Judentum – Christentum – Islam Abrahamitische Religionen?
von Reinhard Wenner
I. Schilderungen über Abraham 1. Abraham im Alten Testament: Verheißung und Glaube 2. Abraham im Neuen Testament: Vom Bund zur Gotteskindschaft 3. Abraham im Koran: Diener Allahs und Ankündigung von Nachkommenschaft II. Unterschiede zwischen Bibel und Koran 1. Differenzen zwischen Altem Testament und Koran 2. Unvereinbarkeiten zwischen Neuem Testament und Koran 3. Koranaussagen gegen Juden und Christen a) Juden, Allahs Feinde b) „Tritheismus“ im Christentum III. Ergebnis
Der christliche Schriftsteller Origenes (* ~185, - + ~254 n.Chr.) stellt in seiner Schrift „Contra Celsum“ fest: „Abrahams Namen aber überliefert nicht nur Moses, der ihn zum Freunde Gottes macht, sondern auch viele Geisterbeschwörer gebrauchen in ihren Sprüchen den Ausdruck „der Gott Abrahams“ und erzielen zwar eine gewisse Wirkung wegen des Namens … wissen aber nicht, wer Abraham ist.“
Diese Bemerkung des Origenes für die damalige Zeit dürfte auch auf unsere Zeit zutreffen. Denn immer mal wieder ist z.B. zu hören und zu lesen, Judentum, Christentum und Islam seien „Abrahamitische Religionen“. Was damit bezeichnet werden soll, bleibt unklar. Ist damit gemeint, daß Abraham gleichsam eine „Ur-Religion“ begründet hat und Judentum, Christentum und Islam daraus entstanden sind? Ist damit gemeint, dass Judentum, Christentum und Islam sich auf Abraham als Urbild eines glaubenden Menschen beziehen? Soll damit gesagt werden, dass Judentum, Christentum und Islam monotheistische Religionen sind? Was steht im Alten Testament und im Neuen Testament sowie im Koran über Abraham und welche Bedeutung wird ihm in den drei „Büchern“ beigemessen?
I. Schilderungen über Abraham 1. Abraham im Alten Testament: Verheißung und Glaube In der Genesis, dem ersten Buch des Alten Testaments, wird berichtet, dass Gott sich dem Abraham offenbart. Gott fordert Abraham auf, seine Heimat zu verlassen und in das Land zu ziehen, das er ihm zeigen werde. Er werde ihn zu einem großen Volk machen (Genesis 12,1 f., 13,14-17 und 15,1-6). Das Paradoxe: Abraham hat bis dato keinen ehelichen Nachkommen. Seine Ehe mit Sara ist kinderlos, Sara ist unfruchtbar (Genesis 11,30). Abraham glaubt dennoch der Verheißung Gottes und begibt sich mit Sara und seinem Neffen Lot sowie mit Hab und Gut auf „Wanderschaft“ bzw. setzt diese „Wanderschaft“ fort, nachdem er sich zuvor – aus Ur in Chaldäa kommend – mit seinem Vater in Haran angesiedelt hatte und sein Vater dort verstorben war (Genesis 11,31). Als Abraham schließlich nach Kanaan kommt, können er und seine Frau auch aufgrund ihres Alters nicht mehr mit Nachwuchs rechnen (Genesis 15,1–6). Gott aber verheißt dem Abraham erneut einen Sohn. Abraham glaubt erneut dieser Zusage und Gott rechnet es ihm „als Gerechtigkeit an“. Von der Verheißung eines Nachkommen aus seiner Ehe mit Sara wird weiter in Genesis 17,16 f. berichtet und ebenso in Genesis 18,10 ff.. Sara wird dann – wie angekündigt – trotz ihres inzwischen hohen Alters und ihrer bisherigen Unfruchtbarkeit schwanger und gebiert dem Abraham einen Sohn, Isaak. Einige Jahre später wird Abraham aufgefordert, diesen Sohn der Verheißung zu opfern (Genesis 22,1–19). Er ist dazu bereit und glaubt dennoch weiter daran, dass Gott ihn zu einem großen Volk machen werde. Abrahams Glaubensbekenntnis steht in Genesis 14,22. Abram, so heißt er zu dem Zeitpunkt noch, erhebt seine „Hand zum Herrn, dem Höchsten Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde“. In Genesis 21,33 wird hinzugefügt, dass dieser Gott „der Ewige“ ist.
Als Isaak geboren wird, hat Abraham bereits mit Saras ägyptischer Magd Hagar einen Sohn, Ismael (Genesis 16,4), und er hat mit Ketura sechs Söhne gezeugt (Genesis 25,1 ff.). Wann sie geboren worden sind, wird nicht mitgeteilt. Als weiteren möglichen Erben gibt es außerdem den Elieser aus Damaskus (Genesis 15,2).
Abraham ist ein Vorbild für glaubendes Vertrauen. Aber als er wegen einer Hungersnot nach Ägypten gezogen ist, befürchtet er, wegen seiner hübschen Frau umgebracht zu werden und empfiehlt deshalb Sara, sich bei den Ägyptern als seine Schwester auszugeben. Er lässt es zu, dass sie in den Palast des Pharao geholt wird (Genesis 12,10 ff.). Durch Gottes Eingreifen wird Weiteres verhindert. Gott segnet auf Abrahams Bitte hin nicht nur Isaak, sondern auch Ismael (Genesis 17,20; siehe auch 16,10). Aus Ismael will Gott zwölf Fürsten hervorgehen lassen. Die Söhne der Ketura dagegen werden von Abraham abgefunden und ins Morgenland (zurück-)geschickt (Genesis 25,1-6). Gott schließt mit Abraham einen Bund (Genesis 15,18 und 17,2 ff.) und ebenso mit Isaak und bezeichnet ihn im Hinblick auf Isaak „als einen ewigen Bund für seine Nachkommen“ (Genesis 17,19). Diesen Bund setzt Gott mit Abrahams und Saras Enkel Jakob fort (Genesis 35,10 ff.). Als „Bundeszeichen“ soll alles, „was männlich ist“ an der Vorhaut beschnitten werden, Genesis 17,10 ff.. Beim Wüstenzug der Israeliten erweitert Gott seinen Bund ausdrücklich auf alle Nachkommen der Abstammungslinie Abraham-Isaak-Jakob und bezieht nicht nur alle Männer ein, sondern ausdrücklich auch Frauen und Kinder und sogar die Fremden im Lager der Israeliten, einschließlich „Holzarbeiter“ und „Wasserträger“ (Deuteronomium 29,9 f.). Weiter heißt es: „Nicht mit euch allein schließe ich diesen Bund“…, sondern auch „mit denen, die heute nicht hier bei uns sind“ (Deuteronomium 29,13 f.). Das mag ein Hinweis darauf sein, dass nicht alle Israeliten beim Bundesschluss am Berg Horeb anwesend sind wie möglicherweise Wöchnerinnen und Kranke, darf aber sicher auch dahin verstanden werden, dass Gott den Bund nicht nur mit den damaligen Israeliten und ihren Nachkommen schließt, sondern dass er darüber hinaus den Bund für alle Menschen öffnet. Begonnen hat es erneut mit einer Selbstoffenbarung Gottes, nämlich gegenüber Mose im brennenden Dornbusch (vgl. Exodus 3,13) mit der anschließenden Befreiung aus dem „Sklavenhaus“ und der Flucht durch das Rote Meer.
Im Lauf der Geschichte wenden sich israelische Könige und viele aus dem Volk von Gott ab. Sie verstoßen gegen Geist und Buchstaben des Bundes. Aber Gott hält am Bund fest und sendet seinem Volk immer wieder Propheten, die es im Auftrag des liebenden, strafenden und barmherzigen Gottes zur Umkehr und zur Bundestreue aufrufen. Immer wieder ist es Gott, der wie bei Abraham initiativ wird und sein Volk durch die Zeiten geleitet. Die Israeliten ihrerseits lassen sich durch die Propheten zur Umkehr zu Gott bewegen. Bereits im Alten Testament wird mehrmals gesagt, dass Gott seinem Volk Vater sein will und ist, vgl. z. B. Deuteronomium 32,6; Jesaja 63,16 und 64,7; Jeremia 31,9.
2. Abraham im Neuen Testament: Vom Bund zur Gotteskindschaft Im Neuen Testament wird mehrmals auf Abraham verwiesen bzw. bei ihm angeknüpft. Wie bei Abraham und zuvor schon bei Noach sowie am Berg Horeb wird Gott erneut initiativ und beginnt, seinen weitergehenden Heilsplan für Israel und die gesamte Menschheit zu verwirklichen: Er sendet, als die Zeit erfüllt ist (vgl. Markus 1,15; Galaterbrief 4,4), den im Alten Testament wiederholt angekündigten Retter, Jesus Christus, seinen Sohn. Der Engel Gabriel wird nach Nazaret zu Maria gesandt und teilt ihr den Entschluss Gottes zur Menschwerdung seines Sohnes mit. Marias Antwort: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ (vgl. Lukas 1,26 - 38). Im Evangelium nach Matthäus (vgl. 1,1 ff.) wird im Hinblick auf den Stammbaum Jesu bei Abraham angeknüpft, also bei einem Mann des Glaubens.
Der nun von Gott vorgesehene Bund beginnt wie bei Abraham (und Moses) mit einer Selbstoffenbarung Gottes, diesmal in Jesus Christus. Jesus Christus verkündigt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ (Johannes 14,6) Jesus lehrt seine Jünger zu beten: „Unser Vater im Himmel“ (Matthäus 6,9; Lukas 11,2). Jesus schließt am Ende seines Erdenlebens mit seinen Jüngern im Abendmahlssaal einen neuen Bund. Es ist Gottes Bund in seinem Blut (vgl. Markus 14,24; Matthäus 26,28; Lukas 22,20). Durch diesen neuen Bund werden alle, die an den Sohn Gottes, nämlich an Jesus Christus glauben, in seine Beziehung zum himmlischen Vater hineingenommen. Aus der Bundespartnerschaft wird ein Sohnschafts-, ein Kindschaftsverhältnis.
In Genesis 12,3 heißt es, dass durch Abraham „alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“. Durch Jesus Christus aber sollen alle Völker der Erde nunmehr das ewige Heil erlangen. Jesus vollbringt Taten, die nur Gott wirken kann: Menschen an Leib und Seele gesund machen, Sünden vergeben (vgl. Markus 2,7), Versöhnung zwischen Gott und den Menschen und der gesamten Schöpfung stiften. Zu den Juden, die sich auf Abraham berufen, sagt Jesus: „Ehe Abraham wurde, bin ich.“ (Johannes 8,58) Wer Jesus sieht, „sieht“ Gott, den Vater (vgl. Johannes 12,45 und 14,8). Paulus schreibt im Brief an die Kolosser über Jesus: „Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung.“
Jesus kehrt zum Vater zurück (vgl. Johannes 16,5), in die Herrlichkeit, die er bereits hatte, „bevor die Welt war“ (vgl. Johannes 17,5). Er sendet den Heiligen Geist (vgl. Johannes 15,26 und 16,7) und wird einst richten die Lebenden und die Toten (vgl. Johannes 5,22).7 Der Auferstandene sendet seine Jünger zu allen Völkern. Alle sollen eingeladen werden, Jünger Jesu zu werden (vgl. Matthäus 28,19). Durch Jesus Christus sollen alle in das Kindschaftsverhältnis zum himmlischen Vater aufgenommen werden. Jesus Christus eröffnet eine Beziehungsebene, die weit über Abrahams Gottesverhältnis hinausgeht. Denn ein Bund kann beendet werden, ein Kindschaftsverhältnis nicht.
Jesus selbst zeigt, wie unerschütterlich sein Vertrauen zum himmlischen Vater ist. Er betet unmittelbar vor seiner Verhaftung im Garten Getsemani in höchster Not: „Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ (Lukas 22,42) In seiner Todesnot am Kreuz sind seine letzten Worte: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lukas 23,46) Dieses unbedingte Vertrauen ist nicht mehr überbietbar. Nicht mehr überbietbar sind auch Jesu Worte am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lukas 23,33)
Das Vertrauen auf Gott, das Abraham auszeichnet, kommt bei Jesus in überragender Weise zum Ausdruck. Geht es bei Abraham um ein Weiterleben in seiner Familie und den Fortbestand seiner Sippe auf Erden, so geht es bei Jesus um ein Fortbestehen über den Tod hinaus, nämlich um das ewige Leben. Während durch Abraham alle Geschlechter der Erde Segen erlangen können (vgl. Genesis 12,3), können durch Jesus Christus alle Geschlechter der Erde die Gotteskindschaft erlangen. Sie werden mit Jesus und durch ihn zu Erben des Himmels. Nach dem Neuen Testament kommt es nicht darauf an, leiblicher Nachkomme Abrahams zu sein, sondern an Jesus Christus zu glauben (vgl. Johannes 8,30 ff.). Bereits Johannes der Täufer hatte in seinen Bußpredigten zu Pharisäern und Sadduzäern gesagt: „Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt, und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben ja Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen Kinder Abrahams machen.“ (Matthäus 3,8 f.) Auch Paulus kommt wiederholt auf Abraham zu sprechen. Im Römerbrief legt er dar, welche herausragende Bedeutung jener unbedingte Glaube an die Verheißungen Gottes hat, der bei Abraham sichtbar wird. „Gegen alle Hoffnung hat er [Abraham] voll Hoffnung geglaubt, dass er der Vater vieler Völker werde … Ohne im Glauben schwach zu werden, war er, der fast Hundertjährige, sich bewusst, dass sein Leib und Saras Mutterschoß erstorben waren.“ Römerbrief 4,18 f.. Gott rechnet das dem Abraham als Gerechtigkeit an (vgl. Römerbrief 4,22). Abrahams Vertrauen auf Gottes Wort gilt deshalb auch für alle Jünger Jesu Christi als beispielhaft, sofern dieses glaubende Vertrauen auf Jesus Christus übertragen wird. Im Galaterbrief 3,14 schreibt Paulus: „Jesus Christus hat uns freigekauft, damit den Heiden durch ihn der Segen Abrahams zuteil wird und wir so aufgrund des Glaubens den verheißenen Geist empfangen.“ - „Wenn ihr aber zu Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben kraft der Verheißung.“ (Galaterbrief 3,29) An die christliche Gemeinde in Ephesus schreibt Paulus, dass die Christen „jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“ sind (Epheserbrief 2,19). Die Beschneidung ist nach dem Neuen Testament nicht mehr maßgeblich und als Bundeszeichen überholt. Beim sog. Apostelkonzil (vgl. Apostelgeschichte 15) wird darauf hingewiesen, dass Gott auch Unbeschnittenen seinen Heiligen Geist gesandt hat. Weder die Abstammung ist also maßgeblich noch die Beschneidung. Worauf es ankommt, ist die Zugehörigkeit zu Jesus Christus, der Glaube an ihn, und zwar unverrückbar und fest, dass er nämlich der eingeborene Sohn des himmlischen Vaters ist, der die Menschheit erlöst hat, der kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten und der alle Menschen zu dem einen großen Gottesvolk berufen hat. Abraham kann, was den Glauben an Gottes Verheißungen anbelangt, nach wie vor für alle Menschen ein Beispiel sein. Hinsichtlich seines Umgangs mit Sara einschließlich seines Verhaltens zu Hagar und Ketura ist er aus christlicher Sicht dagegen kein Vorbild. 3. Abraham im Koran: Diener Allahs und Ankündigung von Nachkommenschaft Im Koran wird Abraham ebenfalls öfter erwähnt. Die Sure 14 ist sogar nach ihm benannt. Über Abraham wird darin aber nicht viel berichtet. Von den 52 Versen der Sure 14 handeln nur 6 ausdrücklich von ihm, nämlich die Verse 35 bis 41. Abraham bittet darin Allah, den Ort mit der Kaaba zu einem sicheren Ort zu machen (siehe auch die Koranverse 2,125 f.) und ihn und seine Söhne vor Götzendienst zu bewahren. Außerdem dankt er Allah, dass er ihm trotz seines hohen Alters den Ismael und den Isaak geschenkt habe. Damit sind die beiden Themen benannt, die im Hinblick auf Abraham im Koran mehrfach angesprochen werden: die Frage der Nachkommenschaft und die Verehrung eines einzigen Gottes, im Koran „Allah“ genannt.
Zum Thema „Nachkommenschaft des Abraham“ gibt es im Koran unterschiedliche Darstellungen. Das Thema „unerschütterliches Vertrauen auf die Zusagen Gottes“ spielt eine untergeordnete Rolle. Im Koranvers 14,39 sagt Abraham: „Lob sei Allah, der mir trotz meines hohen Alters den Ismael und den Isaak geschenkt hat.“ Nach der Genesis ist aber nur Isaak ein „Spätgeborener“, nicht auch der mit Saras Magd Hagar gezeugte Ismael. In den Koranversen 11,69 - 73 heißt es: „Unsere Gesandten sind doch (seinerzeit) zu Abraham mit der frohen Botschaft gekommen, (dass er Nachkommenschaft haben werde). Sie sagten: Heil! er [Abraham] sagte (ebenfalls) Heil! und brachte alsbald ein gebratenes Kalb herbei. Und als er sah, dass sie nicht zugriffen, kamen sie ihm verdächtig vor, und er empfand Furcht vor ihnen. Sie sagten: Hab keine Angst! Wir sind zu den Leuten von Lot gesandt. Seine Frau, die dabeistand, lachte. Da verkündeten wir ihr den Isaak, und nach Isaak den Jakob. Sie sagte: Wehe! Ich soll (noch) gebären, wo ich doch eine alte Frau bin, und der da, mein Mann, ist ein Greis? Das ist doch merkwürdig. Sie sagten: Findest du die Entscheidung Allahs merkwürdig?“
An dieser Schilderung fällt auf: Die Boten erklären, sie seien zu den Leuten des Lot gesandt, und Abrahams Frau beginnt darauf ohne erkennbaren Grund zu lachen. Dann wird mitgeteilt, dass Sara den Isaak bekommen werde, danach den Jakob. Nicht Abraham wird also Nachkommenschaft verheißen, sondern seiner Frau. Von Abrahams unerschütterlichem Glauben an die Zusage Allahs bzw. seiner Boten, von dem die Bibel berichtet, ist keine Rede. Zudem klingt es so, als wenn Sara zwei Söhne angekündigt würden. Jakob aber ist nach der Bibel einer der Zwillingssöhne des Isaak, geboren von Isaaks Frau Rebekka (vgl. Genesis 25,24 f.). Warum Jakob verheißen wird nicht aber auch sein Zwillingsbruder Esau, geht aus dem Koran nicht hervor. Dabei ist nach Genesis 25,25 Esau sogar der Erstgeborene.
In den Koranversen 15,51 - 56 wird Mohammed angewiesen: „Gib ihnen Kunde von den Gästen Abrahams! (Damals) als sie bei ihm eintraten. Da sagten sie Heil! Er [Abraham] sagte: Wir haben Angst vor euch. Sie sagten: Hab keine Angst! Wir verkünden dir einen klugen Jungen. Er sagte: Ihr verkündet mir (dass ich einen Jungen bekommen werde), wo ich doch hochbetagt geworden bin? Was verkündet ihr mir (in Wirklichkeit)? (oder: Was verkündet ihr (mir) da!). Sie sagten: Wir verkünden dir die Wahrheit. Darum gib die Hoffnung nicht auf!" Hier ist Abraham der Adressat der Ankündigung, und es wird von nur einem Sohn berichtet. Seine Frau wird nicht erwähnt. Ein Anlass für das Ankündigen eines Sohnes ist nicht ersichtlich. Abraham seinerseits spricht von Allahs Barmherzigkeit, auf die er hoffe. An einer weiteren Stelle im Koran ist erneut von Isaak und Jakob die Rede, die dem Abraham geschenkt werden sollen: „Nachdem er [Abraham] sich nun von ihnen [seinem Vater und seinen Landsleuten] und dem, was sie an Allahs statt verehrten, ferngehalten hatte, schenkten wir ihm den Isaak und den Jakob.“ Koranvers 19,49 Die Ankündigung der beiden Kinder klingt nach einer Belohnung für Abrahams „Rechtgläubigkeit“. Auch in diesem Koranvers wird nicht unterschieden zwischen Sohn und Enkel. Von einem unerschütterlichen Vertrauen auf Allahs Zusage wird ebenfalls nichts gesagt. Im Gegenteil. Abraham sagt im vorausgehenden Koranvers zu seinem Vater, der an den überkommenen Göttern festhält: „Und ich halte mich von euch und von dem fern, wozu ihr betet, statt zu Allah, und bete (allein) zu meinem Herrn. Vielleicht habe ich, wenn ich zu meinem Herrn bete, keinen Misserfolg (wörtlich: Vielleicht bin ich mit meinem Gebet zu meinem Herrn nicht unglücklich).“ (Koranvers 19,48) Solch eine „Vielleicht“-Haltung zeugt nicht von einem unbedingten Vertrauen Abrahams zu Allah und ist denn auch bei dieser Ankündigung des Isaak kein Thema. Erhält Abraham nach den vier zitierten Koranversen den Isaak sozusagen grundlos bzw. als Belohnung für seine Treue zu Allah, bittet Abraham an einer weiteren Stelle (Koranvers 37,99 f.) Allah ausdrücklich um einen Sohn. „Herr! Schenk mir einen von den Rechtschaffenen (als Leibeserben). Und wir [!] verkündeten ihm einen braven (wörtlich: milden) Jungen.“ Der Name dieses erbetenen Sohnes wird nicht genannt. Als der Erbetene herangewachsen ist, sieht sich Abraham im Traum aufgefordert, ihn zu schlachten und zu opfern. Der Sohn erklärt sich einverstanden (vgl. Koranverse 37,102 f.). Allah lässt es dann aber nicht bis zum Äußersten kommen. Vielmehr heißt es weiter: „Und wir [!] lösten ihn...mit einem gewaltigen Schlachtopfer aus.“ (Koranvers 37,107).Nach dem Alten Testament hat Abraham einen Schafbock geopfert, der sich im Gestrüpp verfangen hatte (vgl. Genesis 22,13). In Koran-Übersetzungen dagegen ist von einem großen Schlachttier die Rede (Rassoul), von einem herrlichen Opfer (Henning), einem edlen Opfer (Ullmann/Winter), von einem großen Schlachttier (Khoury). Unverständlich aber ist, warum Allah selbst für ein gewaltiges oder großes oder edles oder herrliches Opfer gesorgt haben will. Er hätte ja lediglich dafür gesorgt, dass ihm das „gewaltige“ Opfer dargebracht wurde, also eigennützig gehandelt. Dann heißt es an dieser Stelle im Koran weiter: „Und wir verkündeten ihm Isaak, (und) dass er ein Prophet sein werde, einer von den Rechtschaffenen.“ Koranvers 37,112. Weil vor dieser Ankündigung des Isaak – auch hier wieder ohne ersichtlichen Grund – von der geforderten Schlachtung des Sohnes die Rede war, gehen Muslime davon aus, dass nicht Isaak, sondern Ismael geopfert werden sollte.
Anschließend ist von einem Segen für Abraham und Isaak die Rede (vgl. Koranvers 37,113), aber nicht von einem Bund und auch nicht davon, dass Abraham der Vater vieler Völker werden solle8 und seine Nachkommenschaft so zahlreich werde wie die Sterne am Himmel (vgl. Genesis 15,5). Folglich kann auch keine Rede davon sein, dass Abraham auf die Zusage Allahs vertraut, ihn zu einem großen Volk zu machen, mit ihm einen Bund zu schließen und den Bund mit dem verheißenen Sohn fortzusetzen. Die weitere Vertrauensprobe, nämlich diesen verheißenen Sohn zu opfern, entfällt, weil sich nach Meinung von Muslimen diese Zumutung Allahs auf Ismael bezogen hat. Von einem Übereinkommen Allahs mit Propheten wird im Koranvers 33,7 berichtet. Einige Übersetzer des Korans sprechen von einem Bund, den der Allah des Korans mit Mohammed, Noah, Abraham und Jesus geschlossen habe9 – im Koran in der Reihenfolge genannt! Andere übersetzen, Allah habe von Mohammed und von den Propheten eine feste Verpflichtung entgegengenommen. Nach der ersten Version bleibt offen, wer den Bundesschluss initiiert hat. Folgt man der zweiten Lesart, ging die Initiative wohl von den „Gesandten“ aus. Worin die feste Verpflichtung bestanden hat, wird nicht mitgeteilt. Es heißt lediglich, Allah werde beim letzten Gericht die Wahrhaftigen fragen, ob sie ihre Verpflichtungen ihm gegenüber erfüllt hätten – für den im Koran immer wieder als allwissenden bezeichneten Allah allenfalls eine rhetorische Frage. Laut Koran ist Abraham ein Hanif gewesen, nämlich Allah ergeben. Er habe Allah keine anderen Götter beigesellt (vgl. Koranverse 2,135; 3,67; 16,120). Nach den Koranversen 6,74 – hat Allah dem Abraham seine Herrschaft über Himmel und Erde gezeigt. Abraham sieht wie Stern, Mond und Sonne am Himmel aufgehen und am Horizont wieder verschwinden, also unstete Dinge sind. Abraham wendet sich deswegen dem zu, der Himmel und Erde erschaffen hat und sieht sich von Allah rechtgeleitet. Er tadelt seinen Vater und all jene, die Götzen anbeten. Allah seinerseits hat sich „Abraham zum Freund genommen“, und Abraham nennt Allah seinen Freund. Allah halte „mit den Rechtschaffenen Freundschaft“ (Koranvers 7,196). Auch nach den Koranversen 16,120 ff. hat Allah den Abraham „erwählt und auf einen geraden Weg geführt“ und „ihm im Diesseits Gutes gegeben“ und ihn „zum Freund genommen“ (Koranvers 4,125). Einzelheiten über diese Freundschaft werden nicht berichtet. Möglicherweise ist mit der Freundschaft nichts Exklusives gemeint. Denn nach Koranvers 5,55 ist Allah (und auch Mohammed) der Freund aller Muslime. In den Koranversen 21,51-73 wird mitgeteilt, Allah habe Abraham die rechte Einsicht gegeben und ihn aufgefordert: „Geselle mir nichts (als Teilhaber an meiner Göttlichkeit) bei“ (Koranvers 22,26). In den Koranversen 16,120 ff. heißt es, Abraham sei Allah demütig ergeben und dankbar gewesen. Mohammed wird im Koran angewiesen: „Folg der Religion Abrahams, eines Hanifen, - er war kein Heide (wörtlich: keiner von denen, die (dem einen Gott andere Götter) beigesellen).“ Koranvers 16,120
Nach Koranvers 2,124 hat der Allah des Korans den Abraham mit Worten bzw. Geboten auf die Probe gestellt. Allah werde Abraham zu einem Vorbild für die Menschen machen. Abraham seinerseits bittet darauf Allah, in seine Verheißung auch Leute von seiner Nachkommenschaft einzubeziehen – nicht alle. Erwähnt wird weiter, Abraham habe sich als treuer Diener bewährt. Dann ist von einem Bund die Rede. Aber der Allah des Korans stellt klar: „auf die Frevler erstreckt sich mein Bund nicht“. Allah verpflichtet in diesem Zusammenhang sowohl Abraham als auch Ismael, sein Haus – gemeint ist angeblich die Kaaba im heutigen Mekka – für jene zu reinigen, „die die Umgangsprozession machen und sich dem Kult hingeben, und die sich verneigen und niederwerfen“ (Koranvers 2,125). Abraham wiederum bittet Allah, aus seinen Nachkommen einen Gesandten auftreten zu lassen, der ihnen Allahs „Zeichen“ verlese, „die Schrift und die Weisheit“ lehre „und sie von der Unreinheit des Heidentums“ läutere (Koranvers 2,129). Allah seinerseits fordert Abraham auf: „Sei (mir) ergeben.“ (Koranvers 2,131). Abraham ist dazu bereit und verlangt auch von seinen Söhnen Ismael und Isaak sowie seinem Enkel Jakob, Allah ergeben zu sein. An zwei Stellen im Koran wird berichtet, wie Abraham versucht hat, seine Mitbürger von der Vielgötterei weg zu Allah zu bekehren. In der ersten Erzählung (vgl. die Koranverse 21,51 ff.) bemüht er sich, seinen Landsleuten zu beweisen, dass ihre Götter nichts taugen. Er sagt ihnen, er werde ihre Götzen überlisten, sobald sie ihn damit allein ließen. Als seine Landsleute gegangen sind, zerschlägt Abraham die Götzenbilder bis auf das besonders große Bildnis eines Götzen. Von seinen Landsleuten zur Rede gestellt, behauptet er, nicht er, sondern der größte Götze habe die Bildnisse der anderen Götzen zerstört. Das glauben ihm seine Landsleute nicht, sondern sehen in Abraham den Zerstörer und werfen ihn zur Strafe für den Frevel ins Feuer. Der Allah des Korans aber befiehlt dem Feuer, dem Abraham nicht zu schaden. Allah rettet Abraham aus dem Feuer und versetzt ihn und Lot „in das Land, das wir [!] für die Menschen in aller Welt gesegnet haben.“ (Koranvers 21,71) An der zweiten Stelle, an der von Abrahams Bemühen berichtet wird, seine Landsleute zu Allah zu bekehren (vgl. Koranverse 37,83 ff.), sagt Abraham ihnen nach einem Blick zu den Sternen, er werde krank. Als die Umstehenden gegangen sind, fragt er die Bildnisse der Götter, warum sie nicht äßen, was man ihnen vorgesetzt habe, und warum sie nicht sprächen. Schließlich schlägt er auf die Götterbildnisse ein – diesmal möglicherweise auch auf das größte Bildnis. Zur Strafe für die Zerstörungen wollen ihn seine Landsleute verbrennen. Sie wenden eine List gegen ihn an, sind aber unterlegen. Nach den Koranversen 37,83 ff. greift Allah diesmal nicht ein und versetzt Abraham nicht in ein gesegnetes Land. Abraham erbittet aber von Allah einen Rechtschaffenen, einen Leibeserben (vgl. Koranvers 37,100) und ist später auf Grund eines Traumes bereit, ihn zu opfern. Die im Traum erhaltene Weisung, diesen Sohn zu opfern, wird bezeichnet als „die offensichtliche Prüfung (die wir Abraham auferlegt haben)“, Koranvers 37,106. Dieser Sohn ist, wie schon erwähnt, nach Meinung von Muslimen nicht Isaak gewesen, sondern Ismael. Nach dem Koran stehen jene Personen dem Abraham am nächsten, die ihm damals gefolgt sind, und darüber hinaus Mohammed und die Muslime.
II. Unterschiede zwischen Bibel und Koran Die biblischen Berichte über Abraham unterscheiden sich, wie schon angeklungen ist, in etlichen Punkten von den Berichten im Koran über Abraham. 1. Differenzen zwischen Altem Testament und Koran Aus alttestamentlicher Sicht fällt auf, dass Abraham in den Schilderungen des Korans nicht aufgefordert wird, in ein unbekanntes Land zu ziehen. Er wird einfach mit Lot dorthin versetzt. Von Saras Unfruchtbarkeit und von ihrem fortgeschrittenen Alter ist nur in Koranvers 51,29 die Rede. Der Abraham, von dem der Koran berichtet, erhält von Allah keine Zusage, ihn zu einem großen Volk zu machen, sodass er darauf durch gläubiges Vertrauen antworten könnte. Er braucht seinerseits auch nichts weiter zu unternehmen, etwa seine Heimat zu verlassen oder alle männlichen Personen seiner Familie und seines Gesindes zu beschneiden (vgl. Genesis 17,10 ff.).17 Die vom biblischen Gott initiierten Bundesschlüsse bzw. deren Erweiterungen beginnen jeweils mit einer Selbstoffenbarung und einer Verheißung Gottes. Im Koran dagegen ist nirgends ausdrücklich davon die Rede, dass sich der Allah des Korans dem Abraham geoffenbart und ihm z. B. seinen Namen genannt und damit etwas über sein Wesen mitgeteilt habe.
Die koranischen Schilderungen über Abraham passen auch sonst in das Gottesbild des Korans. „Verdienste“ durch ein glaubendes Vertrauen auf Allahs Verheißungen gibt es nicht und kann es auch nicht geben. Denn nach einem Hadith – also einer Auskunft des nach koranischer Lehre von Allah rechtgeleiteten Mohammed – legt Allah bereits vor der Geburt jedes Menschen bis ins Einzelne fest, wie sein Leben verläuft, wohl auch, ob er Nachkommen haben wird und wie viele es sein werden und ob er nach dem Tod ins koranische Paradies oder in die koranische Hölle kommt. Das Vertrauen auf eine Zusage Allahs, das dem Abraham als „Gerechtigkeit“ anrechnet werden könnte – vgl. Genesis 15,6 –, ist damit im Koran obsolet.
Ein Bundesschluss bzw. die Erweiterung des Bundes auch auf Frauen und Kinder ist nach den Mitteilungen Allahs über die mindere Ausstattung der Frauen nicht angesagt (vgl. die Koranverse 2,228 und 4,34). So werden denn auch weder Sara, die Mutter Isaaks, noch Hagar, Saras ägyptische Magd und Mutter des Ismael, im Koran namentlich genannt, auch Ketura nicht. Der Allah des Korans teilt mit, er sei der Schöpfer aller Menschen. Er bezeichnet sich aber meines Wissens nirgends als Vater aller Menschen und nennt die Menschen nicht seine Kinder. Vielmehr dominiert die Vorstellung von einem allmächtigen und willkürlich schaltenden Herrscher. Wenn es im Koran heißt, Allah sei zufrieden, dass die Muslime den Islam als Religion angenommen hätten (vgl. Koranvers 5,320), ist daran zu erinnern, dass „Islam“ bekanntlich Unterwerfung bedeutet, nicht etwa Bundesschluss oder Kindschaftsverhältnis oder Frieden, – auch nicht inklusive. Der Muslim ist Allahs Untertan, nicht Allahs Kind.
Nach dem Alten Testament unternimmt Abraham keinen Versuch, andere zu seinem Gott zu bekehren. Gott fordert ihn auch nicht dazu auf. Der Allah des Korans dagegen verlangt von den Muslimen, die Menschen, die nicht bereit sind, Muslime zu werden, entweder zu töten oder zu dhimmis, zu Unterworfenen zu machen, zu Menschen, die unterwürfig den Muslimen eine Sondersteuer zu entrichten haben und weitgehend rechtlos sind.21 Was hat dieser Allah des Korans mit dem Gott der Bibel gemeinsam?
Der Abraham des Alten Testaments lehnt Kriegsbeute ab, damit niemand sagen könne, er sei auf diese Weise reich und mächtig geworden (vgl. Genesis 14,22 ff.). Auch in dieser Hinsicht setzt der alttestamentliche Abraham sein Vertrauen allein auf Gott. Der Allah des Korans dagegen will selbst dafür gesorgt haben, dass Mohammed und die Muslime reiche Beute gemacht haben (vgl. Koranvers 48,20) und Mohammed seinen Anteil davon bekommen hat. Zur Kriegsbeute zählten auch Frauen und Kinder – und zumindest Frauen hat auch Mohammed von Allah höchstselbst als Kriegsbeute bekommen und seinem Harem eingefügt, siehe Koranvers 33,50. Weiter ist unverständlich, dass Abraham und Ismael die Kultstätte der Kaaba wieder herrichten sollen, Abraham aber später in ein fernes Land versetzt wird und folglich anderen die Kaaba überlassen bleibt.
Nach Koranvers 2,258 hat Abraham mit einem Herrscher darüber gestritten, wer lebendig macht und sterben lässt. „Abraham sagte: Allah bringt die Sonne vom Osten her. Bring du sie vom Westen!“ Solch eine Art Argumentation vermag zu verblüffen, aber nicht zu überzeugen. Genau so könnte jemand sagen: Mein Gott bringt die Sonne von Osten her; der Allah des Korans möge sie vom Westen bringen oder: Mein Gott lässt das Wasser bergab fließen. Sag Du deinem Gott, er möge es bergauf fließen lassen. Die Weisungen Gottes an Abraham, die im Alten Testament berichtet werden, entsprechen in wichtigen Bereichen nicht den späteren angeblichen Weisungen und Forderungen des Koran-Allahs. Die koranischen Schilderungen über Abraham sind in mancherlei Hinsicht mit den Berichten über den alttestamentlichen Abraham nicht vereinbar. 2. Neues Testament und Koran Im Evangelium nach Johannes (vgl. 8,39 f.) sagt Jesus zu jenen Juden, die ihm feindlich gesinnt sind: „Wenn ihr Kinder Abrahams wärt, würdet ihr so handeln wie Abraham. Jetzt aber wollt ihr mich töten ... So hat Abraham nicht gehandelt.“ Dieser Vorwurf trifft auch auf Muslime zu. Natürlich konnten und können Muslime Jesus nicht töten, denn Mohammed soll von etwa 570 bis 632 nach Christi Geburt gelebt haben. Aber Christen werden in etlichen islamischen Staaten von Muslimen bis zum heutigen Tag diffamiert, drangsaliert, gefoltert, vergewaltigt, versklavt, vertrieben, getötet – entsprechend den Weisungen im Koran und in Hadithen und damit nach muslimischem Verständnis gemäß den Weisungen Allahs, und die gelten nach muslimischer Ansicht für alle Zeit.
Jesus hat bekanntlich keine Kriege geführt und seine Anhänger nicht aufgefordert, mit der Waffe für ihn zu kämpfen. „Steck dein Schwert in die Scheide“ ist seine Weisung bei der Festnahme am Ölberg (vgl. Matthäus 26,52). Jesus setzt die auf Frieden und Ausgleich bedachte Haltung des alttestamentlichen Abraham fort. Jesus begegnet mit Achtung und Mitgefühl den Frauen und diskriminiert sie nicht. Auch nach Paulus kann der Islam nicht als abrahamitische Religion bezeichnet werden. Paulus schreibt im Brief an die Galater: „Von Abraham wird gesagt: Er glaubte Gott, und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet. Daran erkennt ihr, dass nur die, die glauben, Abrahams Söhne sind.“ (Galater 3,6 f.) Wo aber im Koran wird berichtet, dass von Abraham ein Glaubensakt verlangt worden ist wie Paulus ihn im Hinblick auf die Botschaft Jesu für erforderlich hält? Ein „Siegel der Propheten“ a la Mohammed ist vom Neuen Testament her und damit aus christlichem Verständnis ausgeschlossen. Denn nach Hebräerbrief 1,1 ff. ist Jesus, der Sohn Gottes, das ewige Wort des ewigen Vaters. Jesus Christus ist „für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden“ (vgl. Hebräerbrief 5,9). Die Muslime aber wollen Jesus nicht gehorchen, nämlich seiner Friedensbotschaft nicht nachkommen und ihn nicht als den Sohn Gottes anerkennen. Alle Christen, die dennoch den Islam als abrahamitische Religion bezeichnen, erklären damit indirekt, auf das Kriterium, das der Hebräerbrief und Paulus nennen, nämlich „an Jesus Christus glauben“, komme es nicht an. Die Botschaft des Neuen Testaments ist mit den angeblichen Weisungen Allahs im Koran in weiteren wesentlichen Punkten nicht vereinbar. Erwähnt sei nur, dass Jesus seine Jünger lehrt: „Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln.“ (Lukas 6,27 f.).
Der Allah des Korans dagegen fordert die Muslime wiederholt auf, die Andersgläubigen zu meiden bzw. zu bekämpfen. Der Allah des Korans schleudert selbst so manchen Fluch gegen andere und geht insofern den Muslimen voran. Wenn Sunniten ihre Glaubensgeschwister (Schiiten, Amadiyya etc.) töten, müssen sie mit der Rache der Angehörigen rechnen (vgl. Koranvers 17,33). Wenn Muslime Christen töten, wissen sie, dass die Christen sich auf Grund ihres Glaubens nicht rächen dürfen. Im Hebräerbrief (6,13) heißt es: „Als Gott dem Abraham die Verheißung gab, schwor er bei sich selbst, da er bei keinem Höheren schwören konnte“. Der Allah des Korans dagegen bezieht sich bei Beteuerungen auf Nacht und Tag (vgl. Koranverse 92,1 f.), auf die Orte, an denen die Sterne herabfallen bzw. untergehen (vgl. Koranvers 56,75), auf die Abenddämmerung sowie auf das, was die Nacht verhüllt, auf den zunehmenden Mond (vgl. Koranverse 84,16 ff.), auf Sonne und Mond, Himmel und Erde (vgl. Koranverse 91,1 ff.), auf die stiebenden Hufe der Pferde (vgl. Koranverse 100,1 ff.) bei dem, was die Menschen sehen bzw. nicht sehen (vgl. Koranvers 69,38; siehe weiter Koranvers 51,1 ff.). Allahs Bezug auf diese Naturgegebenheiten ist auch deswegen sonderbar, weil Abraham lt. Koranverse 6,74 ff. gerade nicht bei den „aufgehenden“ und „untergehenden“ Gestirnen stehen geblieben ist, sondern nach dem Schöpfer all dieser Begebenheiten gefragt hat.
Der Allah des Korans soll auch Zuflucht gewähren vor dem Unheil, das ausgehen mag „von (bösen) Weibern, die (Zauber-)Knoten bespucken“ (Koranvers 113,4). Beim Gott der Bibel ist solch sonderbares Beschwören und Beteuern nicht zu finden. Was könnte Christen veranlassen anzunehmen, dieser Allah des Korans sei identisch mit dem Gott, der sich dem Abraham geoffenbart hat und der nach dem Neuen Testament der Vater Jesu Christi ist? Jene Christen, die meinen, der Abraham, der im Koran geschildert wird, sei mit dem Abraham des Alten und Neuen Testaments identisch und könne Grundlage für ein friedliches und gleichberechtigtes Miteinander von Juden, Christen und Muslimen sein, begeben sich auf eine Ebene, die im Neuen Testament als nicht maßgeblich und nicht tragfähig erklärt wird. Und welche theologischen Erkenntnisse und Verhaltensweisen können Christen für das Glaubensleben, für das gesellschaftliche und staatliche Miteinander und das Weltverständnis gewinnen, wenn trotz Jesu Offenbarungen beim Allah des Korans mit seinen Kampf- und Vernichtungsbefehlen, seinen Prügel- und Verstümmelungsstrafen und seiner Erschaffung von Menschen für Himmel oder Hölle angeknüpft wird?
3. Koranaussagen gegen Juden und Christen Aus muslimischer Sicht sind im Blick auf den im Koran geschilderten Abraham und die sonstigen Mitteilungen über Judentum und Christentum zum Thema „Abrahamitische Religionen“ ebenfalls Vorbehalte angesagt und Unvereinbarkeiten gegeben. Im Koran heißt es immer mal wieder, Allah habe seit Urzeiten seine Propheten gesandt und dem Moses (und Aaron) die Tora gegeben (vgl. Koranverse 25,35; 32,23; 41,45; siehe auch 5,44) und durch Jesus das Evangelium gebracht (vgl. Koranvers 19,30). Aber die Juden hätten die Schrift verfälscht (vgl. Koranverse 4,46; 5,13; 5,41) und die Christen hätten einen Teil von dem vergessen, woran sie erinnert worden seien (vgl. Koranvers 5,14). Nach Koranvers 4,51 glauben diejenigen, „die einen Anteil an der Schrift erhalten haben“, zusätzlich auch „an den Dschibt und die Götzen“. Die Botschaft Allahs liege erst seit Allahs Mitteilungen an Mohammed (wieder) in der ursprünglichen Fassung vor, vgl. Koranvers 5,48. Muhammad Rassoul, ein Übersetzer des Korans ins Deutsche, erklärt: „Nur im Quran ist Allahs Botschaft an die Menschen unverfälscht erhalten geblieben und wird es auch weiterhin bleiben.“ Nicht umsonst fordert der Allah des Korans ja die Muslime auf, gegen Juden und Christen ggf. gewaltsam vorzugehen und nicht etwa mit ihnen zu disputieren. Zwar steht im Koran auch: „Und streitet nicht mit dem Volk der Schrift, es sei denn auf die beste Art und Weise.“ (Koranvers 29,46) Wie die aber aussehen soll, wird nicht mitgeteilt. Vielmehr heißt es an einer weiteren Stelle: „Diejenigen, die über die Zeichen Allahs streiten, ohne dass sie Vollmacht (dazu) erhalten hätten, sind vollkommen größenwahnsinnig (wörtlich: haben in der Brust nichts als Größe, die sie nicht erreichen können). Such (vor ihnen) Zuflucht bei Allah!“ Koranvers 40,56 Eine Ermunterung zum Dialog mit Juden und Christen und weiteren Andersgläubigen ist der Koranvers 40,56 für Muslime nicht. Ein Disput über koranische Offenbarungen könnte aber auch deswegen für Muslime, Juden und Christen verlorene Zeit zu sein, weil Allah den angeblich ewigen Koran immer mal wieder geändert haben will. Allah relativiert seine Mitteilungen sogar selbst. So will er dem Moses am Sinai zwar allerlei aufgeschrieben haben, Mose aber soll den Israeliten befehlen, sie sollten sich „an das Beste davon halten“ (Koranvers 7,145). Im Koranvers 39,55 wird das auch den Muslimen gesagt. Dort heißt es: „Und folgt dem Besten, was von eurem Herrn (als Offenbarung) zu euch herabgesandt worden ist.“ Aber das hat im Rahmen der islamischen Lehre von der Vorherbestimmung durchaus einen Sinn. Denn danach hat Allah bereits bei der Geburt jedes Menschen festgelegt, wer ins koranische Paradies oder in die koranische Hölle kommt. Somit kommt es letztlich nicht darauf an, ob jemand sein Leben an Allahs Koran bzw. an dem Besten ausrichtet, was Allah herabgesandt hat. Allah sorgt dafür, dass jeder kurz vor seinem Tod je nach Vorherbestimmung „Werke des Paradieses“ oder „Werke der Hölle“ begeht.
Fraglich ist weiter, ob der Koran in der derzeit vorliegenden Version noch Allahs neuester Koranfassung entspricht. Denn möglicherweise hat Allah nach seinen Mitteilungen an Mohammed, die in den Jahren 610– 632 n. Chr. erfolgt sein sollen, den Koran weiter geändert bzw. einiges davon wieder geheim gehalten. „Und Allah löscht (seinerseits), was er will, aus, oder lässt es bestehen. Bei ihm ist die Urschrift (in der alles verzeichnet ist).“ Koranvers 13,39 „Wir werden dich [Mohammed] (Offenbarungstexte) vortragen lassen, und du wirst nicht(s davon) vergessen, außer was Allah will! Er weiß, was verlautbart, und was geheim gehalten wird (wörtlich: was verlautbart wird, und was verborgen ist).“ Koranverse 87,6-7 Allah hat also dem Mohammed möglicherweise mehr geoffenbart als Mohammed nachher mitgeteilt hat bzw. mitteilen konnte. Denn Allah will sogar selbst dafür gesorgt haben, dass Mohammed weitere Offenbarungen vergessen hat. Zudem wird ein eigenartiges Verständnis von „Urschrift“ sichtbar und klingt ein sonderbares Verständnis vom Überbringen der Offenbarungen an. Auch wenn Mohammed bei Muslimen als „Siegel der Propheten“ gilt und Allah angeblich mit dem Koran seine Offenbarungen abgeschlossen haben sollte, besteht keine Gewähr, dass Allah nicht zwischenzeitlich doch erneut Texte des Korans der Vergessenheit anheim gegeben und sogar die Urschrift geändert hat.
Im Koran heißt es, die Muslime hätten in Abraham ein schönes Beispiel für den Umgang mit Ungläubigen. Aber gemeint sind nicht etwa Toleranz und Dialog oder Dialogbereitschaft, sondern so wie Abraham den Kontakt zu seinen andersgläubigen Landsleuten abgebrochen hat, so sollen die Muslime den Kontakt zu den Nichtmuslimen abbrechen. „In Abraham und denen, die mit ihm waren, habt ihr doch ein schönes Beispiel. (Damals) als sie zu ihren Landsleuten sagten: Wir sind unschuldig an euch und an dem, was ihr an Allahs Statt verehrt. Wir wollen nichts von euch wissen (wörtlich: Wir glauben nicht an euch). Feindschaft und Hass ist zwischen uns offenbar geworden (ein Zustand, der) für alle Zeiten (andauern wird), solange ihr nicht an Allah allein glaubt.“ Koranvers 60,4 Wenn sich daher Muslime korangemäß an Abraham orientieren, ist zu erwarten, dass sie mit Juden und Christen keinen Dialog führen wollen. Der Begriff „Abrahamitische Religionen“ aber suggeriert Gemeinsamkeiten, die nach dem Koran nicht gegeben sind. Im Koran stehen noch weitere Verdikte über Juden und Christen, die es Muslimen nicht geraten erscheinen lassen dürften, Juden und Christen als Gesprächspartner zu suchen bzw. zu akzeptieren. Allah teilt z. B. mit: „Wir [!] haben ja viele von den Dschinn und Menschen für die Hölle geschaffen.“ Koranvers 7,179 Die Juden gelten im Koran als Feinde Allahs. Die Christen sind es als „Tritheisten“ ebenfalls.
a) Juden, Allahs Feinde Bemerkenswert ist, dass die Juden, das Bundesvolk des Alten Testaments, im Koran wiederholt verflucht werden, vgl. z. B. die Koranverse 2,88; 5,13; 4,46; 4,52; 5,64; 23,44. Was könnte Muslime veranlassen, mit Leuten einen Dialog zu führen, die Allah höchstselbst verflucht hat bzw. die für die Hölle geschaffen worden sind? Entsprechend den koranischen Mitteilungen über die Juden soll denn auch bereits bei Mohammed die Praxis ausgesehen haben: Er habe die zwei jüdischen Stämme Qainuqa und Nadir aus Medina vertrieben und sich ihr Vermögen angeeignet, den dritten, nämlich Banu Quraizah, habe er zudem ausgelöscht, indem er alle Männer und Jugendlichen habe köpfen lassen – von 600 bis 800 Personen ist die Rede. Die Frauen und Kinder habe er versklavt. In einem Hadith heißt es, sogar der Stein würde, wenn sich ein Jude hinter ihm versteckt habe, dem Muslim zurufen: „Komm herbei! ... Töte ihn!“ Wie sollen da Gemeinsamkeiten bestehen können und woher ergibt sich die Möglichkeit, dass Muslime das Judentum als abrahamitische Religion anerkennen können? Außerdem will Allah über die Ungläubigen Satane gesandt haben.„Hast du nicht gesehen, dass wir [!] die Satane über die Ungläubigen gesandt haben, ...“ Koranvers 19,83. Auch das legt den Muslimen nahe, zu allen Nichtmuslimen Abstand zu halten. Allah stellt im Koranvers 4,101 fest, die Ungläubigen seien den Muslimen „ein ausgemachter Feind“. Und im Koranvers 8,55 ist zu lesen: „Als die schlimmsten Tiere gelten bei Allah diejenigen, die ungläubig sind und (auch) nicht glauben werden (?) (oder: und (um alle Welt) nicht glauben wollen?).“ Im Koranvers 98,6 teilt der Allah des Korans weiter mit: „Diejenigen von den Leuten der Schrift und den Heiden, die ungläubig sind, (oder: Diejenigen, die ungläubig sind, die Leute der Schrift und die Heiden?) werden (dereinst) im Feuer der Hölle sein und (ewig) darin verweilen. Sie sind die schlechtesten Geschöpfe.“ Im Koranvers 3,71 heißt es über Juden und Christen: „Ihr Leute der Schrift! Warum verdunkelt ihr die Wahrheit mit Lug und Trug (wörtlich: mit dem, was nichtig ist) und verheimlicht sie, während ihr (doch um sie) wisst?“ Lohnt es sich für Muslime, mit solchen Leuten – den schlechtesten Geschöpfen – einen Dialog zu beginnen?
b) „Tritheismus“ im Christentum Aus islamischer Sicht ist auch das Christentum keine abrahamitische, nämlich keine monotheistische Religion. Nach dem Koran sind die Christen wegen ihres Glaubens an den dreieinigen Gott vielmehr „Tritheisten“. An mindestens 15 Stellen im Koran wird den Christen vorgehalten, dass Allah keinen Sohn bzw. keine Kinder habe und auch nicht haben könne und wegen dieser christlichen Lehre schier die Berge zusammenstürzten. Im Koran werden die Christen wegen ihrer Trinitätslehre sogar als Lügner bezeichnet. „In ihrer Lügenhaftigkeit sagen sie ja (geradezu): Allah hat (Kinder) gezeugt. Sie sind eben Lügner.“ Koranvers 37,151 An einer anderen Stelle des Korans heißt es: „Wir [!] haben ihnen die (volle) Wahrheit gebracht. Sie aber lügen. Allah hat sich kein Kind (oder: keine Kinder) zugelegt (wie sie von ihm behaupten), und es gibt keinen (anderen) Allah neben ihm. Sonst würde jeder (einzelne) Allah das, was er (seinerseits) geschaffen hat, (für sich) beiseite nehmen (wörtlich: wegnehmen), und sie würden gegeneinander überheblich (und aufsässig). Allah sei gepriesen! (er ist erhaben) über das, was sie aussagen, … Er ist erhaben über das, was sie (ihm an anderen Allahs) beigesellen.“ Koranverse 23,90-92
Was könnte Muslime bewegen, diese „Lügner“ als Angehörige der abrahamitischen Religion anzusehen und Kontakt zu ihnen zu suchen? Gibt es solch einen muslimischen Protest? Bleibt er aus Gründen der taqqiya aus? An den Koranversen 23,90 ff. ist weiter bemerkenswert, dass Allah bekundet, wenn er Mit-Götter hätte, und sei es auch nur ein einziger Sohn, käme es unweigerlich zwischen ihnen zu Auseinandersetzungen. Das zeigt deutlich, dass der Allah des Korans in menschlichen Kategorien und Verhaltensweisen denkt bzw. sich selbst darstellt oder vom Engel Gibriel dargestellt wird bzw. von Mohammed so verstanden worden ist. Zum Vorwurf des Tritheismus ist noch anzumerken: Aus dem Koranvers 5,11635 geht hervor, dass Allah meint, mit der Dreifaltigkeit seien Gott, Jesus und Maria gemeint. Nach offizieller christlicher Lehre aber hat Maria nie zur Trinität gehört. Bereits im Missionsauftrag Jesu an die Jünger heißt es: „... tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Matthäus 28,19). Maria zur Trinität zu zählen, ist nach christlichem Verständnis Gotteslästerung.
Für Muslime scheint es undenkbar und deswegen ein Frevel zu sein, dass Allah einen Sohn gezeugt haben könnte. Offenbar können sie sich die Zeugung eines Kindes nur durch Geschlechtsverkehr mit einer Frau (einer Göttin?) vorstellen. Die Koranverse 6,100 f. legen den Muslimen die biologistische Denkweise allerdings nahe. Denn darin heißt es: „Aber sie (d.h. die Ungläubigen) haben die Dschinn zu Teilhabern Allahs gemacht, wo er sie doch erschaffen hat. Und sie haben ihm in (ihrem) Unverstand Söhne und Töchter angedichtet. Gepriesen sei er! Er ist erhaben über das, was sie (von ihm) aussagen. (Er ist) der Schöpfer von Himmel und Erde. Wie soll er zu Kindern kommen, wo er doch keine Gefährtin hatte (die sie ihm hätte zur Welt bringen können) und (von sich aus) alles geschaffen (was in der Welt ist).“ Im Koran wird Allah zwar wiederholt als allmächtig bezeichnet, aber ohne Frau kann er laut Koran und somit auch nach der Meinung von Muslimen nicht an einen Sohn bzw. an Kinder kommen. Jesus ist denn auch gemäß Koran nicht gezeugt worden, sondern Adam gleich, und der sei aus Erde geschaffen worden. „Jesus ist (was seine Erschaffung angeht) vor Allah gleich wie Adam. Den erschuf er aus Erde.“ Koranvers 3,59 Zur islamischen Fehldeutung der Lehre von der Dreifaltigkeit schreibt Muhammad Salim Abdullah (alias Herbert Krawinkel), der Koran wende „sich nicht gegen den christlichen Glaubenssatz „Vater-Sohn-Heiliger Geist“, sondern er bekämpfe „vielmehr die Formel „Vater-Mutter(Maria)-Sohn“, den Tritheismus, der zuzeiten des Propheten Muhammad unter den Christen Arabiens weit verbreitet war“. Abdullah nennt aber kein einziges Dokument, in dem dieser angeblich auf der arabischen Halbinsel weit verbreitete Tritheismus vertreten wird. Außerdem wäre zu erwarten gewesen, dass der im Koran wiederholt als allwissend bezeichnete Allah seine Kritik am „Tritheismus“ präzisiert und den Sachverhalt richtig gestellt hätte und nicht die Dreifaltigkeitslehre, die auf Selbstaussagen Jesu im Neuen Testament beruht, in Bausch und Bogen verwirft. Auch aus dem Koranvers 2,135 geht hervor, dass Muslime sich mit Juden und Christen nicht wirklich auf eine Basis namens Abrahamitische Religion zu verständigen vermögen. Denn Juden und Christen werden im Koran als „nicht rechtgeleitet“ bezeichnet. „Und sie (d. h. die Leute der Schrift) sagen: Ihr müsst Juden oder Christen sein, dann seid ihr recht geleitet. Sag: Nein! (Für uns gibt es nur) die Religion Abrahams, eines Hanifen – er war kein Heide, (wörtlich: keiner von denen, die (dem einen Gott andere Götter) beigesellen)! Sagt: Wir glauben an Allah und (an das) was (als Offenbarung) zu uns, und was zu Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und den Stämmen (Israels) herabgesandt worden ist, und was Mose und Jesus und die Propheten von ihrem Herrn erhalten haben.“ Folglich sind Judentum und Christentum aus muslimischer Sicht keine Abrahamitischen Religionen (mehr), auch wenn es im Koran einige Zeilen weiter heißt: „Wollt ihr mit uns über Allah streiten? Er ist doch (gleichermaßen) unser und euer Herr.“ Koranvers 2,139 Ein Weiteres kommt hinzu: Nach Koran und Hadith ist es für das ewige Heil unerheblich bzw. nicht erforderlich, auf Allahs Verheißungen zu vertrauen – etwas, das den Abraham des Alten Testaments ausgezeichnet hat. Denn Allah hat angeblich bereits vor der Geburt jedes Menschen festgelegt, ob jemand ins koranische Paradies oder in die koranische Hölle kommt. In einem Hadith heißt es: „Nach Umar ibn Khattab: Umar wurde nach diesem [Koran-]Vers [7,172] gefragt. Er sagte: Ich habe gehört, wie der Gesandte Allahs danach gefragt wurde. Da sagte er: Allah hat Adam geschaffen. Dann strich er ihm auf den Rücken mit seiner rechten Hand, holte daraus Nachkommenschaft und sagte: Ich habe diese da fürs Paradies geschaffen; sie werden auch die Werke der Bewohner des Paradieses tun. Dann strich er ihm auf den Rücken, holte daraus seine Nachkommenschaft und sagte: Diese da habe ich fürs Feuer geschaffen, sie werden die Werke der Bewohner des Feuers tun. Ein Mann sagte: O Gesandter Allahs, warum soll man noch etwas tun? Da sagte der Gesandte Allahs: Wenn Allah den Diener für das Paradies schafft, lässt er ihn die Werke der Bewohner des Paradieses tun, bis er stirbt, während er ein Werk der Bewohner des Paradieses tut, und so lässt er ihn ins Paradies eintreten. Und wenn er den Diener fürs Feuer schafft, lässt er ihn Werke der Bewohner des Feuers tun, bis er stirbt, während er ein Werk der Bewohner des Feuers tut, und so lässt er ihn ins Feuer eintreten. (Tirmidhi, Abu Dawud)“ Ein Muslim kann also den Verheißungen Allahs glauben oder nicht – er ändert nichts an Allahs Vorherbestimmung. Damit fehlt im Koran ein wesentliches Kriterium, das den biblischen Abraham auszeichnet: Glaubendes Vertrauen auf die Zusagen Gottes. Den Muslimen nutzt ihr Glaube an Allah allenfalls im Diesseits. Sie sind dann vielleicht sicher, dass sie von ihresgleichen nicht als Ungläubige angesehen und folglich nicht getötet oder drangsaliert und zu dhimmis gemacht werden. Sonderbar ist weiter, dass der Allah des Korans immer mal wieder in der Wir-Form, also in der Mehrzahl spricht. Wenn er tatsächlich ein einziges, in sich geschlossenes Wesen ist, ist das unverständlich. Vielleicht denkt jemand daran, dass auch Kaiser, Könige und Päpste das „Wir“ benutzen (pluralis maiestatis). Aus islamischer Sicht kann das Christentum nicht nur wegen des Glaubens an den dreieinigen Gott, sondern auch wegen der fehlenden Beschneidung keine abrahamitische Religion sein. Denn bei bzw. an den christlichen Männern fehlt das „Bundeszeichen“.
III. Ergebnis Insgesamt ist festzustellen: Der Allah des Korans und damit des Islams hat mit dem Gott Abrahams und damit des Judentums sowie mit dem Gott und Vater Jesu Christi kaum etwas gemeinsam. Etliche seiner Wesenszüge sind so konträr zu denen des biblischen Gottes, dass sie auch mit Biegen, Dehnen oder Stauchen nicht überein gebracht werden können. Der Abraham, der im Koran geschildert wird, ist nicht in erster Linie ein Mann des Glaubens an Allahs Verheißungen, sondern Diener eines absolutistischen Herrschers. Wer den Islam zu den „Abrahamitischen Religionen“ zählt, kann das nur tun, indem er wesentliche theologische Gegensätze zwischen Bibel und Koran beiseite lässt und ethische Forderungen des biblischen Gottes ignoriert, über die der Allah des Korans das Gegenteil lehrt und fordert. Der Begriff „Abrahamitische Religionen“ bezeichnet keine belastbaren Gemeinsamkeiten von Judentum, Christentum und Islam und ist deswegen als Grundlage für (religiöse) Dialoge zwischen Juden, Christen und Muslimen ungeeignet, weil irreführend.
(Text gekürzt; Originalfassung in: „Freiheit und Islam – Fakten – Fragen - Forderungen“. Veröffentlicht von Dr. Hildenbrand, Dr. Rau und Wenner, 2016 im Gerhard Hess-Verlag)
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