RÜCKBLICK AUF DAS GESCHEHEN UM ECONE IM JAHRE 1977
von Wolfgang Heller
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung überschreibt Ende 1976 einen längeren Artikel mit der Schlagzeile "Lefebvre zu den Akten" und berichtet darin, der Vatikan sei entschlossen, den Fall Lefebvre zur Ruhe kommen zu lassen.
Wie das Jahr 1977 aber gezeigt hat, hängt dies nicht allein vom Vatikan ab. Die wahre katholische Gemeinde steht im Zeichen des Kreuzes und wird immer und ewig die Feinde unseres Herrn Jesus Christus, die Lauen und Mitläufer beunruhigen.
Im folgenden sollen die wichtigsten Ereignisse um Erzbischof Lefebvre nachgezeichnet werden. Darin zeigt sich, daß die vom Vatikan verordnete Ruhe nur eine scheinbare ist und daß das Bild vom Sauerteig oder Samenkorn auch heute noch seine Gültigkeit besitzt. -
Anfang Januar besucht Erzbischof Lefebvre Kanada. In Shawinigan, 130 km nordöstlich von Montreal, soll ein Seminar entstehen. Am 23. 4.1977 firmt er in Auel-Steffeshausen 30 Kinder und Jugendliche. Steffeshausen liegt in der Diözese Lüttich / Belgien. Natürlich wurde der betreffende Pfarrer, der Mgr. eingeladen hatte bzw. die Kinder vorbereitet hatte, von offizieller Seite unter Druck gesetzt.
Am Sonntag, den 22. Mai firmt er wiederum rund 150 Kinder in der Kirche Saint-Nicolas-du-Chardonnet in Paris unter großer Anteilnahme der Gläubigen, die die Kirche seit dem 27.2.77 besetzt halten. Viele treue Gläubige aus ganz Europa unterstützen durch ihre Anwesenheit die entschlossene Haltung der Pariser Gemeinde.
Am Pfingstmontag, den 30. Mai weiht Lefebvre im Genfer Vorort Onex ein weiteres Priorat auf den Namen des Hl. Franz von Sales ein. Tagszuvor hatte er im Palais des Expositions 35 Kindern die Hl. Firmung gespendet und vor über 1800 Gläubigen ein Hochamt zelebriert. In seiner Predigt wandte sich der Erzbischof erneut gegen den falschen Ökumenismus und betonte, daß nicht er eine Kirchenspaltung heraufbeschwöre. Von den Prioraten in Frankreich, Italien, England, Deutschland, den USA und der Schweiz sagte er, sie seien wie Satelliten des lieben Gottes; von ihnen werde das Licht des Glaubens ausstrahlen.
Am 6. Juni weilt Mgr. auf Einladung der italienischen Prinzessin Edvina Pallavicini in Rom. In ihrem Palast gegenüber der ehemaligen päpstlichen Sommerresidenz hält er vor rund 2000 Zuhörern einen Vortrag über die "Kirche nach dem Konzil". Lefebvre wiederholt seine Anklage gegen die Reformen Johannes XXIII. und das Konzil und gegen die modernistische Liturgie. Er beschuldigt Montini und seine Ratgeber, sie führten die Kirche in die Apostasie. "Es ist nicht erlaubt, denjenigen zu gehorchen, welche die Kirche herunterbringen und ihr den Untergang bereiten", vielmehr gelte es, der wahren Kirche die Treue zu halten. "Ich bin hierher gekommen, damit die katholische Kirche in ihrer Tradition fortfährt".
Reaktionen vor und nach dieser Veranstaltung blieben nicht aus: Paul VI. droht zwei Tage später kaum verhüllt mit der Exkommunikation: "Jesus selbst erlaubt den Ausschluß desjenigen, der sich als widerspenstig erweist, aus der brüderlichen Gemeinschaft".
Der im Rubestand lebende frühere Bischof von Terracina, Arrigo Pintonello, begrüßt den Kampf gegen die protestantischen Tendenzen in der "katholischen Kirche". Wenig später jedoch - nach massivem Drängen des Vatikans - distanziert er sich; er wolle bei aller Freundschaft zu Erzbischof Lefebvre nichts tun, was gegen die Einheit der Kirche gerichtet sei. (Anm. d. Red.: also müßte er gegen Montini sein!) Während sich Lefebvre auf die vorgesehenen Priesterweihen in Econe vorbereitet, sucht der Vatikan diese Weihen durch "Exkommunikationsdrohungen" zu verhindern. Montini hält sich auf seine Langmut etwas zugute: "Unsere Vorgänger, auf deren Hirtenamt er (Lefebvre) sich zu berufen pflegt, hätten einen derartigen halsstarrigen und schädlichen Ungehorsam nicht so lange geduldet, wie wir es in Geduld getan haben." Im Hinblick auf die Priesterweihen spricht Montini von einem "irreparablen Bruch". Handschriftlich läßt er Mgr. eine eindringliche letzte Warnung zukommen (datiert unter dem 20. Juni). Mit diesem Schreiben weist Montini nach Mitteilung des vatikanischen Pressesprechers auch die von Lefebvre gemachten Vorschläge für eine Revision und Neu-Interpretation wesentlicher Beschlüsse des II. Vat. zurück.
Auf diese "letzte Warnung" reagiert man in Econe gelassen: "Uns beeindruckt das nicht im geringsten. Diese Drohungen dauern nun sc~n~ seit drei Jahren an; sie stellen nichts Neues dar."
Am Mittwoch, dem 29. Juni, am Fest der Apostelfürsten Peter und Paul, weiht Erzbischof Lefebvre in Econe 14 Priester und 24 Subdiakone. In das sonst ruhige Econe sind 4000 Gläubige aus Frankreich, aus Deutschland, Italien, Österreich und der Schweiz gekommen, um an den Weihen teilzunehmen. Zu den ergreifenden Szenen nach der Weihe zählt, wie die Neupriester immer wieder den vor ihnen niederknieenden Gläubigen den Primizsegen spenden. In seiner Predigt geht Mgr. auf das wahre Priestertum ein und hebt hervor, daß die zu Weihenden Priester werden, Priester, "wie sie die Kirche immer geweiht hat, wie sie die Kirche liebt, Priester, wie auch Sie, meine Gläubigen, sie lieben, weil diese Priester wissen, was sie sind." Im Gegensatz dazu stellt er im Hinblick auf die Priestererziehung in den von Rom geführten Seminaren fest: "Denn wie sieht dort die Formung der Priester aus? Glauben sie wirklich an die Eucharistie? Glauben sie noch an die wirkliche Gegenwart Unseres Herren? Glauben sie an das Opfer der Messe? Wir müssen uns das wirklich fragen!" In seiner Analyse der Amtskirche führt er dann aus: "Man schließt diejenigen aus der Gemeinschaft der Kirche aus (Anm.d.Red.: in Wahrheit kann es sich nur um einen "Ausschluß" aus der von Rom fabrizierten "Neukirche" handeln, der man aber nicht angehören will; aus der wahren Kirche kann man die treuen Gläubigen nicht ausschließen), die den katholischen Glauben bewahren und I verbrüdert sich mit allen Feinden der Kirche. Man macht gemeindame Sache mit ihnen, weil man die Exkommunikation aufhebt." "Wir verstehen das nicht mehrt Das ist nicht unsere Kirche, das ist nicht mehr unsere katholische Kirche, das ist nicht mehr unser katholischer Glaube. Wir aber wollen katholisch bleiben!" Auf die Frage: "Was soll aus uns werden?" gibt er die Antwort: "Unsere Zukunft ist unsere Vergangenheit. Um zu wissen, was unsere Zukunft ist, schauen wir auf die Vergangenheit. Und wenn wir uns vergewissert haben, in voller Gemeinschaft mit der ganzen Vergangenheit der Kirche zu stehen, sind wir unserer Zukunft sicher."
Nach den Weihen werden schlagartig alle Aktionen in den Massenmedien gegen Lefebvre eingestellt. Die angedrohte "Exkommunikation" unterbleibt. Der Fall "Lefebvre" wird immer mehr vom Vatikan heruntergespielt, man wolle weiterhin mit Geduld, Klugheit und der notwendigen Objektivität vorgehen, ohne jedoch zu gegebener Zeit weitere kirchenrechtliche Schritte auszuschließen, wenn das Wohl der Gläubigen es erfordere. Eine gewisse Richtung im Vatikan scheint zu ahnen, daß das von ihnen geschmiedete Damoklesschwert "Exkommunikation" inzwischen stumpf geworden ist.
Erzbischof Lefebvre weilt derweil in Amerika. In Dickinson/Texas weiht er die Engelskönigin-Kirche als religiöses Zentrum der seit 1970 bestehenden "Gesellschaft des hl. Pius X." ein.
Mitte Juli reist er weiter nach Südamerika. Seine Reise wird sowohl von einigen Staaten als auch (bzw, vor allem) von der dortigen Amtskirche behindert. Seine Stationen sind Kolumbien, Chile und Argentinien. Für Mexiko erhält er Einreiseverbot. In Santiago de Chile droht der örtliche Klerus jedem Gläubigen die Exkommunikation an, der an Lefebvres Veranstaltungen teilnimmt. Trotz dieser massiven Behinderungen zeigt sich Mgr. am Ende seiner Südamerika-Reise sehr befriedigt. Wieder zu Hause gibt er die Gründung zweier Priesterseminare nach dem Vorbild Econe bekennt: eines in Kanada und eines in Argentinien.
Als Mgr. Lefebvre wieder in Europa ist, erfährt die Öffentlichkeit, daß er Montini um eine Audienz unter vier Augen gebeten habe, "um die Rückkehr zu einer normalen und für die Kirche und das Heil der Seelen guten Situation zu begünstigen". Aus Vatikankreisen verlautet am 11.8. dazu, Montini habe es abgelehnt, auf dieses Nachsuchen einzugehen.
Aus dem Seminar in Econe scheidet der Spiritual aus. Ebenso verlassen einige Seminaristen, darunter zwei Neu-Priester Econe.
Ende August weiht Erzbischof Lefebvre in der Nähe von Moulin/ Mittelfrankreich einen weiteren Priester. Im September macht Lefebvre deutlich, daß er die "Brücken zum Vatikan" nicht abbrechen wolle, aber es sei bei den gegenwärtigen Verantwortlichen (Paul VI. und seine Kurie) schwierig, den Bruch zu vermeiden.
Die vatikanischen Störfeuer gegen Lefebvre variieren zwischen massiven Drohungen und Verlockungen. An die Seminaristen von Econe gerichtet verkündet Radio Vatikan: "Bedenkt, junge Brüder, auf welch bösen Weg ihr euch führen laßt!" Im September verbreitet der Vatikan, er richte in Rom ein Studienhaus eigens für ehemalige Seminaristen Lefebvres ein (wo sie in Sutane der ungültigen "Messe" beiwohnen und die montinischen Häresien als "Wort Gottes" aufnehmen; die andern machen das in Blue-Jeans; Anm. d. Red.) Mgr. Lefebvre eröffnet am 15. Oktober in der Nähe Roms selbst ein Priesterseminar.
In der Tagespresse wird spektakulär ein für den 22. Dezember geplantes Treffen mit Höffner in Freiburg angekündigt. Diese Meldung löst bei vielen erhebliche Unruhe aus. Lefebvre sagt zwar in seiner Ansprache in München am 20.12., er werde Höffner in gleicher Weise wie Paul VI. entgegnen, nicht er betreibe das Schisma, sondern die sog. Amtskirche, aber die Tatsache, daß rüber dieses Treffen nichts berichtet wurde, läßt die Unruhe nicht abklingen.
Das Jahr 1977 ist auch dadurch gekennzeichnet, daß sich Meinungsforscher (weltliche wie "kirchliche") dem Thema "Lefebvre und die -Traditionalisten" annehmen. In der in- und ausländischen Presse finden sich allenthalben Veröffentlichungen von Umfrageergebnissen, die beweisen sollen, daß die Mehrheit der Katholiken die Bewegung mit und um Lefebvre ablehnt. Die Berichterstattungen können aber nicht verschweigen, daß ca. ein Fünftel bis ein Drittel (in Frankreich mehr) der Gläubigen an der römisch katholischen Tradition festhalten will.
Von einem "zur Ruhe kommen lassen" kann also 1977 keine Rede sein. Vielmehr beschäftigt sich die sog. Amtskirche häufiger mit dem "Fall Lefebvre", nun jedoch mehr hinter den Kulissen. So auf der "Bischofssynode" Anfang Oktober in Rom. Von deutscher Seite kommt es zu Ratschlägen wie: "Es wäre vielleicht gut, wenn die Anliegen solcher um den christlichen Glauben besorgter Christen in Zukunft etwas mehr berücksichtigt würden", so der Paderborner "Erzbischof" Degenhardt (womit er wohl das offizielle Programm meint, mit dem man nun das Ankuppeln der eigensinnigen Schafe wieder an die "eine Herde" versuchen möchte; Anm.d.Red.), nachdem er festgestellt hatte, daß Lefebvre die Autorität des II. Vatikanums und des jetzt regierenden "Papstes" verwerfe.
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