IM SCHATTEN VON STR. ARNUAL
von Karl-Heinz Jütting
Alles, was geschieht, ist providentiell, ist gefügt von Gottes Vaterhand zur Ehre seines vielgeliebten Sohnes, uns zum Heil. "Ich sehe dich in tausend Bildern, Maria, lieblich ausgedrückt", singt Novalis, aber mit größerem Recht könnte man sagen: ich sehe dich, Heilige Weisheit Gottes, in tausend Dingen, Ereignissen, Begebenheiten zu mir reden, ich sehe dich in all den Geschehnissen voll Liebe zur mir sprechen, die mich umgeben und auf mich einstürmen; gib, daß ich dich höre und so verstehe, wie du von mir verstanden sein willst."
Ein erstaunlicher und bemerkenswerter Umstand an dem großen neuen und eindrucksvollen Meßzentrum St. Maria zu den Engeln in Saarbrücken ist die Tatsache, daß es im Schatten von St. Arnual liegt.
Im Schatten von St. Arnual: das bedeutet zuerst einmal nichts anderes als im Schatten und in der Nachbarschaft der alten Stiftskirche St. Arnual auf dem linken Saarufer, einem kostbaren Bauwerk der frühen Gotik und einem der bedeutendsten Baudenkmäler dieser Stilrichtung im rheinisch-lothringischen Raum.
Im Schatten von St. Arnual: das bedeutet aber ebenso konkret, jedoch weniger augenfällig: im Schatten jenes Heiligen, nach dem die Stiftskirche benannt ist, des heiligen Arnualdus.
Der hl. Paulus spricht staunend von der Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes (Röm 11,33). Was uns oft unverständlich erscheint, was wir in Todesanzeigen so gern achselzuckend und fast schnoddrig mit "Gottes unerforschlicher Vorsehung" abtun, ist in Wirklichkeit ein Zeichen der Tiefe, Unauslotbarkeit und Überfülle göttlicher Weisheit und Liebe, nicht unverständlich, sondern jenseits der Kategorien unseres Verstehens. Aus dieser Unauslotbarkeit göttlicher Weisheit und Liebe quillt dann auch jener so oft beobachtete Umstand, daß es Gottes eigen ist, immer wieder das Unbedeutende, Kleine, in den Augen der Welt Vergessene, ja Verachtete zum Werkzeug und Künder seines Willens zu machen.
So ist es denn Zeichen und Zeugnis jener sorgenden Liebe Gottes, im Schatten des hl. Arnualdus, des völlig Vergessenen und buchstäblich Zertretenen, jenes Meßzentrum, jenes mit soviel Liebe und Opfer hergerichtete Gotteshaus der Ausgestoßenen, Verjagten und Unerwünschten entstehen zu lassen, damit der Glaube des hl. Arnual und die Messe des hl. Arnual und das Vermächtnis des hl. Arnual fortbestehen können in eine fernere Zeit.
Der hl. Arnualdus, ein Enkel König Chlotars I., war von 599-607 Bischof von Metz, in einer Zeit, die ähnlich dunkel und furchtbar war wie die unsere. Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches war ein ungeheueres Vakuum entstanden, politisch wie geistig, barbarische Völker umbrandeten die alte Kultur und überfluteten sie, Werte wurden wertlos, Sinnvolles wurde sinnentleert, Dämme brachen, Grenzen fielen, Irrlehren loderten auf, ungeheuere Verbrechen blieben ungesühnt, Satan glaubte an seinen baldigen Triumph. Einzig die Kirche erwies sich als Hort und Halt im Sturm und in der Drangsal der Zeit: eine Reihe großer Bischöfe nahm sich der Not des Volkes an, heilige, mutige, weitblickende Männer. Zu ihnen gehörte auch der hl. Arnual. Als wahrhaft guter Hirte, seinem Vorbild Christus getreu, litt er unter der seelischen Not und Verkommenheit der Menschen. Die Priester, die sich des Volkes hätten erbarmen sollen, waren in großer Zahl in den Schlund des Verderbens gestürzt: entweder hatten sie sich Irrlehren verschrieben oder sie waren davongelaufen und oft schlechter und niederträchtiger noch als die, die sie hätten bessern sollen.
Im Gebiet der oberen Saar war die Lage besonders schlimm. Mit einigen treugebliebenen guten Priestern begab sich der Bischof selbst dorthin und pflanzte mit der Gewalt seiner Predigt und seines heiligen Beispiels von neuem die Botschaft Christi, seines und unseres Herrn, in die Herzen ein. Als guter Bischof und treu sorgender Hirt und Vater der ihm anvertrauten Seelen ließ er es aber nicht damit bewenden. Dort, wo jetzt noch die Stiftskirche sich erhebt, gründete er ein Chorherrenstift für 7-10 Chorherren, das sind Weltpriester, die unter bestimmten Statuten sich zusammengeschlossen haben und klosterähnlich zusammenleben, ohne jedoch Mönche zu sein. Die Chorherren verrichteten gemeinsam das Chorgebet (Brevier) in würdiger und andächtiger Weise und widmeten sich neben dem Gottesdienst der Seelsorge und dem Unterricht der Kinder. Später nahmen die Chorherren die vom hl. Augustinus für das Zusammenleben von Weltpriestern verfaßte Regel an und nannten sich Augustiner-Chorherren. Im frühen und hohen Mittelalter wurde das Augustiner-Chorherrenstift St. Arnual das Zentrum des geistlichen Lebens im ganzen Saarland und dem angrenzenden Lothringen und trotz der geringen Zahl der Chorherren blieb das Stift lange Zeit von außerordentlich großer Bedeutung für die Pflege des religiösen Lebens. Das Stift glänzte weniger durch große wissenschaftliche Leistungen oder als Inspirator bedeutender Kunstwerke als vielmehr durch das christliche, oft heilige Leben seiner Mitglieder. Der hl. Arnual fand übrigens in der Stiftskirche seine Ruhestätte, er wollte dort begraben sein, wo er für die Rettung der Seelen seine ganzen Kräfte, sozusagen sein Herzblut hergegeben hatte, um so im Tode noch denen nahe zu sein, die er mit so großer Mühe im Leben seinem Heiland zurückgewonnen hatte. Aber die Zeiten gingen dahin und wieder brach ein höllisches Unwetter über die Christenheit herein: die sogenannte Reformation fluchwürdigen Angedenkens, ein Werk degenerierter und verantwortungsloser Priester wie die sogenannte Reform von heute. Luther und Konsorten hatten jedoch anfangs wenig Erfolg im Saarland, das Volk hielt treu am alten Glauben fest, an erster Stelle die Grafen von Saarbrücken als Landesherren. Aber damals war es wie heute: hätte vor 20 Jahren jemand die offiziell betriebene Glaubenszerstörung von heute verkündet, hätte er verkündet, das heilige Meßopfer werde abgeschafft, unterdrückt, verboten und durch ein elendes, mit protestantischer Hilfe entstandenes Machwerk ersetzt, man hätte ihn als lächerlichen Scharlatan und "Unglückspropheten" keiner Beachtung für wert befunden. Indessen, ständiger Tropfen höhlt den Stein und das System der kleinen Schritte führt allmählich vom sicheren Weg weg in den Abgrund. Erleichterungen, Dispense, bequemes Christentum, das sind dieselben Köder, wurmstichig und ekelhaft, damals wie heute. "Der Herrgott ist ja gar nicht so!", natürlich nicht, und darum weg mit dem alten Schund und Plunder, damit ihr von nun freie, weltfrohe Christen seid!
Im Jahre 1575 erschien der Stiftspropst in Begleitung seines Stiftskapitels beim Grafen von Saarbrücken und bat ihn in gewundenen, mit vielerlei theologischen Argumenten untermauerten Worten und unter Anführung zahlreicher Autoren und Belegstellen, nicht zuletzt auch unter Hinweis auf seine Rechte und Pflichten als Vogt des Stiftes um die Erlaubnis, von nun an die neue Lehre zu verkünden, die alten und falschen Zöpfe zu beseitigen und so das Christentum in seiner ursprünglichen, reinen und evangelischen Gestalt wiederherzustellen. Der Graf, im Herzen selber schon der bequemen modernen neuen Lehre zuneigend, entsprach dem Wunsche des Stiftskapitels: noch im selben Jahre wurde das Stift aufgehoben, sein Vermögen dem gräflichen Gymnasialfond überstellt und die altehrwürdige Stiftskirche zur protestantischen Pfarrkirche bestimmt.
Damit war der Damm gebrochen, das gläubige Volk wurde nicht um seine Meinung befragt. Was man ihm gestern noch ins Herz gesenkt hatte zu heiliger Hut, das riß man ihm heute wieder aua, und was man es gestern zu verehren gelehrt, das zwang man es heute zu verachten. Die Lichter erloschen am Grab des hl. Arnual, es fiel der Verachtung und Vergessenheit anheim und heute weiß niemand mehr die Stelle, wo seine Gebeine ruhen. Die Stiftskirche ist bis heute protestantisch und somit zweckentfremdet wie so viele andere alte katholische Kirchen, die nicht für die Veranstaltung eines "Abendmahles" oder einer "Eucharistiefeier mit anschließendem gemütlichen Beisammensein" sondern zur Feier des hochheiligen erhabenen Meßopfers bestimmt waren und nur zu diesem Zweck erbaut worden sind.
Und so ist es denn nicht von ungefähr, daß das neue Meßzentrum auagerechnet am Grab des hl. Arnual entsteht. Ist es nicht eine Aufforderung, die Mission des heiligen Bischofs wieder aufzugreifen, die darin bestand, unter Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit den wahren Glauben zu verkünden, die Irrlehren zu bekämpfen und Seelen zu retten für unseren Herrgott? Ist es nicht eine Aufforderung für die Priester, die hier wirken werden, unter dem Schutz des Heiligen das segensreiche Wirken des Chorherrenstiftes wieder aufleben zu lassen durch ein bescheidenes und vorbildliches Leben, als Lehrer und Hirten und Beter für die ihnen anvertrauten und sich ihnen anvertrauenden und die vielen irre gegangenen Menschen?
Mag das Grab des hl. Arnualdus auch vergessen sein, mag auch die Kunde von den vielen Wundern, die sich einst auf seine Fürbitte ereigneten, verdämmert sein, wir wissen, daß er lebt in der Herrlichkeit des Herrn und daß er vom Himmel aus die segnen wird, die in der Nachfolge Christi seinen Fußstapfen folgen werden.
In seinen Heiligen aber ehren wir Christus selbst, ehren wir Maria, die Königin aller Engel und Heiligen.
Heiliger Arnualdus, du großer Bischof, Hirt und Lehrer der Seelen, wir flehen dich vertrauensvoll an: sieh an unser Elend und unsere Not! Wie du dich einst unserer Vorfahren erbarmt hast, so hilf in deiner Güte auch uns. Erbitte uns gute und heilige Priester, die uns führen und leiten, erhalte uns treu und standhaft im heiligen katholischen Glauben und laß uns dir anbefohlen sein. Erfülle uns mit glühender Liebe zu unserem gekreuzigten Herrn und mit tiefer Reue über unsere Sünden, stehe uns bei in unserer Todesstunde und führe uns an deiner Hand hin zu Christus , unserem König und Herrn, mit dem Vater und dem Heiligen Geiste Gott, hochgelobt in Ewigkeit! Amen
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AUS: HL. CHRYSOSTOMUS, HOMIL. 68 IN MATTH.:
Die gegenwärtige Zeit ist kurz, die Arbeit gering, und wäre sie auch groß, so sollst du doch nicht verzagen. Nimmst du auch die rühmliche Arbeit der Buße und der Tugend nicht auf dich, so gibt es Arbeiten anderer Art in der Welt, die dich ermüden werden. Gibt es nun Arbeit hier und dort, für die Welt und Flur Gott, warum wählen wir nicht diejenige, welche viele Frucht und großen Lohn bringt? Jedoch die Arbeit ist nicht auf beiden Seiten gleich. Die der Welt dienen, sind immerwährenden Gefahren auagesetzt, leiden einen Verlust nach dem anderen, haben unsichere Hoffnung, wagen ihr Geld, setzen ihre Leibes- und Seelenkräfte daran. Und dann sind die Früchte, wenn anders es solche gibt, oft weit unter der Erwartung. Und wenn es wirklich Früchte gibt, so bleiben sie ihnen nur auf kurze Zeit, denn in der Regel erntet man sie erst im'~'Alter, wo man sie nicht mehr genießen kann, und wo das Andenken des nahen Todes den Genuß stört. - Mit der Tugend verhält es sich anders. Da steht der sterbliche und verwesliche Leib die Mühe aus, und die Krone empfängt der erneute, unsterbliche, ewig lesende Leib. Die Arbeit geht voraus und ist kurz, der Lohn folgt nach, ist unermeßlich und kann niemals verringert werden oder wieder verloren gehen.
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GEBET ZUM HL. GEIST
O Heiliger Geist, erleuchte mich, O Gottes Lieb beseele mich, den Weg der Wahrheit führe mich, Maria Mutter, schau auf mich, mit Deinem Kinde segne mich, vor aller Täuschung und Gefahr, vor allem Übel und Gefahr. Amen.
(Gebet der arabischen Nonne Mirjam von Abellin in BeLhlehem vor loo Jahren)
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