47. Jahrgang Nr. 4 / November 2017
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1. Weihachten
2. Joseph und der Engel
3. Franz fährt das Christkind im Schlitten
4. Das Jesuskind schläft, und die Jungfrau betrachtet es
5. Offener Brief an Herrn Dr. Georg Bätzing, Bischof von Limburg
6. Unkonventionelle Utopien - kuriose Retrospektiven
7. Nachrichten, Nachrichten, Nachrichten...
8. Das ist Rassismus
9. Am Rande notiert
10. Die Bergpredigt
11. Tracy Gillett über Kinder-Erziehung
12. In memoriam H. H. Pfr. Josef von Zieglauer
13. Bücherbesprechung
14. Mitteilungen der Redaktion
Unkonventionelle Utopien - kuriose Retrospektiven
 
Unkonventionelle Utopien - kuriose Retrospektiven
Die genialen Wahrträume des Jean Raspail

von
Magdalena S. Gmehling

Ein investigatives Kamerateam brachte es jüngst an den Tag. NGO-Schiffe, verfrachten schwarzafrikanische Migranten nach Malta und Sizilien. Die Schlepper werden entsprechend bezahlt. Von der Küste aus verbringt man die menschliche Fracht mit Bussen in schwerzugängliche Camps, wo sie auf den Weitertransport vorbereitet werden. 30 Millionen Afrikaner sollen sich auf den Weg machen. Die Gelder für die „Umvolkung“ fließen aus Stiftungen. (1)

Warum kolportiere ich diese Meldung? Sie verifiziert die Vision eines der größten lebenden Schriftsteller, des mittlerweile zweiundneunzigjährigen französischen Autors Jean Raspail. Geboren am 5. Juli 1925 in Chemillé-sur-Dême, Indre-et-Loire und einer großbürgerlichen Familie entstammend, ist er nicht nur ein meisterhafter Reiseschriftsteller, sondern auch souveräner Vertreter des grotesk-apokalyptischen Romans. Er selbst bezeichnet sich als einen fröhlichen Pessimisten. Im Verlag Antaios sind mittlerweile vier Werke auf Deutsch erschienen: Das Heerlager der Heiligen (Neuübersetzung 2015), Der Ring des Fischers (edition nordost, 2016), Sieben Reiter verließen die Stadt (Antaios 2013) und die informative Auswahl des essayistischen Werkes unter dem Titel Der letzte Franzose (Antaios 2016).

Jean Raspail, glühender Monarchist und traditionsverbundener Katholik, ist wie kein anderer berufen, den ungeheuren Kampf irregeleiteter Humanität und verweichlichten Gutmenschentums mit dem sogenannten „Big Other“ (2) darzustellen. Seine Distanz zum Geist der Zeit, befähigt ihn zu einer hellsichtigen Vorhersage künftiger Probleme. Es mag informativ und sinnvoll sein, die Umstände kennenzulernen, unter welchen der prophetische Zukunftsroman „Das Heerlager der Heiligen“( Le Camp des Saints) –eine fiktionale Form der Endzeitkonflikte - bereits 1971/72 entstand.

Der Autor schrieb das Buch in Boulouris an der Mittelmeerküste in der monumentalen Villa „Le Castelet“. Sie war ihm samt großer Bibliothek zur Nutzung überlassen: „ ...ich... sah im Umkreis von 180 Grad nichts als die weite See...es schien mir unausweichlich, daß eines Tages die zahllosen Enterbten des Südens gleich einer Flutwelle auf diesem üppigen Ufer landen würden, dieser offenen Grenze unseres glücklichen Landes.“ (3) In einem visionären Schreibrausch gestaltet Raspail nun das Szenarium einer gewaltfreien Invasion von einer Million verelendeter Inder. Ausgelöst durch eine Hungernot sticht unter der Führung eines missgebildeten Kindes die Armada des Elends in See. „Sie sind extrem mitleiderregend. Sie sind schwach. Sie sind unbewaffnet. Ihre Stärke liegt in ihrer Zahl. Sie sind der Grund unserer Gewissensbisse, sie appellieren an unser weichliches Gutmenschentum.“(4)

Sämtliche Interventionen, humanitäre Hilfsangebote und die heuchlerische Einmischung der Kirchenfunktionäre scheitern. Die Barmherzigkeitsdebatte entartet zur Groteske. Noch bevor die menschliche Flutwelle in den Ostertagen an der südfranzösischen Küste strandet, hat sich die marode Gesellschaft dort selbst zersetzt. Die Bevölkerung flieht. Das restliche Europa und somit das christliche Abendland kapituliert. Die große Kunst des Autors besteht darin, das Geschehen aus der Perspektive verschiedener Personen zu schildern, um so dem Leser die dramatische Aktualität globaler Unfähigkeit gewissermaßen hautnah erleben zu lassen. Der emeritierte Literaturprofessor Calguès erwartet in seinem vornehmen alten Haus an der Küste die Zombie-Horden bei Kaviar und Sekt. Mit einem Teleskop verfolgt er die Landung. Der Journalist Clement Dio und seine eurasische Freundin Iris Na-Chan propagieren Solidarität. Die Frau wird von farbigen Gesinnungsgenossen vergewaltigt und bestialisch ermordet. Die Flugzeuge des Vatikans und des Ökumenischen Rates der protestantischen Kirche stürzen ab. Der Präsident im Elysée-Palast die Stabschefs, Polizeiführer und regionalen Präfekten müssen erleben, dass die Truppen verführt von linken Agitatoren desertieren. Eine chaotische Massenflucht setzt ein. Schließlich übernehmen die Einwanderer vom Ganges den Süden Frankreichs. Alle verbliebenen weißen Frauen werden in Bordelle gesteckt, welche die männlichen Einwanderer kostenlos besuchen können.

Das Buch endet mit dem Gerücht, dass auch in Indonesien und Südamerika wilde Horden aufgebrochen sind, um nach Europa zu reisen. In seinem Vorwort zur französischen Neuauflage des Heerlagers schreibt Raspail: „Die Erzählung hält sich an den klassischen Rahmen der Einheit von Zeit, Ort und Handlung. Sie ist ein allegorischer Text. Was sich im Roman innerhalb von 24 Stunden abspielt, entspricht in der Wirklichkeit einer kontinuierlichen Überflutung, die sich über Jahrzehnte hinweg erstreckt und deren Ausmaß  uns erst in den Jahren 2045-2050 in voller Blüte vor Augen stehen wird, wenn sich die finale demographische Wende abzeichnen wird ...“ (5). Wen wundert es, dass dieses Werk als Kultbuch der neuen Rechten gewaltiges Aufsehen erregt? Die beiden anderen mittlerweile auf Deutsch erschienen Romane können als Komplementärstücke zu dem royalistrischen Roman „Sire“(1991), welcher die heimliche Königsweihe des Bourbonenprinzes Pharamond thematisiert, gelten.

 „Der Ring des Fischers“ zeichnet die Geschichte des zweiten Papsttums von Avignon zur Zeit des Großen Abendländischen Schismas nach. In Raspails Roman ist die Papstlinie aus Avignon nie erloschen, sondern wird von einem Benedikt auf den nächsten im Geheimen weitergereicht. Was wäre wenn-dies ist das Thema des Romans. Die Handlung beginnt im Jahre 1378 in Rom. Gregor XI. der 1376 aus Avignon zurückgekehrt war, ist gestorben und der Pöbel erzwingt die Wahl Bartolomeo Prignanos. Als Urban VI. besteigt er den päpstlichen Thron. Von Gewissensängsten getrieben opponieren einige Kardinäle und werden mit brutalen Mitteln zur Räson gebracht. In Fondi wählen sie mit Robert von Genf einen weiteren Papst, Clemens VII. Dieser residiert unter dem Schutz des französischen Königs Karl V. in Avignon. Da sich weder ein Schiedsspruch noch eine Abdankung erreichen lässt, wird 1409 das Konzil von Pisa einberufen. Dieses setzt die inzwischen gewählten Nachfolger Benedikt XIII. Avignon) und Gregor XII. (Rom) ab und beruft Alexander V.

Eine endgültige Schlichtung konnte jedoch erst auf dem Konzil von Konstanz (1414-18) unter der Schutzherrschaft Kaiser Sigismunds mit der Wahl Martins V. erreicht werden.
Soweit die historischen Fakten, aus welchen Raspail ein kunstvolles Gewebe sich durchdringender Ereignisse und Ebenen zaubert. Benedikt XIII. (mit bürgerlichem Namen Pedro de Luna) wird 93 jährig in dem Felsennest Peniscola zwischen Castellón und Vinaroz allen Versuchen ihn zur Abdankung zu zwingen, trotzen. Dort stirbt er am 29. November 1423, nicht ohne vorher vier Kardinäle ernannt zu haben, welche die Sukzession garantieren sollen. So formiert sich also im Geheimen eine Reihe von Gestalten, welche alle mit dem Namen Benedikt belegt, bis in unsere Zeit ein bewegendes Alternativpapsttum verkörpern. Jener Bettler Benedikt der am Weihnachtsabend 1993 in Rodez um Brot bittet, der in verlassenen Kathedralen geheime Messen feiert, der - wie auch seine Vorgänger - unvermutet und erbärmlich wie ein Landstreicher- in Abteien auftaucht, ein müder alter Mann, der per Anhalter fährt und milde Gaben mit unnachahmli- unnachahmlicher Würde entgegen nimmt-er also, ist nicht nur Priester, sondern Papst. Und er will nach Rom. Raspail gelingt es, durch Rückblenden und zeitliche Verknüpfungen ein dichtes Gewebe allmählich transparent zu machen.

Natürlich interessiert sich das offizielle Rom des 21. Jahrhunderts für dieses apokryphe Schattenpapsttum. In heikler Mission und im Auftrag seiner Heiligkeit engagiert der mit geheimen Spezialfällen vertraute Bischof Cassini den litauischen Pater Wladimir Nykas: „ ...verstehen sie ... warum ich sie habe kommen lassen. Benedikt will nach Rom. Er ist auf dem tiefsten Grund seiner Einsamkeit angekommen. Vielleicht ist er sogar am Ende seines Glaubens angekommen und unternimmt deshalb diese Reise, um seine Last in andere Hände zu legen, eine Last, die er nicht mehr tragen kann...und die er als heilig ansieht.“ (6)

Wladimir spürt den alten Mann am Monte San Savino auf. Noch bevor es zu der geplanten Messe kommt verstirbt Benedikt. „...sein Rucksack lag vor seinen Füßen, sein Kopf ruhte auf seiner Brust, er betete still. Er betete nicht, er war tot, auf seinen halb geöffneten Lippen das Lächeln Papst Gerniers in der Sternenhöhle, vor so langer Zeit, und dasselbe Lächeln der einunddreißig Benedikts nach ihm ... Die Augen mussten ihm nicht geschlossen werden. Das hatte er selbst getan.“ (7) Sein Erbe: die rote Stola mit den päpstlichen Insignien, ein kleiner Kelch mit der eingravierten Mondsichel, dem Signum des Pedro de Luna, eine Patene und ein zerrissenes Messbuch, schließlich aber ein schwerer Silberring mit Rubin und ovalem Siegel, welches Petrus darstellt, wie er die Netze auswirft. Eingraviert ist die Initiale B, gefolgt von den römischen Ziffern XIV. Dies alles übergibt man mit einem aufgefundenen persönlichen Brief dem Papst. Neben Angelo Roncalli, Johannes XXIII. wird Benedikt XIV begraben.

Es geht Jean Raspail in diesem Roman keineswegs um eine Story mit kirchlichem Flair. Ihn bewegt Geschichte an sich und vor allem deren geheimnisvolle Hintergründe und Zusammenhänge. Treue zur erkannten Wahrheit und Aufspüren unentdeckter Fakten, Armut im Geiste und leibliche Bedürfnislosigkeit um einer höheren Aufgabe willen, all dies blitzt diamantengleich durch die akribisch recherchierte Historie. Das Verborgene, welches nur den Eingeweihten bekannt ist, eine im höchsten Sinne fruchtbare Geheimlehre ewig verknüpfter Mysterien, gewinnt Gestalt und Bedeutung.

Der retrospektive Roman „Sieben Reiter verließen die Stadt“, könnte oberflächlich als Kriegsschnurre betrachtet werden. Er ist jedoch weit mehr. Das fiktive franko-germanische Adelsgeschlecht der Pikkendorffs ist eine Verkörperung jener Idee, die dem Abendland in Raspails Vorstellung schmerzlich abhandengekommen ist. In einem Interview drückt er es so aus: „Die Erinnerung an die heilige Salbung, die früher die Krönung vollendete, ist aus dem kollektiven Bewusstsein verschwunden. ... Gottes Anwesenheit in der Herrschaft, der Sinn der Geschichte, das Schicksal der Nation, verkörpert durch einen Herrscher ... all das hat für 99,5% unserer Landsleute keine Bedeutung mehr.“ (8) So hat sich denn in dem Roman der alte Markgraf resignierend in sein Schloss zurückgezogen. Um die Ursachen des Untergangs der erträumten Welt zu ergründen, brechen unter Führung des jungen Silve von Pikkendorff sieben Reiter auf. Sie wollen das Ende der Stadt nicht untätig abwarten. Sie fliehen nicht, sie verraten nichts, sie hoffen nichts, sie erlauben sich keine Illusionen. Die melancholische Einsicht, dass sie ihre Aufgabe erfüllen müssen jenseits dessen, was sie kennen und nicht kennen, ist die Bejahung eines verlorenen Kampfes auf verlorenem Posten für eine verlorene Sache. Diese Suche nach einer verlorenen Welt ist für Raspail vor dem Absoluten ein Akt der Hoffnung. „Es ist der Funke des Sakralen, der die Menschen zur Transzendenz erhebt. Dazu bedarf es nicht einmal der königlichen Herrschaft, es genügt die bloße Anwesenheit des Königlichen.“ (9)

Anmerkungen:
1) Quelle: schrangtv/www.macht-steuert-wissen.de
2) Big Other=Angleichung an Orwells „Big Brother“ aus dem Roman „1984“ (Vorwort für die Neuauflage 2011)
3) Der letzte Franzose S.27 Antaios Schnellroda 2016
4) ebd. S. 29
5) ebd. S. 30
6) Der Ring des Fischers. Verlag Antaios 2016. S. 183
7) ebd. S. 337
8) Der letzte Franzose S. 84 9) Der letzte Franzose S. 87/88
 
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