Der Schmerz
von Leon Bloy
Die Freiheit, jene erstaunliche, unbegreifliche, nicht näher bestimmbare Gabe, in welcher es uns gegeben ist, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist zu besiegen, das fleischgewordene Wort zu töten, die Unbefleckte Empfängnis siebenmal zu durchbohren, mit einem einzigen Wort alle geschaffenen Geister im Himmel und in der Hölle in Erregung zu versetzen, den Willen, die Gerechtigkeit, das Erbarmen, das Mitleid Gottes auf Seinen Lippen zurückzuhalten und sie zu hindern, auf seine Schöpfung herabzusteigen, diese unsagbare Freiheit ist doch nichts anderes als dies: die Achtung, die Gott für uns hegt. Daß man sich dies doch einmal ein wenig vorzustellen versuchte: die Achtung Gottes! Und diese Achtung geht so weit, daß Er zu den Menschen seit dem Gesetz der Gnade niemals in absoluter Machtvollkommenheit gesprochen hat, sondern im Gegenteil mit der Schüchternheit, der Zartheit und, ich möchte fast sagen, mit der Unterwürfigkeit eines bedürftigen Bittstellers, den kein Widerwille zu entmutigen vermag. Durch einen höchst geheimnisvollen und höchst unbegreiflichen Ratschluß seines ewigen Willens scheint sich Gott damit beschieden zu haben, bis zum Ende der Zeiten das unmittelbare Recht des Königs gegen den Untertan, des Herrn gegen den Knecht, dem Menschen gegen über nicht auszuüben. Wenn er uns haben will, muß er uns verführen, denn wenn Seine Majestät uns nicht gefällt, können wir sie von uns stoßen, ihr einen Backenstreich versetzen, sie geißeln und kreuzigen lassen unter dem Beifall des niedrigsten Gesindels. Nicht durch seine Macht wird er sich verteidigen, sondern allein durch seine Geduld und durch seine Schönheit... Zwischen dem Menschen, der ohne seinen Willen mit der Freiheit ausgestattet worden ist, und Gott, der sich mit Willen seiner Macht entblößt hat ist die Gegnerschaft zur Regel geworden, Angriff und Widerstand halten sich ganz richtig die Waage, und dieser ständige Kampf der menschlichen Natur gegen Gott ist der Springquell des unausschöpfbaren Schmerzes. Der Schmerz! Da steht es also, dieses große Wort! Da steht es nun, die Lösung allen Menschenlebens auf Erden das Sprungbrett jeglicher höheren Würde, das Sieb jeglichen Verdienstes, der unfehlbare Prüfstein aller sittlichen Schönheiten! Man will durchaus nicht begreifen, daß der Schmerz notwendig ist. Wer sagt, der Schmerz sei nützlich, versteht hiervon nichts. Die Nützlichkeit setzt immer irgend etwas Zusätzliches und Zufälliges voraus, der Schmerz aber ist notwendig. Er ist das Rückgrat, das eigentliche Wesen des sittlichen Lebens. Die Liebe wird an diesem Zeichen erkannt und wenn dies Zeichen ihr fehlt, ist die Liebe nur eine Prostitution der Kraft oder der Schönheit. Ich kann erst dann sagen, jemand liebt mich, wenn er es auf sich nimmt, durch mich oder für mich zu leiden... Nun, und wir? Was sind wir? Herr und Gott! Die GLIEDER Jesu Christi! Seine richtigen Glieder! Unser unaussprechliches Elend ist es, ohne Unterlaß die klarsten und lebendigsten Aussagen der heiligen Schrift für Bilder und leblose Symbole zu nehmen. Wir glauben, aber wir glauben nicht substantiell. Ach, die Worte des Heiligen Geistes müßten in unsere Seelen dringen und fließen wie geschmolzenes Blei in den Rachen eines Vatermörders oder eines Gotteslästerers. Wir begreifen nicht, daß wir die Glieder des Schmerzensmannes sind, des Mannes, der nur deshalb Freude, Liebe, Wahrheit, Schönheit, Licht und Leben in ihrer höchsten Form ist, weil er der ewig sich hingebende Liebende des höchsten Schmerzes ist, der Pilger zum Hochgericht, der den Tod auf sich zu nehmen herbei geeilt ist durch die Unendlichkeit der Räume, aus der Tiefe der Ewigkeit, und auf dessen Haupte sich in einer Einheit von Zeit Ort und Person, wie sie die Tragödie nicht grauenhafter fordern kann, alle Elemente der Folterqual gehäuft haben, der ganzen Erde, und dies sechs Bibeljahrtausende lang!... Hier haben wir den Maßstab für alles gewonnen. Indem uns der Heilige Geist zu Gliedern Jesu Christi erklärt, hat er uns mit der Würde von Erlösern bekleidet, und wenn wir uns weigern, zu leiden, treiben wir buchstäblich Schacher mit unserem geistlichen Amt und vergessen unsere Pflicht. Für dieses Amt und für diese Pflicht sind wir gemacht und nur dafür. Wenn wir unser Blut vergießen, so ist es der Kalvarienberg, auf den es fließt, und von dort auf die ganze Welt. Wehe über uns also, wenn dies Blut vergiftet ist! Wenn wir unsere Tränen vergießen, die "das Blut unserer Seelen sind", so fallen sie auf das Herz der Jungfrau und von dort auf alle lebendigen Herzen. Unsere Eigenschaft als Glieder Jesu Christi und als Kinder Mariens hat uns so groß gemacht, daß wir die ganze Welt in unseren Tränen ertränken können. Wehe also über uns, dreimal wehe, wenn die Tränen vergiftet sind! Alles in uns ist wesenseins mitder Menschheit Jesu Christi, dem wir natürlich und über natürlich gleichgestaltet sind. Wenn wir also ein Leiden nicht annehmen, verfälschen wir, so weit es uns möglich ist, unser eigentliches Wesen, wir lassen damit in das Fleisch selbst, ja bis in die Seele unseres Hauptes ein entweihendes Element eindringen, welches das Haupt aus sich und aus allen seinen Gliedern austreiben muß durch eine alles Begreifen übersteigende Verdoppelung seiner Qualen. Ist all dies ganz klar? Ich weiß es nicht. Der Kern meines Gedankens ist, daß in dieser gefallenen Welt alle Freude in die natürliche Ordnung ausmündet, und aller Schmerz in die göttliche Ordnung. Die Heiligen haben nach der Gemeinschaft mit der Passion des Herrn getrachtet. Sie haben an das Wort des Meisters geglaubt, daß der die größte Liebe besitzt, der sein Leben gibt für seine Freunde. Zu allen Zeiten haben die glühenden und großen Seelen geglaubt, um hierin genugzutun, sei es unerläßlich, hierin mehr all genugzutun, um auf diese Weise das Himmelreich an sich zu reißen... (aus "L Invendable", zitiert nach: "Leon Bloy - Der beständig Zeuge Gottes" hrsg. von Raissa Maritain, Salzburg 1955, (S. 309 f.) |