MODERNE EXEGESE
von Theologieprofessor Dr. P.Severin M.Grill, Heiligenkreuz
Das bekannte Wort Goethes "Das tiefste Problem der Weltgeschichte ist der Kampf des Unglaubens gegen den Glauben" sehen wir heute auch in der Theologie, insbesondere in der Exegese erfüllt. Das gilt vom Alten und vom Neuen Testament. Inbezug auf ersteres gesteht G.v. Rad: "Die heutige atl. Wissenschaft sieht sich durch eine besondere Kluft von älteren theologischen Auffassungen getrennt. Die Fülle der über sie hereingebrochenen geschichtlichen, archäologischen, literarischen und religionsgeschichtlichen Erkenntnisse und Fragen hat etwa seit der Mitte des letzten Jahrhunderts fast zu einem Abbruch des eigentlichen theologischen Gespräches geführt" (Theol.d.A.T. 1961, S.347). Die Hilfswissenschaften haben die eigentliche Hauptwissenschaft überwuchert. Die Entfernung von der christologischen und ekklesiologischen Interpretation des AT bei den Kirchenvätern und Scholastikern ist bereits soweit fortgeschritten, daß die Grundlage der christlichen Theologie erschüttert erscheint.
Man hat kein Verständnis mehr für den innerbiblischen Symbolismus, der die ganze Bibel von "Schlüsselstellungen" aus erklärt und die Brücke vom Alten Testament zum Neuen schlägt. Das völlige Aufgehen in archäologischen Fragen haben nach Gregor d. G. (Praef. in Job. PL 75, S. 517) Bernhard und seine Schüler "Quaestiones inutiles" genannt: "Infelices filii Adam omissis veris et salutaribus studiis caduca potius et transitoria quaerunt" (In Adventu Domini I, 1. PL 183,35)´ "Non ideo data est nobis Sacra Scriptura, ut in ea vana et superflua quaereremus, sed fidem et infinita negotia in Ecclesia emergentia" (Petrus Cantor, + 1197, Verbum abbreviatum. PL 205, 25-26). Ein neuerer namhafter Exeget, E. Staerk, sagte in seiner Besprechung der Theologie des Alten Testamentes von Ed. König, diese gutheißend: "Jeder Versuch, die atl. Theologie von dem evolutionistisch und religionsgeschichtlich eingestellten Historismus zu befreien, dem sie zur Zeit fast ganz verfallen ist, und sie auf die Höhe einer systematischen Wissenschaft zu erheben, ist mit Freuden zu begrüßen." (1) Inzwischen hat sich eine "Europäische evangelische Allianz" gebildet mit dem exegetischen Ziel: Unser Bekenntnis zur Heiligen Sclirift. Die Bewegung stellt eine radikale Abkehr von der modernen Exegese dar und fordert zur gläubigen und aufbauenden Exegese auf. (Im Präsidium ist vertreten für die österreichischen Protestanten: Georg Traar. (2)) Die katholischen Bischöfe Österreichs haben in einem Rundschreiben die Professoren der Bibelwissenschaft aufgefordert, in Herübernahme von Hypothesen der formgeschichtlichen Schule vorsichtig zu sein und die Glaubenssicherheit der jungen Theologen nicht zu gefährden.
Es ist kein Zweifel, daß R. Bultmann mit seiner Theorie von der Entmythologisierung des Neuen Testamentes in die Kategorie der freiheitlichen, d.h. im Grunde halb- oder ungläubigen Bibelauslegung gehört. Es fehlt von vornherein an einer klaren und durchsichtigen Darlegung des Wesens dieses hermeneutischen Prinzips (Hochland 1952, 334-360 und LThk 3 (1859), 898-904: Aufsätze von H. Fries und A. Vögtle). Soviel scheint sicher zu sein, das R. Bultmann nicht mit den hermeneutischen Regeln der Kirchenväter an das Neue Testament herantreten will, sondern mit den Maximen der Heideggerschen Philosophie. Er versteht daher unter Mythos nicht das, was z.B. Thomas v.A., der den Mythos "fabula" nennt, die auch ein verum und utile enthält, darmiter versteht (Erklärung d. 1. Briefes an Tim, 4,2), sondern eine Art Symbolismus, aber ohne reale, geschichtliche Unterlage, somit nur die Idee als solche, die in Form eines Wunderberichtes von den Predigern der Urkirche Jesus von Nazareth zugeschrieben oder als legitimer Ausspruch in den Mund gelegt wird (obwohl Jesus diese Wunder nicht gewirkt und jene Aussprüche nicht getan hat). R. Bultmann trägt somit den Mythos in das Neue Testament hinein, statt - um das gleich zu sagen - in diesem den erfüllten Mythos zu sehen.
Der Mythos ist religiös-ätiologisches (= Ursache suchendes) Denken zur Deutung des Lebens und des Weltgeschehens, vielfach verbunden mit der Hoffnung und Sehnsucht nach Erlösung. Daher enthält der heidnische Mythos im Schrifttum und im Kult viel Messianismus. Daß auch den Heiden eine Offenbarung von Christus geschah, lehrt Thomas v.A. (II/II, Qu. 2. Art. 7) ausdrücklich auf Grund von Aussprüchen der Kirchenväter (Augustinus, Brief 102, PL 33, 374. Gottesstaat. 18,47, PL 41,610 und Gregor d. Gr., Praef. in Job, PL 75, 519). Das Neue Testament ist nun der erfüllte Mythos durch Jesu Wirken und Fortleben in der Kirche. Sehr gut hat das O. Spengler (Untergang des Abendlandes, 1. II, 273) formuliert mit den Worten: "Nun erhob sich neben Jesus als dem Sohne und über ihn hinaus die Gottesmutter, ein schlichtes Menschenschicksal von so ergreifender Gewalt, daß es all die tausend Jundfrauen und Mütter des Synkretismus wie Isis, Tanit, Kybele, Demeter und alle Mysterien von Geburt und Leiden überragte und in sich aufnahm". Das war der Grund des siegreichen Christentums, weil hier reale Geschichte zugrunde lag und nicht nur Ideenlehre und schöngeistige Dichtung. Gerade darin liegt der Fehler R. Bultmanns, daß er das verkennt und somit ein Schleiermacher und D.H. Strauss redivivus wird, daß er es unternimmt, wiederum die Unterscheidung zwischen "dem Jesus der Geschichte" und "dem Christus des Kerygma" zu vollziehen und unsere Jugend damit infiziert und den christlichen Glauben untergräbt. Von ihm gilt, was Gförer (+ 1861) von Schleiermacher sagt: "Er spielte den Frommen und verzehrte den Zehnten der Kirche, während er ihre geistigen Pulsadern zu zerschneiden sich vermaß" (bei Seb. Brunner: Die vier Großmeister der Aufklärungstheologie, 1808, S. 425).
Der hl. Bernhard sagt in seiner Erklärung des 90. Psalmes: "Ich will euch nicht in Unkenntnis darüber lassen, daß diejenigen Nachahmer des Feindes sind, die von der Heiligen Schrift etwas in unheiliger Weise benützen und die Wahrheit Gottes niederhalten. Seid auf der Hut!"
Anmerkungen: 1) Theol. Lit. Zeit., 1922. Sp. 7 2) Flugblatt: Unser Bekenntnis zur Heiligen Schrift. |