigene Versagen zu beheben. Wir können Ihn nicht für unsere Tatenlosigkeit oder Passivität verantwortlich machen, wenn wir selbst nicht alles tun, was notwendig ist. Und da bestünde für die noch orthodox eingestellten Priester die Pflicht, sich in erster Linie um den Wiederaufbau der Kirche zu kümmern und nicht um die Pastoral, die käme dann auch, aber erst an zweiter Stelle. Es geht nicht vorrangig um das Seelenheil einzelner Personen, sondern um das Schicksal der Gesamt-Kirche! Und nur dann, wenn ich all meine Kräfte und Demut für die Erreichung eines Zieles eingesetzt habe, darf ich zu Recht darauf hoffen, daß Gott mir seine Hilfe gewährt. Er wird sicherlich nicht unsere geistige Trägheit und Bequemlichkeit honorieren. Unserer Treue wird er dann die seinige entgegensetzen.

Also wir werden solange auf die Erfüllung unserer Bitten nach einer Verbesserung unserer kirchlich-religiösen Verhältnisse vergebens hoffen, solange wir nicht alles getan haben, um dieses Ziel mit unseren Kräften zu erreichen. Gott wird unser Versagen, unsere Faulheit und Bequemlichkeit nicht noch honorieren! Das hat nichts mit Absurdität, mit Vergeblichkeit des Betens zu tun, sondern mit eigenem Versagen! Darüber wird häufig vergessen, wie oft uns Gott auf unsere Bitten hin gnädig ist, um uns so viele Hilfen unverdient zu schenken. Ich denke häufig daran, daß sicherlich eine ganze Reihe von Gläubigen darum betet, daß die Aufgaben, die wir uns als Redaktion stellen, auch verwirklicht werden können.

H.H. Dr. Otto Katzer, der bis zu seinem Tod im Jahre 1979 - das ist nun auch fast ein halbes Jahrhundert her! – die Position der EINSICHT maßgeblich mitdefiniert und mitgetragen hat, sprach einmal von einem Straßenkehrer in Moskau auf dem Kreml, der vielleicht durch sein inbrünstig-demütiges Gebet das Schicksal der Welt mehr beeinflussen könnte als all die Politiker mit ihren Aktionen zusammen.

Übrigens läßt der Existenzphilosoph Camus seinen Helden Sisyphos nicht in Resignation und Verzweiflung enden. Er schreibt: „Schließlich ist nach dieser langen Anstrengung (gemessen an einem Raum, der keinen Himmel, und an einer Zeit, die keine Tiefe kennt) das Ziel erreicht. Und nun sieht Sisyphos, wie der Stein im Nu in jene Tiefe rollt, aus der er ihn wieder auf den Gipfel wälzen muß. Er geht in die Ebene hinunter. Auf diesem Rückweg, während dieser Pause, interessiert mich Sisyphos. Ein Gesicht, das sich so nahe am Stein abmüht, ist selber bereits Stein! Ich sehe, wie dieser Mann schwerfälligen, aber gleichmäßigen Schrittes zu der Qual hinuntergeht, deren Ende er nicht kennt. Diese Stunde, die gleichsam ein Aufatmen ist und ebenso zuverlässig wiederkehrt wie sein Unheil, ist die Stunde des Bewußtseins. In diesen Augenblicken, in denen er den Gipfel verläßt und allmählich in die Höhlen der Götter entschwindet, ist er seinem Schicksal überlegen. Er ist stärker als sein Fels. Dieser Mythos ist tragisch, weil sein Held bewußt ist. (...) Sisyphos, der ohnmächtige und rebellische Prolet der Götter, kennt das ganze Ausmaß seiner unseligen Lage: über sie denkt er während des Abstiegs nach. Das Wissen, das seine eigentliche Qual bewirken sollte, vollendet gleichzeitig seinen Sieg. Es gibt kein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann. Wenn der Abstieg so manchen Tag in den Schmerz führt, er kann doch auch in Freude enden. (...) Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“  (Albert Camus „Der Mythos von Sisyphos“, S. 99 f.)
 
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