Das Märchen von des Königs treuen Knechten
erzählt von einem langjährigen Leser der EINSICHT
Es war einmal ein großer König, Herr über ein überaus herrliches Reich, riesige Ländereien und Hörige, die all seine Felder bestellten. Denen hatte er aufgetragen: "Baut Jahr um Jahr Korn an auf meinem Land und bringt es in meine Scheunen, bestellt nicht nur die Ländereien, sondern gewinnt neuen Ackergrund hinzu. Entfernt das Unkraut, haltet die wilden Tiere und die Feinde fern, seid untereinander eins und wählt unter euch Vögte, meine Stellvertreter, die euch weise regieren, indem sie meinen Weisungen beständig Folge leisten!" Sprachs – und ward seitdem nicht mehr gesehen.
Jahrhunderte vergingen, nicht nur die Vögte, auch die Generationen der Knechte wechselten, es kamen neue Zeiten und mit ihnen neue Ideen. Das Verständnis des Landanbaus hatte sich gewandelt. Neue Vögte, Agraringenieure ihrer Herkunft nach, erklärten, sie seien unbedingt königs- und reichstreu, allerdings müsse man die Weisungen des Königs zeitgemäß ausdeuten: Hätten damals dem König die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Landbaus zur Verfügung gestanden, hätte er einen Anbau in Vielfalt – hier Korn, dort Gras, da Disteln - angeordnet, das fördere das Wachstum insgesamt und reduziere die Gefahr der Zerstörung durch einfallendes Wild und marodierende Feinde. Wo Nahrhaftes nur verstreut angebaut werde, lohne ein Raubzug nicht. Auch eine Erweiterung der Anbaufläche entspreche bei weitem nicht mehr dem heute geltenden Gebot landwirtschaftlicher Vielfalt. Und schließlich: neige sich die Zeit des Königtums nicht gar ihrem Ende zu? Habe man den König seit Menschengedenken irgendwo gesichtet, ja lebe er überhaupt noch? Und wenn schon - ob er nicht des Regierens längst überdrüssig geworden sei und sich vielleicht ganz anderen Beschäftigungen vergnügt zugewendet habe?
Was Vögte anordnen, das begrüßen die einen als „längst überfallig“, den anderen gilt es als Gesetz: „Falls das den Weisungen des Königs irgendwie zuwider sein sollte, mag der die Oberen zu Rechenschaft ziehen, er hat sie ja bestellt, wir sind nur Handlanger“, so war die Meinung vieler Knechte. Und so vollzogen sie den modernen Anbau mit Erfolg: das Wild brach nun nicht mehr in die Felder ein, es hielt sich vielmehr auf den Ackerflächen auf und suchte Äsung, denn das Korn war zwischen den anderen Kräutern nur knapp gesät - und erstickt. Den Feinden bot sich kaum Gelegenheit dort zu marodieren, wo es nichts mehr zu verwüsten gab: Des Königs Scheunen blieben leer.
Einige Arbeiter allerdings ließen scheinbar Vorsicht walten: "Wir sind wahrhaft königstreu, der König ist uns Autorität und Gesetz - und deshalb auch der jeweilige Vogt! Vogt ist Vogt, selbst wenn der dem König hinterrücks den blanken Hintern zeigt! Für uns gibt es gar keine falschen Vögte. Der König, so der denn seine Rede von den Vögten, „die euch weise regieren, indem sie meinen Weisungen beständig Folge leisten!", tatsächlich ernst gemeint haben sollte, wird er schon falsche Fünfziger, einsteigende, plündernde Diebe, sicherlich zu verhindern wissen. Darum: Wir erkennen sowohl den König als auch den Vogt als unsere Oberen an. Nur da, wo die Vögte von den Weisungen des Königs unserer Ansicht nach doch irgendwie allzu weit abweichen, verordnen wir eigene Losung - so sind wir wahrhaft königstreu und zugleich auch dem Vogt ergeben. Wir dienen dem König, indem wir den Vögten dienen, wo sie es verdienen, dass wir ihnen dienen. Wo nicht sind wir unsere eigenen Vögte. So bauten sie also keine Disteln an, sondern nur gutes Korn und Gras, letzteres der gebotenen Vielfalt wegen. Das allerdings wuchs schneller als das Korn und erstickte es: Des Königs Scheunen blieben leer.
Schließlich war da noch ein allerletztes Häuflein „ewig Gestriger“, solcher als vollkommen reichs- und königstreu geltender Knechte. Sie hätten erkannt, so sagten sie, dass die neuen Vögte Feinde des Königs und seines Reiches, Diebe und Räuber seien. Man könne darum nur entweder dem König unterthan und den Scheinvögten feind sein - oder umgekehrt. Weiter verlauteten sie, sie wollten daher die Idee von König und Reich bis auf das allerletzte Jota fortführen, indem sie peinlichst genau alles so handhabten, wie es zur Zeit des anwesenden Köngis gehandhabt gewesen sei. Ein jeder von ihnen ging also hin und hielt so leidlich Frieden mit - und gewaltigen Abstand von - seinem Mitknecht, nahm sein Stück Land in Besitz, pflanzte darum herum Hecken und setzte Zäune und baute dort das an, was einst der König anzubauen anbefohlen hatte, Korn. Da er mit dem Setzen seiner Hecken und Zäune vollauf beschäftigt war und ihm als einzelnem nur begrenzte Arbeitskraft zur Verfügung stand und zudem die hohen Hecken dem Korn das Sonnenlicht nahmen, war der Ertrag entsprechend. Die letzten der als gänzlich reichs- und königstreu Geltenden mussten das wenige Korn, was der Boden ihrer Parzelle hergab, aufessen, um zu überleben: Des Königs Scheunen blieben leer.
Wenn nun der König erscheint, und er wird erscheinen, so hat er es versprochen, welchen dieser Knechte wird er willkommen heißen mit den Worten: „ Du guter Knecht, du bist nicht zu meinen und meines Reiches Feinden übergelaufen, du bist nicht zu einem meiner zahlreichen Feinde geworden. Du hast dich auch nicht als schales Salz erwiesen, denn du hast dich nicht mir und meinem Reich gegenüber „neutral“ verhalten, indem du sowohl mir, deinem rechtmäßigen König, als auch den Scheinvögten, meinen Todfeinden, gegenüber dienstbar sein und in deiner Lauheit zwischen beiden „vermitteln“ wolltest. Du hast auch nicht verbotenerweise meine Ländereien unbearbeitet gelassen, um statt dessen dein eigenes Feld zu bestellen, indem du Saatgut meinen Scheunen entnommen, auf deiner Parzelle ausgesät und dann verspeist hast. Du hast dir nicht in aller Verschwiegenheit dein eigenes kleines Reich widerrechtlich auf dem Boden meines brachliegenden Landes errichtet, und hast nicht bloß über „die Idee von König und Reich“ salbungsvolle, aber letztlich leere Worte verloren und dich damit um Kopf und Kragen geredet, sondern du hast redlich meine Felder bestellt und in meine Scheunen gesammelt. Denn du hast dich um die Wiedererrichtung des Reiches und um meine Rückkehr ernsthaft bemüht. Du hast täglich nach Mitknechten Ausschau gehalten, um einem Vogt, einem wahren Stellvertreter meiner Person, den Weg zu bereiten, weil du meine Weisung stets im Herzen trugst: „wählt unter euch Vögte, meine Stellvertreter, die euch weise regieren, indem sie meinen Weisungen beständig Folge leisten!“. - Du hast wahrhaft mir, deinem König und meinem Reich gedient! “
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