56. Jahrgang Nr. 2 / März 2026
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1. Gedanken zum Fest der Auferstehung 2026
2. Einige Anmerkungen zum diesjährigen Osterfest
3. Gebet für die heilige Kirche
4. Ex oriente lux – Licht aus dem Morgenland ?
5. Der Schmerz
6. Der „Synodale Weg“
7. Der bösen Macht auf der Spur
8. Erschreckende Zunahme der Christenverfolgung
9. Gefälschte „Wahrheiten“
10. Genetische Totalüberwachung: Wie Trump die DNA-Datenbank für alle Bürger vorbereitet
11. Schockierend: EU-Parlament fordert
12. Von Imperien und Hungersnöten
13. Technokraten, ihre Bemühungen
14. ABF Schweiz sagt klar NEIN zur E-ID
15. Nachrichten, Nachrichten, Nachrichten...
16. Wie nah ist der Dritte Weltkrieg?
17. Buchbesprechung:
18. Richten die USA eine „Gedankenpolizei“ ein?
19. Das Märchen von des Königs treuen Knechten
20. Die Geschichte vom armen Madonnen-Schnitzer,
21. Mitteilungen der Redaktion
Die Geschichte vom armen Madonnen-Schnitzer,
 
Die Geschichte vom armen Madonnen-Schnitzer,
dem guten Hirten und bösen Magister

(Teil 3)
Eine Novelle von Klaus Lelek
aus: Philosophia Perennis vom 30.7.24

Herr und Hund erreichten das Glasmacherdorf am späten Nachmittag. Sie dünkten gleichermaßen sichtlich erschöpft. Der Pater hinkte und der Hund, Spiegelbild seines Herren, trottete mit hängendem Kopf neben ihm her.  Es dunkelte heuer sehr früh, was seine Ursache darin hatte, dass der regenreiche Sommer schon im Ernting einen frühen Herbst bescherte, welcher mit kreuchendem Nebel und mancherorts sogar eisigem Harsch einherging. Menschen, die ihnen begegneten, nahmen sie kaum wahr. Ein altes Weib, welches am Wegesrand Löwenzahn für ihre Ziegen rupfte, erzählte, der Pater hätte beim Gehen manchmal einen großen Schritt gemacht, als wäre er über ein unsichtbares Hindernis gestolpert. Der Hund habe ängstlich zu seinem Herrn aufgeschaut. Die Augen des Paters wären starr auf den Weg gerichtet gewesen. Sie habe geglaubt der Gottesmann habe wohl zu viel Wein getrunken. Ihr Gruß sei nur zögerlich erwidert worden.

Pater Paul betrat zuvorderst die Kirche. Das Gotteshaus lag von Mauern umgeben und einer gewaltigen Linde beschattet auf einem kleinen Hügel, dem Krähenberg gegenüber. Zusammen mit dem prächtigen Pfarrhaus thronte sie über dem kleinen Dorfe gleich einer Trutzburg. Im Lande ging die Mär, dass vor Urzeiten die Ahnen auf diesem Hügel zuvorderst einem noch heute sichtbaren Felsen der heidnischen Göttin Holla geweiht hätten, welcher vom heiligen Bonifatius nicht zerstört, sondern zu einer Kanzel umgewandelt wurde, von welcher er, den Heiden im Tale die Kunde von Jesus Christus verkündet habe. Drei Generationen später in der Zeit des großen Frankenkaiser Karl habe die erste Kirche aus Stein einer kleinen Gemeinde Obdach geboten, eh sie auf Geheiß des edlen Barbarossa ihr heutiges Aussehen erhielt. Noch heute tanzen, wie der Pater mit Entsetzen vernommen, zum Maientag der Holla zu Ehren Mägde und Burschen zu nächtlicher Stunde um die dicke Linde und werfen sich buhlerische Blicke zu.

 „Ich bin der neue Bonifatius!“ haspelte der Magister, während er die Klinke der
schweren Pforte herniederdrückte. In der Vorhalle, über welcher sich der massige Glockenturm erhob, hing noch immer der Weihrauchgeruch seines Vorgängers. Er selbst ging zum Leidweisen der Gemeinde mit diesem Kraute sparsam um, steht nicht schon in der Bibel, dass Gott die Brandopfer verabscheut und das Räuchern auf den Höhen als Heidenbrauch verdammt. „Ich bin wie seinerzeit Bonifatius in dieses Tal herabgestiegen, um den Irrglauben zu beenden, der immer noch in diesen dunklen Wäldern herrscht. Es gibt keinen Gott außer Gott.“ Er holte zu einem gewaltigen Schritt aus, trat beherzt über die Schwelle, vergaß dabei jedoch, dass die Vorhalle höher liegt als das eigentliche Kirchenschiff und berührte jäh mit dem linken Fuß den harten Steinfußboden. Bei diesem unvermittelten Aufprall geriet er sodann jählings ins Straucheln und konnte sich nur mit Mühe an einem eisernen Leuchter festhalten, welcher jedoch mit lautem Getöse umstürzte, die brennenden Kerzen mitriss, die sofort erloschen und einen großen Fleck flüssigen Talg auf den Mosaiksteinen hinterließen. „Merde!“ fluchte der Pater. „Ce n´est pas vrai!“ Die Glasmacherkirche fiel behufs der schmalen Fenster schlagartig in Finsternis. Obwohl die Pupillen des Paters sich weiteten, gleich den Jägeraugen einer Eule, war er für einen Bruchteil der Sehkraft beraubt und schwankte ein paar Schritte blindlings zwischen den Kirchenbänken hin und her. Am Altare dicht neben dem schwarzen Gnadenbild flackerte von rotem Glas umgeben unruhig das EWIGE LICHT. Das Antlitz der schwarzen Madonna war in Dunkelheit gehüllt, aber die Augen schienen im Scheine der kleinen Öllampe unruhig zu funkeln. Waren sie am Ende aus Kristall? Er taumelte benommen zurück. Bei jedem Schritt, den er mühsam setzte, hatte er das Gefühl ein Hindernis überwinden zu müssen. Erschöpft ließ sich der Magister auf einer der hinteren Bank nieder. Die Kirche war so kalt, dass er seinen unruhigen Odem im spärlichen Licht der Chorfenster sich verflüchtigen sah. Illumination, Licht, wo seid ihr? Wie lichtdurchflutet waren die Deckengemälde eines Asam in den strahlenden Kuppeln der Klosterkirchen. Wie paradiesisch der Palast des Emirs von Kairo, in dem er mit gelehrten Männern zu der hehren Überzeugung gekommen war, dass es nur einen Gott gäbe, dieser aber, wie in jener vortrefflichen Ringparabel beschrieben, allen drei Religionen, die aus dem Schoße Abrahams sprossen, in unterschiedlicher Gestalt verehrt werde. Nein, in dieser dunklen Höhle, die noch den Geist des Heidentums ausstrahlte, war es ein sinnloses Unterfangen mit einem Tribunal einen dahergelaufenen Taugenichts des Betrugs zu überführen. Hatte nicht sein Vorgänger diesen Betrug sieben Jahre gedeckt. War er am Ende sogar eingeweiht? Der Pater lachte grimmig. Woher kam der Amtsbruder, dessen Namen er kaum über die Lippen brachte? Aus Polen, aus Galizien jenem wilden Slawenlande, das inzwischen gleichfalls zum Reich des Kaiser Josef zählte? Oder war es Böhmen, Mähren? Egal, sie wurden allesamt von Barbaren bewohnt, die der deutschen Sprache kaum mächtig waren, von halben Hunnen. Ihre Tänze waren wild und ihre Musikanten, die auch in Franken und am Rheine aufspielten, trunksüchtig und lasterhaft.
Genug der kruden Gedanken. Die Götzenfigur in der Fensternische muss weg. Jetzo und für immer. Pater Paul sprang auf und hastete zum hinteren niedrigen Kirchenfenster. Erst neulich hatte er den Küster beauftragt den kleinen dreiarmigen Leuchter vor der Fensternische zu entfernen, damit nicht die Weiber mit weitere Kerzenopfer dem Aberglauben neue Nahrung geben. Bereits vom Mittelgang aus sah er, dass seine Anweisung keine Früchte getragen haben. Statt des Leuchters stand unter der Fensternische ein mit Sand gefüllter ellenhoher Tonkrug darin eine einzelne Kerze munter brannte. Eine Kerze von gleicher Beschaffenheit wie er sie in seinem Hause verwendete. Sogleich schickte er sich wutschnaubend an das verderbte Opferlicht mit einem beherzten Lufthauch zu löschen. Aber ach. Kaum, dass er sich ungestüm mit geblähten Backen dem Lichte näherte, das jene Mauerecke spärlich erhellte, erlosch es von selbst und hüllte damit die Kirche nun vollends in Dunkelheit. In gleicher Weise schmolz auch das EWIGE LICHT am Altar vor der Gnadenfigur zu einem winzigen, glimmenden Punkt zusammen. „Die Dämonen fliehen vor ihrem Jäger!“ rief der Pater höhnisch, zog unsanft die Figur aus der Fensternische, hüllte sie in seinen Umhang und stolperte mit seiner Beute gen Pforte, wobei sich die Stufe zur Vorhalle erneut als Hindernis erwies und ihn samt seiner Last dieses Mal schmerzvoll zu Fall brachte. Draußen jaulte und winselte Anubis, der längst in seiner tierischen Einfalt begriffen, dass sein Herr dringend der Hilfe bedurfte. Als der Pater endlich mit einer blutenden Stirne fluchend aus der Kirche taumelte, war der Hollaberg bereits vom Abendnebel eingehüllt. Bis zum Pfarrhaus waren es nur wenige Schritte, aber jene kurze Distanz kam ihm heuer wie eine Weltreise vor. Desgleichen hatte er vergessen, wann er ins verfluchte Waldtal aufgebrochen und zurückgekehrt sei. Ihm dünkte, er habe eine lange Wanderung hinter sich. Der Mund des Seelenhirten war so trocken, als wäre er gleich einem Missionar durch die Wüsten Afrikas geirrt und die Zunge klebte dergestalt am Gaumen, dass er kaum der Worte mächtig war. Das schöne dunkelhäutige Weib, welches seit seiner Rückkehr aus Ägypten den Hausstand führte, schlug die Arme über den Kopf zusammen, als sie ihren Herren dergestalt malträtiert ins Pfarrhaus taumeln sah. „Oh Menna, mon chère, meine Perle Ägyptens, vi al diablo!“ haspelte er in einem wirren Kauderwelsch. „Schnell, gebt mir zu trinken, J´ai soif! Die Ägypterin eilte zur Anrichte und kam sogleich mit einem Kruge und einem Glase zurück. „Mon dieu! Wo wart Ihr so lange?“ Statt zu antworten riss ihr der Pater unsanft den Krug aus der Hand und trank hastig und gierig viele Schlucke Brunnenwasser, die allesamt so schmeckten wie Pulver oder Mehl und sagte dann schroff: „Frag mich nicht, Menna. J´ai visité la forêt et j´ai vu le diable!“
Die Afrikanerin blickte ängstlich um sich. Wie bei allen Bewohnern, die an den Gestaden des Nil Flusses aufgewachsen, war der Glaube an Teufel und Dämonen im Herzen fest verankert, und auch dem Pater war es bislang nicht gelungen das holde Weib mit den Erkenntnissen der Aufklärung zu beglücken. Dass nun ausgerechnet er, der stets salbungsvoll von einem allmächtigen Gotte sprach, einem Waldteufel begegnet sei, stürzte sie in arge Not. „Mon dieu, où est-il? Wo ist Teufel?“ Pater Paul schlug den schwarzen Umhang zurück mit der er die Figur verdeckt hatte und rief triumphierend: „Ici! Là!“ Die Ägypterin stieß einen schrecklichen Schrei aus, aber nicht aus dem Grunde, wie der Pater in seinem Irrglauben vermutete. „No, no, no!“ rief die dunkle Schönheit voller Verzweiflung. „Das ist kein Teufel. Das ist MARIA! Maria et son enfant! Vous êtes fou, monsieur!“
„Weib wie redet Ihr mit mir!“ schnaufte darob der Pater voller Zorn. „Der edle Emir hat mich euch zum Geschenk vermacht, weil ich ihn darum bat. In Kairo wart Ihr eine muselmanische Sklavin, durftet nicht einmal den Serail verlassen und bei mir seid Ihr die Führerin des Hausstandes. Ist das der Dank für meine Mildtätigkeit? Ich habe euch den muselmanischen Glauben gelassen, damit alle Welt hierzulande erkennt, dass zwei Religionen friedlich unter einem Dache leben können, weil sie doch beide dem Schoße Abrahams entsprungen. Wenn Ihr wollt, könnte ich dem Rabbiner von M. meine Aufwartung machen und ihn fragen, ob er nicht eine mittelose Tochter der Synagoge euch als Gehülfin zur Seite stellen will. Dann hättet Ihr noch eine Gefährtin und auch meine Stunden wären wonniglich ausgefüllt. Was sorget Ihr euch nun um diese Götzenfigur, die ein Gaukler heimlich in die Kirche geschafft und für Leichtgläubige zum Altare erchoren. Wie sagte schon der heilige Paulus: Das Weib hat in der Gemeinde zu schweigen. Halte Euch für dahin aus Glaubensdingen heraus.“ Nach dieser Schelte, die Menna mit vielen Tränen vernommen, gab der Pater ihr den Befehl nur recht viel Brennholz aus der Scheune zu holen. Zuvorderst Reisig, welches sie in Mengen neben der Küche gelagert hatte. „Ab damit in den Kamin!“ befahl er barsch. Zuerst ein Nest aus Stroh und Reisig. Dann eine Lage feines Scheitholz Darauf der elende Holzklotz. Was zögert Ihr?“ Wie kann man die Nöte der armen Ägypterin trefflich beschreiben. Da kniete die stattliche Frau vor dem offenen Kamin und legte mit zitternden Händen das Reisig auf die steinernen Platten. Die Scheithölzer, dreizehn an der Zahl, fanden mit Tränen benetzt nur zögerlich ihr Ziel. Dazu klagte sie in einer Sprache, die auch der Pater nicht verstand, weil er sie nie zuvor in seinem Leben gehört hatte. Es klang wie ein Gebet, wie ein inbrünstiges, verzweifeltes Flehen. Auch war es einer Beschwörung nicht unähnlich.
„Allez! Depeche-toi!“ drängte der Pater. „Und jetzt die Götzenfigur! Rapide!“ Mennas Klage verebbte, in gleicher Art wie ein Wasserlauf in der Wüste schlagartig versiegt. In ihrem dunklen Gesicht, welches durch die hereinbrechende Nacht nun tiefschwarz schien, war urplötzlich die Trauer verflogen. Sie blickte mit herablassendem Blick auf das Böse, das gefällig hinter einem Katheder Platz genommen und auf dem Schreibpult drei Kerzen entzündet hatte. Drei Lichter, die ein Dreieck bildeten. Auf einem achtlos liegen gelassenen Papier hatte sie unlängst eine Zeichnung mit drei Leuchtern entdeckt, welche in gleicher Weise angeordnet waren und einen Teppich einrahmten. In diesem Moment war ihr zum ersten Mal im Leben klar, dass es keine Teufel gab, sondern nur böse Menschen. Dass jeder Mensch mindestens ein Mal in seinem Leben vor die Entscheidung gestellt wird, welchen Weg er einschlagen, für welche Seite er sich entscheiden will. Egal wohin dieser Weg führt, oder ob die gewählte Seite zu Verlust oder Schlimmeren führt. „No!“ sagte sie mit fester Stimme und deutete auf ihre wohlgeformte Brust: „Meine Seele, je sauve mon âme!“ Nach diesen Worten drehte sie sich um, und verließ den Raum.
„Geht nur ins Bett einfältiges Weib. Ich komme später nach“, rief der Pater, begleitet von höhnischem Gelächter. „Dann werde ich eben das Werk allein zu Ende bringen.“ Im gleichen Moment vernahm er ein Kratzen an der Türe. Anubis kam hereingetrottet, legte sich vor das Pult und sah seinen Herren mit großen, traurigen, müden Augen an. Der Magister holte mehrere weiße Blätter Papier hervor, legte die Feder neben das Tintenfass und sprach dann zu seinem getreuen Hund: „Heute ist ein großer Tag Anubis. Heute werden wir Beide Geschichte schreiben, so wie einst der heilige Hieronymus mit seinem Löwen, der stets vor seinem Pult saß, Geschichte geschrieben haben. Ich werde ein Tractatus verfassen, wie es nie zuvor in der Kirche erschienen ist. Ein Epos wider den Aberglauben, gleich den Thesen des werten Martin Luthers. Ein Werk des wahren Glaubens, das noch Generationen nach mir als Richtschnur dienen wird. Lass uns das große Opus beginnen. Im Feuer soll sie brennen die Götzenfigur.“
Er nahm einen der Leuchter und trat mit ihm vor den Kamin, packte die Statue und stellte sie auf den Holzstapel. Wieviel Ähnlichkeiten er doch mit einem Scheiterhaufen hatte. Er machte drei Kreuzzeichen: „Oh großer Gott, beende diesen Aberglauben,“ rief der Magister in den dunklen Schacht hinein, dann hielt er gleich einer Fackel die Kerze an das Stroh, welches sogleich mit brausenden Flammen das Reisig und die Holzfigur erfasste. Anubis jaulte, als hätte ihn ein Dorn verletzt, um sich für dahin in eine dunkle Ecke der Türnische zu verkriechen. Schon saß der Magister wieder vor seinem Pult und lies vom Geist der Erleuchtung beflügelt seine Feder auf dem Papier tanzen.
Der Widerschein des Feuers warf auf der gegenüberliegenden Wand wundersame Schatten. Es war vor allem jene ellenhohe Holzfigur, welche vom umliegenden Stroh und Reisigfeuer umringt jene dunklen tanzenden Figuren schuf. Anubis winselte und drückte den Kopf auf den Boden. Der Pater starrte mit weit aufgerissenen Augen auf das Blatt, das ihm heuer dunkler erschien, bis er schließlich gewahrte, dass die drei Kerzen, die er als Zeichen der Weisheit, Stärke und Schönheit entzündet hatte, immer schwächer brannten. „Licht!“ stöhnte der Pater. „Mehr Licht!“ Auch das Feuer im offenen Kamin schien verdunkelt, was freilich seine Ursache darin hatte, dass Stroh und Reisig fast vollständig verbrannt waren und die Holzscheite, auf der die Figur stand, rotglühend glimmten. Und die Skulptur; sie war rabenschwarz und jetzo von gleicher Beschaffenheit wie das holde Gnadenbild am Altare, aber warum wurde jener geheimnisvolle Schatten an der Wand immer größer? Er hätte doch in Ermangelung des Lichts längst verschwunden sein müssen. Aufgelöst, verblichen, von der Dunkelheit verschluckt. Diese schwarzen Umrisse an der Mauer, waren das überhaupt Schatten? Waren es am Ende Kleider, Mennas schwarze Kleider?

 „Menna was soll dieser Mummenschanz!“ knurrte der Pater. „Ich bin nicht Menna“, antworte eine tiefe ihm unbekannte Frauenstimme. Nein, das war nicht die Stimme der schönen Ägypterin. Sie klang herb, metallisch, schneidend, scharf die Luft zersichelnd. „Eine Diebin!“ zischte der Pater. „Nein, du bist die gottlose, entlaufene Nonne. Haben dir die Peitschenhiebe, die ich dir für deinen Ungehorsam gegeben nicht gereicht?“ Die dunkle Gestalt kam näher, ohne ihre Form zu verändern. „Eine Diebin?“ erklang es nun höhnisch keine vier Ellen entfernt.  „Du hast mich bestohlen! Wo ist meine Maria? Meine Weihegabe. Die Dankesgabe armer Menschen.  Du hast sie geraubt. Fahr zur Hölle!“
Was für dahin nur als kurze Ahnung in Pater Pauls Kopf aufblitzte, schien sich zu bewahrheiten. Anna, die Köhlerfrau war, so dünkte es ihm, zurückgekehrt. Sie hatte wohl bemerkt, dass er die Statue entwendet hatte und sann nun auf Rache. Die Rußverschmierte war wohl heimlich durch das hintere Fenster des Studierzimmers geklettert und hatte sich bis dato irgendwo im Raume versteckt. Vielleicht in der Nische neben dem geräumigen Bücherschrank, welcher zwei Ellen vom Fenster entfernt an der Wand stand. Nein, so leicht war er, der weltgewandte Diplomat und Missionar, der manches Abenteuer überstanden, nicht zu überlisten. Wo ist euer elender Mann, schmutzige Waldhexe? dachte er zornig und blickte hinüber zu seinem Hund. Ha! Das ist euer Ende! Ihr seid in die Falle gelaufen. ANUBIS! FASS! ZERFLEISCH SIE! Der Raum war inzwischen stockfinster. Durch die trüben Scheiben schimmerte ein Stern und mondloser Nachthimmel, der darüber hinaus noch von dem schattigen Geäst der mächtigen Linde verdeckt wurde. „Anubis“ röchelte er heiser. Der Speichelfluss war noch immer nicht zurückgekehrt, was seiner Stimme, die sonst gebieterisch wie Donnerhall erschallte, enge Grenzen auferlegte. Er sah erneut hinüber zum Hund und hoffte das Tier würde wenigstens gefährlich knurren. Aber in der Türnische lag nur etwas großes schwarzes, gleich einer Pferdedecke. Bewegungslos.
Pater Paul griff zu seinem Stock aus Ebenholz. Bevor er sich, als jüngster Sohn eines bettelarmen Junkers, für den geistigen Stand entschieden, hatte er fechten gelernt und so manchen Händel erfolgreich ausgefochten. Sein Gehstock war gleich einem Speer mit einer Pfeilspitze versehen, die einer Degenspitze um nichts nachstand. Ich werde dich töten Diebin. Zuerst dich, dann deinen verruchten Mann, der nicht einmal dein Gatte ist. Er wird wohl gleich durch die Tür kommen. Ich höre schon seine Schritte. Mir dünkt ich muss Menna warnen. „Menna! Diebe im Haus!“ hauchte er.
Die dunkle Gestalt war inzwischen so nahegekommen, dass der Pater ein Gesicht zu erkennen glaubte. Ein schwarzes Antlitz mit glühenden Augen. Ein Frauengesicht, welches er weder der diensteifrigen Ägypterin noch seiner Totfeindin Anna zuordnen konnte. „Wer bist du, was willst du?“ stammelte er mit brüchiger kaum vernehmbarer Stimme.  Etwas längliches blitzte und funkelte in ihrer Hand. War es ein Dolch? Ein länglicher Kristall. Ein Zepter? „Ich werde dich töten“ sagte die unheimliche Frau mit unvermittelt sanfter Stimme. Sie sagte nicht, ich will dich töten, sondern, ich werde dich töten. So sicher war sie in ihrem Entschluss und in der Gewissheit, dass sie ihre Tat ohne eine Gegenwehr ausführen werde. Es gab kein Entrinnen. „Wer bist du?“ röchelte der Magister erneut und öffnete kraftlos die Hände. Der Ebenholzstock fiel polternd zu Boden. Darob fielen folgende Worte, die so klangen, als hätte ein Chor von Stimmen begleitet von einem Grollen und Brausen den Raum erfüllt: „Ich bin die Frau mit den Narben im Gesicht. Ich bin die Frau, die den Mutigen voranschreitet. Ich bin die Schutzherrin der Schwachen und Hülle die Elenden in meinen Mantel ein. Du hast mich bestohlen, so wie mich jene bestehlen die meine Häuser niederbrennen und meine Kinder in die Sklaverei führen. Die Bilderstürmer, die um die Gunst des Teufels buhlen. Männer deines Schlages würden meinen geliebten Sohn heute genauso ans Kreuz schlagen, wie die Schergen und Häscher zu meiner Zeit. Darum werde ich dich jetzt töten!“
Als die letzten Worte verklungen waren, fühlte der Pater, noch einmal nach Luft ringend, einen heftigen Schmerz in der trocknen Kehle und im gleichen Moment färbte sich das Papier, dass bislang in der Finsternis noch ein wenig weiß schimmerte, tiefschwarz. Sein Kopf sank auf das Pult. Die Hände baumelten kraftlos herab…

Die Geschichte vom armen Madonnen-Schnitzer,
den guten Hirten und bösen Pfaffen
(Teil 4- Philosophia Perennis 11.8.2024)


Lange Zeit hatte Menna, sich unruhig im Bette hin und her werfend, mit dem Schlafe gerungen. Warum nur hatte ihr werter Herr, der stets den Verstand als höchste Geistesgabe pries, diese abscheuliche Freveltat begangen. War es der Satan, der ihn zu jenem Anschlag trieb? Sie weinte entsetzlich gleich einem armen Weibe, das ihr Kindlein verloren. Ihre Not vergrößerte sich noch in dergestalt, dass justament alle Widrigkeiten des Lebens gleich Dämonen vor ihrem Auge erschien. Welche Pein hatte die Frau in Permanenz erduldet? Wie viele Tränen waren seit ihrer Jugend im fernen Afrika geflossen? Ihre drei Mägdelein, die sie im Serail geboren, hatte man ihr grausam genommen, noch ehe sie entwöhnt. Das Knäblein, welches sie dem Magister geschenkt und heimlich entbunden, kam vor der Zeit tot zur Welt. Der Pater wollte es nicht einmal in Augenschein nehmen und ließ es vom Küster ungetauft gleich einem Kadaver im Walde vergraben.
Irgendwann nach dem ersten Hahnenschrei nahm sich Morpheus ihrer armen Seele an und die Ägypterin fiel in einen tiefen Schlummer. Erst das heftige Läuten der Hausglocke riss sie aus dem Reich angsterfüllter Träume. Sie fuhr erschrocken hoch. Die Bettstatt neben ihr war leer. Menna schlüpfte hastig in ihre Kleider und eilte die Treppe hinab zur Pforte. Draußen stand der Küster und machte ein verdrießliches Gesicht. „Heuer ist Maria-Himmelfahrt! In Bälde strömt das Volk mit den Kräuterbüscheln herbei. Wo bleiben seine Hochwürden. Ich habe den Altar geschmückt und wollte in Erfahrung bringen, ob alles wohlgefällig sei.“ „Ich habe Hochwürden heuer noch nicht gesehen“, sagte sie schleppend, nach Worten ringend. „Mir dünkt, er sitzt immer noch im Studierzimmer, wollte schreiben… langes Tractatus.“ Daraufhin bat sie den Küster, welcher ihr wohlgesonnen war, doch hereinzukommen, um selbst nach dem Pfarrer zu sehen, war es doch noch nicht lange her, dass der Magister ihr bei Strafe verboten hatte, ihn bei seinen Schreibarbeiten zu stören. Erst unlängst, als die Rührige gedankenverloren sich seiner Anweisung widersetzt, hatte der Gottesmann voller Zorn ein Tintenfass nach ihr geworfen. Der Küster sah Menna mit verständigem Blick an und sagte: „Ich glaube euch jedes Wort, wertes Weib. Mir dünkt sein Vorgänger Cyprian war ein vom Himmel gefallener Engel. Welcher Heimat Pater Paul entsprungen, habe ich noch nicht herausgefunden.“
Beherzt schlug der Küster in Bälde gegen die schwere, mit zahlreichen Borten und Leisten verzierte Zimmertüre. „Guten Morgen Hochwürden, Pater Paul!“ rief er mit lauter Stimme. Hinter der Türe herrschte eisige Stille. Dies wiederholte er drei Mal. Nach einer geraumen Zeit hielt der gute Mann das Ohr an die Beschläge des Schlüssellochs, lauschte, ob er ein Lebenszeichen vernehme, äugte schließlich hinein und fuhr dann mit Entsetzen zurück. „Mir dünkt, im Raume hat es gebrannt. Es riecht nach Rauch und Schwefel. Wir müssen die Türe öffnen. Seine Hochwürden schweben allem Anscheine nach in allerhöchster Gefahr.“ Spornstreichs drückte der Küster die Klinke herunter. Aber ach. Die mächtige Türe ließ sich nur mit großer Mühe um eine halbe Handbreite öffnen. Etwas Schweres lag auf der anderen Seite und verhinderte, dass sich die Pforte weiter gen Zimmer bewegte. Jedoch reichte jener kleine Spalt hinlänglich aus, um einen Schwall schlimmen Schwefelgeruch zu verbreiten. „Mon dieu!“ rief die Ägypterin voller Entsetzen. „le diable!“                        
Der Küster war ein beherzter Mann. Er hatte als verdienter Soldat im Heer des großen Friedrich so manchen Schwefelgeruch auf den Schlachtfeldern des gebeutelten, zerrissenen Deutschlands gerochen, war durch manche abgebrannten Dörfer marschiert, und sagte daher hinfort nichts mehr, sondern setzte nun alle Kraft daran, die verhängnisvolle Türe vollends zu öffnen. Das Hindernis, welches den Weg versperrte, wich nach vielen Pressen und Stemmen, stets nur um Fingers Breite. „Weib, Ihr müsst mir helfen!“ stöhnte der Küster. Menna war ein stattliches Weibsbild und es mangelte ihr nicht an Kraft. Gemeinsam drückten nun beide das schwere Hindernis gen Zimmerinnern. Es war Anubis, der ihnen den Weg versperrt. Die gewaltige schwarze Dogge lag mit dem Rücken an der Tür. Die Beine gen Körper gepresst. Zuvorderst sah es so aus, als ob das Tier schliefe. Der Rüde war mausetot.                          
„Mon dieu! Mon dieu!“ schrie die Ägypterin erneut aus Leibeskräften und wollte sich sogleich in den von Rauch und Schwefeldünsten verschleierten Raume stürzen, aber der wackere Küster hielt sie beherzt zurück. „Bleibet um Himmels Willen auf der Schwelle, Weib!“ herrschte sie der alte Soldat an. „Ich habe im Kriege viele Menschen tot in ihren Häusern gefunden, die sind nicht vom Feuer verbrannt, sondern elend im Rauch erstickt.“ Er zog ein Schnupftuch aus der Tasche, holte tief Luft rannte in das Studierzimmer, riss die Fenster auf und kam dann nach Luft ringend wieder in die Eingangshalle. „Der Magister liegt mit dem Kopf auf dem Pult. Sein Tintenfass ist umgestürzt und hat einen riesigen Fleck auf dem Papier hinterlassen. Mir dünkt Hochwürden sind im Rauche erstickt. Sagt mir Menna, welcher Teufel hat der Pater geritten mitten im Erntling ein Feuer im Kamin zu entfachen. Ich wollte am zweiten Tag im Scheiding den Kamin gründlich inspizieren, weil im Herbstmond nächtlings der erste Frost sich auf die Wiesen legt. So war´s mit Hochwürden abgesprochen.“ „Er hat die Weihegabe verbrannt,“ schluchzte Menna. „Die Holzfigur am Kirchenfenster, gleich am Eingang. Dort wo so viele Menschen der HEILIGEN GOTTESMUTTER Dankestafeln gestiftet. Ich wollte ihn davon abhalten. Erst gestern habe ich heimlich eine Kerze vor dem wundertätigen Bild aufgestellt.“ Der alte Soldat sah sie ungläubig an und rief: „Menna, Ihr wart in unserer Kirche, sprecht von der GOTTESMUTTER? Ich habe geglaubt, ihr wäret eine Muselmanin. Hochwürden haben mir erzählt, Ihr stammt aus Ägypten, wäret eine Sklavin des Emirs gewesen. Der Gottesmann hätte euch als Geschenk erhalten für seine Gelehrsamkeit und Diplomatisches Geschick? Um Allerwelt seine Ideen von Toleranz, Menschenglück und Freiheit zu zeigen, habe er Euch nicht gezwungen die Christenreligion anzunehmen.“ 
„Ce n´est pas vrai. Dies ist nur die halbe Wahrheit,“ unterbrach ihn die Haushälterin. „Exactement sogar eine freche Lüge. Voulez-vous entendre la vérité? Wollt ihr die Wahrheit hören?“ „Ja! Gottverdammt zum Teufel tausendmal Ja!“, rief der alte Soldat erregt und faste die schwarze Schönheit sanft am Arm. „Ich habe schon die ganze Zeit gemerkt, dass hier irgendwas nicht stimmt. Ich kenne mich aus mit euch Weibsleuten. Ich habe Eure traurigen Augen gesehen und mir gesagt, eine schöne Frau wie Ihr, die so traurige Augen hat, muss schreckliche Dinge erlebt haben. Erzählt mir alles Madame. Ihr habt mein Vertrauen. Und solltet ihr fortan der Hülfe bedürfen, so werde ich alles tun, um weiteres Ungemach von euch fernzuhalten. Ich habe im Kriege zwei Offizieren das Leben gerettet. Wem ich mein Wort gebe, für den gehe ich, wenn´s die Not verlangt sogar durch die Hölle.“
Was der wackere Küster jetzo vernommen, könnte gewiss so manches Buch füllen. Zuvorderst erfuhr er, dass die Ägypterin, gar nicht vom Nil stammte, sondern aus Äthiopien, was schon ihre dunkle Haut hinlänglich bewies. Dann berichtete die Schöne, dass sie nicht Menna, sondern Mariam geheißen und eine CHRISTIN sei, ehe sie arabische Sklavenjäger, die ihr Dorf überfielen, die Männer abschlachteten und die jungen Frauen verschleppten, sie auf einem Markte gleich einem Stück Vieh feilboten. Auf diese Weise wäre sie in den Palast des Emirs gelangt, wo sie fortan als Sklavin lebte. Obwohl dieser bereits zwölf Frauen sein Eigen nannte, habe auch er sich, wegen ihres wohl gewachsenen Körpers, miniglich mit ihr vergnügt und drei Mägdelein gezeugt, welche ihr jedoch alsbald genommen wurden.“
Dieses und andere Ungeheuerlichkeiten erfuhr der gute Mann von der dunklen Schönheit und schickte sich sofort an, dem Schicksal der Frau, die er stets aus der Ferne mit heimlicher Bewunderung umhegt, eine gute Wendung zu geben. Zuvorderst eilte er zur Kirche und verriegelte sie gründlich, damit nicht alte Weiber vor der Zeit diese betreten, den Verlust der Figur entdecken und ein Furor verbreiten.  Anschließend inspizierte er den Raume, welcher auf so tragische Weise zum Sarkophag des Seelenhirten geworden und stellte fest, dass ein verlassenes Dohlen Nest den Kamin in dergestalt verengt habe, dass der schädliche Rauch nicht in den nächtlichen Himmel abgezogen, sondern sich im inneren verteilt habe. Gehören nicht auch Dohlen zu den altbekannten Todesvögeln?
Da der Küster von Amts wegen auch als Bader in Krähenberg tätig war – Er hatte als Feldscher im Kriege zuhauf Erfahrungen mit Sterbenden und Toten gesammelt – war es ihm gestattet die Todesursache des Paters genau zu protokolieren. Auch den Kadaver des Anubis ließ er nicht unerwähnt, war er doch mutmaßlich an der gleichen Ursache gestorben wie sein Herr. Zu seiner großen Überraschung war die Figur der HEILIGEN GOTTESMUTTER nicht von den Flammen verzehrt, sondern nur verkohlt, ein Umstand, welcher im Glasmacherdorf gewiss den Geister- und Teufelsglauben weiter entfachen könnte. Um diesen Umstand zu unterbinden, drehte er die geschwärzte Holzfigur gen Kamin, so dass ein hereinkommender nur ihre gesichtslose Rückseite in Augenschein nehmen konnte. Seine wichtigste Aufgabe sah der Küster jedoch darin, nicht alles, was er entdeckte zu verbreiten. So war ihm beim Inspizieren des Toten nicht entgangen, dass die Pupillen des Paters ungewöhnlich groß waren, was auf eine schwere Vergiftung mit Bella Donna hinwies, ausgelöst durch jene Beere, Tollkirsche geheißen, welche der Pater auf dem Wege zum unglücklichen Köhlerpaare leichtsinnig gegessen und seinem Mund und Halse jeglichen Speichel geraubt. Dieser Umstand freilich könnte die Haushälterin in arge Bedrängnis bringen, war sie doch für das leibliche Wohlergehen des Paters verantwortlich. Wie leicht hätte man sie als Giftmischerin und Hexe verleumden können, zumal man ihrer Hautfarbe und Herkunft wegen, solche bösen Verleumdungen nur zu gerne verbreitet.  Es galt also zu verhindern, dass ein studierter Medikus mit dem Fall betraut werde, ebenso wenig wie ein Polizeiamtmann aus der fernen Residenz. Er allein, Küster, Bader, ehemaliger Feldscher musste ausreichen, um den Fall nach allen Seiten als Verkettung unglücklicher Umstände erscheinen zu lassen, was ja auch in Fülle der Wahrheit entsprach.        
Nachdem er den Schultheiß über den Tod des Priesters informiert, ihm die Leiche und den Kadaver des Hundes gezeigt, ebenso wie den von Todesvögeln versperrten Kamin, schwang er sich munter auf einen Apfelschimmel, welcher ihm ein Zehnthof ausgeliehen und ritt geschwind für dahin in die Kleine Stadt am Rande des Waldgebirges, um der dortigen Geistlichkeit vom Ableben des Amtsbruders, der ja zu den angeseheneren Klerikern zählte, zu berichten, verbunden mit der Frage, ob auch sie den Leichnam sehen wollen oder es der Glasbläsergemeine überließe, was mit den sterblichen Überresten des Gottesmannes geschehen sollte. Am Ende des Tages machte als letzter der Stadtdekan, der mit einer Kutsche anreiste, dem Glasmacherdorf seine Aufwartung, besah den Schreckensort, bestätigte alle Berichte über die Todesursache und sandte noch am gleichen Tag eine dringliche Depesche an den Fürstbischof, in welchem er den Tod des großen Aufklärers, Diplomaten und „Bruders“ wortreich mitteilte. Alsdann bereitete der Küster die Beerdigung des Weltpriesters vor, ließ ein Grab ausheben, bestellte den Eichensarg und kümmerte sich für dahin um die Haushälterin, welche nur Fremden gegenüber dem Anschein eines trauenden Weibes verbreitete ihm gegenüber jedoch einen wahrhaft frohgemuten Eindruck machte. Der Platz, wo die verstorbenen Priester der alten Filialkirche ihre letzte Ruhe fanden, lag, den meisten Blicken verborgen, direkt hinter dem prachtvollen Pfarrhause. Die Erde war dort tiefgründig und allendhalben fruchtbar. Das Grab von Hochwürden schien derowegen besonders tief ausgefallen. Als der Küster und die Haushälterin die Grube in Augenschein nahmen sagte der wackere Mann zum Weibe: „Nun müssen wir nur noch für Anubis einen Ort finden. Wo wir ihn zur letzten Ruhe betten können.“
„Ist dieses Grab nicht tief genug. Mir dünkt einen besseren Ort für Anubis können wir gar nicht finden,“ sprach die Haushälterin zum Küster und lächelte dabei ein wenig schelmisch in sich hinein. „Mir dünkt, dass er seinen Hund besser behandelte als so manchen Menschen, da wäre es doch schicklich, wenn beide, Herr und Hund, wie Mann und Frau im gleichen Grabe ruhen.“ Gesagt getan. Als die Nacht hereingebrochen, schleppten beide Kirchendiener mit vereinten Kräften die schwere Dogge über die Schwelle des Hauses, luden sie auf einen Leiterwagen, hoben das Grab noch ein wenig tiefer aus und legten hernach den toten Körper des Tieres dort hinein, darüber eine Schicht Erde, welche sie feststampften. Während sie die Erde feststampften, die Körper dicht an dicht im engen Grabe, nahm der Küster die schöne Frau genauer in Augenschein, warf ihr einen buhlerischen Blick zu und sagte: „Mir dünkt Madame, der Tod von Hochwürden scheint euch nicht sonderlich erschüttert. Ihr wirkt so frohgemut als sei eine große Last und Bürde von eurem Busen gefallen. Habt ihr nicht das Bett mit Hochwürden geteilt?“
„Ich habe auch das Bett mit dem Emir geteilt“, sagte sie mit grausamem Spott: „Glaubt Ihr wirklich ich hätte die Männer, die mich in ihr Bett zwangen, geliebt? Je suis un esclave! Ich bin eine Sklavin. Ich wurde vom Emir gekauft, wie eine Kuh und vom Emir verschenkt wie eine Hündin. Hochwürden hat mich nicht aus dem Serail befreit. Ich wurde verschenkt. J´ai changé un harem avec un presbytère. Ich habe den Serail nur mit dem Pfarrhaus getauscht. Freiheit war für Hochwürden nur eine Lüge. Er hat einem muslimischen Sklavenhalter die Freundschaft erwiesen und bei seiner Aufwartung das Kreuz unter dem Talar verborgen. Kann es eine größere Lüge, einen größeren Lügner und Verleumder geben?“
„Für mich seid Ihr fortan eine freie Frau,“ rief der Küster erregt. „Jeder Mensch ist frei geboren, schrieb unlängst ein kluger Mann in Frankreich. Ihr König dort hat ein Parlament geschaffen und seinen Bürgern die Freiheit längst geschenkt. Wenn ihr nicht frei seid, werte Frau, so werde ich hinfort dafür sorgen, dass ihr frei werdet. Egal welchen Weg ihr auch einschlagen wollt. Ich für mein Teil will nicht länger ein Fürstenknecht sein. Ich werde dieses Land bald verlassen und nach Paris gehen, wo ein Oheim einen guten Handel unterhält. Wenn ihr wollt, könnt ihr mit mir gehen.“
Die schöne Äthiopierin, deren Gesicht in der Dunkelheit nun vollends schwarz ward, dass nur ihre wunderschönen Augen gleich Sterne leuchteten öffnete ihre wohlgeformten Arme und sprach: „Mon dieu. Monsieur. Ihr seid der erste Mann, bei dem ich mich frei fühle.“ Was hernach im offenen Grabe geschah? Es ist nicht schicklich es in allen Einzelheiten hier wiederzugeben, nur so viel sei gesagt, dass die beiden für dahin ein Paar wurden, welches in später Liebe vereint von nun an gemeinsam ein Leben in Glück und Freiheit genossen. „L ´Allemagne est perdue“, waren ihre letzten Worte im Flickenteppichreich kleiner, tumber Tyrannen, ehe sie nach Passieren unzähliger Schlagbäume und aufgeblähter Schergen bei Straßburg den Rhein überquerten und den Weg nach Paris einschlugen.          
Epilog
Hier ist die Geschichte eigentlich zu Ende, aber sicher fragt sich so mancher, was aus dem armen Holzfäller und Köhler geworden ist, welcher zusammen mit seinem Weibe Anna vor den Nachstellungen des Paters in den tiefen Wald floh. Nun, sie sind in Bälde zurückgekehrt. Schon als sie das wahnsinnige Lachen und das jämmerliche Jaulen des Hundes hörten, wussten sie, dass der Magister den Verstand verloren hatte. Wenig später überbrachten Glasmacher ihnen die Kunde, dass der Kleriker und sein Cerberus im Rauch erstickt seien. Auch das Verschwinden der MUTTERGOTTES wurde ihnen beizeiten kundgetan. Für Anna war dies ein untrügliches Zeichen, dass ihre Zeit im Waldgebirge endgültig vorbei sei. Sie schrieb noch am gleichen Tage einen langen Brief an Pfarrer Cyprian und schilderte ihre Not. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Es war der Fürst L, der ihnen durch seinen Verwalter ausrichten ließ, dass in Bälde eine Kutsche unterwegs sei, welche sie unverzüglich nach Mähren bringen soll.
Am Tage, als sie ihre Habseligkeiten gerichtet, hat sich widererwarten noch etwas Wundersames ereignet, was an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben soll. Als Anna am Morgen der Abreise aus der Tür trat, entdeckte sie vor der Gartentür einen schwarzen Holzklotz. Beim Näherkommen erkannte sie, dass es die angebrannte MARIA und ihr KIND waren, die zwar übel zugerichtet aber nicht zerstört den Weg in den Wald zurückgefunden hatten. An der Figur klebte ein Papier mit den Worten „Excusez-moi. Bonne chance - Mariam.“ So trat die verstoßene Dankesgabe, sorgsam verpackt, ihren Weg zu den tiefgläubigen slawischen Untertanen am Rande des Heiligen römischen Reiches Deutscher Nation an, wo sie hinfort als „Köhlermadonna“ die Kirche des Pfarrers Cyprian zierte. Im Herzen des gottlosen, zerrissenen Landes, in welchem schon bald wieder mal schreckliche Kriege tobten, war kein Platz mehr für sie.
Wenige Jahre nach dem Wegzug der Köhler eröffnete ein schlauer Mann in der kleinen Stadt am Rande des Waldgebirges eine große Glashütte. Die meisten Glasmacher zogen dorthin, um fortan als Knechte eines Fabrikherrn zu verdingen.  Zurück blieben drei Bauern, die auf den kargen Wiesen ihre Kühe weideten. In Bälde waren auch sie verschwunden und der Wald verschluckte den Talgrund. Einzig auf dem Hollaberg erhob sich noch, von der Linde beschattet, die Glasmacherkirche, bewahrte für dahin das Gnadenbild. Besucher erzählten, dass Antlitz der HEILIGEN MUTTERGOTTES habe sich verändert. Das feine Lächeln wäre aus ihrem dunklen Antlitz verschwunden. Jäger berichten, sie hätten nach einer verspäteten Heimkehr aus dem Haag einen Hund vom Hollaberg herab erbärmlich jaulen hören. Zuerst hatten sie geglaubt es wäre ein Hund ihrer Meute, der sich verlaufen habe. Jedoch war diese vollständig. Andere berichteten sie hätten zur gleichen Zeit einen Mann mit schwarzen, zerfetzten Kleidern durch den Wald irren sehen, der in einer fremden Sprache etwas in den Wald rief und dabei ein wahnsinniges Gelächter vernehmen ließ.      

Anmerkung des Verfassers:
Diese Geschichte und die darin vorkommenden Personen sind frei erfunden. Dennoch beruht sie teilweise auf ähnlich verlaufenden Begebenheiten und historischen Fakten. Eine sagenhafte „Buchen-Maria“ gibt es tatsächlich. Sie wird in einer Wallfahrtskirche im Wald bei Lohr am Main verehrt. Hier in der Nähe soll auch das Märchen von Schneewittchen entstanden sein. Weiterhin wurde eine Madonnenfigur aus Gelnhausen während des 30jährigen Kriegen gerettet und von Hirten im Spessart versteckt, wo sie heute noch in einer kleinen Dorfkirche bewundert werden kann. Einige hochstehende Kleriker im Bistum Mainz waren Ende des 18. Jahrhunderts Freimaurer und sogar Illuminaten und hatten sich ganz der Aufklärung verschrieben.
Bereits während dieser Zeit wehte sogar in katholischen Ländern der traditionellen Kirche der Wind hart ins Gesicht. Kaiser Josef II – ebenfalls Freimaurer – ließ Klöster schließen. Wertvolle Bücher und Handschriften wanderten in die Papiermühle. Diesem Vorbild folgten ab 1800 während der Säkularisation auch die Fürsten in den Süddeutschen Staaten. In Münsterschwarzbach wurde sogar eine Barocke Abteikirche von Balthasar Neumann – gerade mal 50 Jahre alt – zum Abriss freigegeben. Viele Aufklärer hatten gemäß der Ringparabel von Lessing eine große Affinität für den Islam, wobei sie großzügig über den von den Arabern betrieben Sklavenhandel hinwegsahen, ja sogar davon profitierten. Fürst Pückler zum Beispiel kaufte auf dem Sklavenmarkt in Kairo ein 12jähriges farbiges Mädchen, die er später mit nach Deutschland nahm, wo sie schon bald starb. Meine Geschichte, die bewusst an den Sprachstil der Romantik angelehnt ist und auch Worte enthält, die heute nicht mehr gebräuchlich und sogar verpönt sind, soll vor allem ein Plädoyer für Freiheit, Glauben, Mut und Menschlichkeit sein und zugleich eine Kampfansage an idiologische Verblendung, die ähnlich wie zur Zeit der Aufklärung vor allem von Selbstverliebtheit, Absolutheitsanspruch und Doppelmoral geprägt ist. Ob mir dies gelungen ist, mag der Leser entscheiden.

Klaus Lelek

 
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