ÜBER DEN HEILIGEN GEIST
vom
Hl. Johannes Maria Vianney, Pfarrer von Ars
(aus: Koch, Walter Christoph: "Unter der Kanzel von Ars", Konstanz (1946) S. 21 ff)
Der Heilige Geist ist Licht und Stärke. Er ist es, der uns das Wahre
vom Falschen und das Gute vom Bösen unterscheiden läßt. Gleich ;en
Ferngläsern, welche die Gegenstände vergrößern, läßt uns der Heilige
Geist das Gute und das Böse im Großen sehen. Mit dem Heiligen Geist
sieht man alles im Großen: man sieht die Größe der kleinsten, für Gott
vollbrachten Handlungen und die Größe der kleinsten Fehler. Wie ein
Uhrenmacher mit seinen Augengläsern die kleinsten Rädchen einer Uhr
erkennt, so erkennen wir mit dem Lichte des Heiligen Geistes alle
Einzelheiten unseres armen Lebens. Da erscheinen die kleinsten
Unvollkommenheiten als sehr groß und die kleinsten Sünden verursachen
Abscheu.
Jene, die vom Heiligen Geiste geführt werden, haben richtige
Vorstellungen. Es gibt daher so viele Ungelehrte, die weit mehr
verstehen als die Gelehrten. Wenn man vom Gott des Lichtes und der
Stärke geführt wird, kann man sich nicht irren.
Der Heilige Geist ist unser Führer. Der Christ, welcher vom Heiligen
Geiste geführt wird, läßt gerne die Güter dieser Welt liegen, um nach
den Gütern des Himmels zu streben. Er weiß zu unterscheiden. Der Mensch
ist nichts durch sich selber, aber er ist viel mit dem Heiligen Geiste.
Der Heilige Geist kann seine Seele erheben und ihn nach oben führen.
Für den Menschen, der sich vom Heiligen Geist führen läßt, scheint es
keine Welt zu geben. Für die Welt aber scheint es keinen Gott zu geben.
- Es kommt also nur darauf an, wer uns führt.
Ohne den Heiligen Geist wären die Märtyrer gefallen, wie die Blätter von den Bäumen fallen.
Viele finden die Religion langweilig. Sie haben eben den Heiligen Geist nicht.
Wer den Heiligen Geist hat, dessen Herz erweitert sich; es badet sich gleichsam in der göttlichen Liebe.
Wie eine schöne weiße Taube, welche aus dem Wasser kommt und ihre
Flügel auf dem Lande schüttelt, kommt der Heilige Geist aus dem
unendlichen Ozean der göttlichen Vollkommenheit und schlägt mit den
Flügeln über den reinen Seelen, um so den Balsam der Liebe in sie zu
träufeln.
Jene, die den Heiligen Geist haben, bringen nichts Böses hervor: alle Früchte des Heiligen Geistes sind gut.
Eine Seele, in welcher der Heilige Geist wohnt, verbreitet so lieblichen Duft wie ein blühender Weinstock.
Nehmt in die eine -Hand einen Schwamm, der sich angesaugt hat, in die
andere aber einen Kieselstein, und drückt sie beide! Aus dem Kiesel
wird nichts kommen, aus dem Schwamm jedoch viel Flüßigkeit. Der Schwamm
versinnbildet die vom Heiligen Geist erfüllte Seele, der Kieselstein
aber ist wie das kalte und harte Herz, worin der Heilige Geist nicht
wohnt.
Eine Seele, die den Heiligen Geist besitzt, findet so viel Genuß im Gebet, daß ihr die Zeit immer zu kurz vorkommt.
Der Heilige Geist ist gleich einem Menschen, der einen Wagen mit einem
guten Pferd hat, und uns einlädt, mit ihm da- oder dorthin zu fahren.
Wir brauchen nur "Ja" zu sagen und einzusteigen. - Der Heilige Geist
will uns in den Himmel führen. Wir brauchen da auch nur "Ja" zu sagen
und uns führen zu lassen.
Wie schön ist es, vom Heiligen Geist begleitet zu werden! Oh! Der ist
ein guter Führer! - Und doch gibt es Menschen, die ihm nicht folgen
wollen.
Jeden Morgen sollte man sprechen: "Mein Gott, sende mir Deinen Geist,
damit er mich erkennen lasse, was ich bin und was Du bist!"
Fragen wir die Verdammten: "Warum seid ihr in der Hölle?" Sie werden
uns antworten: "Weil wir dem Heiligen Geist widerstrebt haben". Fragen
wir dagegen die Heiligen: "Warum seid ihr im Himmel?" so werden sie uns
antworten: "Weil wir auf den Heiligen Geist gehört haben". Wenn uns
gute Gedanken kommen, so sind sie der Beweis dafür, daß der Heilige
Geist mit uns ist.
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