Brief an die Engländer
von Georges Bernanos
Ich möchte die Ungläubigen unter meinen Lesern nicht durch Reden vom Teufel verärgern, aber schließlich erlauben sich die Journalisten und Staatsoberhäupter sehr oft, ihn mit dem Namen "der Böse", "die Mächte des Bösen" zu bezeichnen. Warum sollte ich mich da schüchterner zeigen als sie? Es wird im allgemeinen als sicher angenommen, daß der Teufel der Geist des Aufruhrs sei - eine Meinung, die den Konservativen höchst willkommen ist. Denn sie glauben sich daraufhin berechtigt, alle Unzufriedenen in die Hölle und die Gendarmen ins Paradies zu versetzen. Ich leugne nicht, daß der Teufel für seine Person ein Aufrührer ist. Aber nichts beweist, daß er die Absicht hat, die Menschen auf dieselbe Weise zu verführen wie er die Engel verführt hat. Die Erfahrung zeigt vielmehr, daß er es für weit schwieriger erachtet, uns durch den Geist der Empörung zu verderben als uns durch den Geist der Knechtsgesinnung zu schänden. Er hat keineswegs den Vorsatz, uns zur satanischen Würde der Empörer-Engel zu erheben, sondern sein hellsichtiger Haß sinnt darauf, uns in einen tierischen Zustand hinabzustürzen. Wenn eine derartige Annahme euch Ärgernis bereitet, um so schlimmer! Denn unter den Sündern, der kleinen Zahl von Sündern, die Christus im Evangelium verflucht hat, findet ihr da viele Widersetzliche und Empörer? Ich für meine Person sehe hier kaum etwas anderes als Konformisten, Leute, die sich dem Glauben ohne Hochherzigkeit, der Zucht ohne Liebe knechtisch unterwerfen. Liebe, das ist das schlüssige Wort. Der Freie allein kann lieben.
(aus: "Vorhut der Christenheit - eine Auswahl aus den polemischen Schriften" Düsseldorf 1950, S. 151 f.)
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