DIE PASTORAL-REGELN DES HL. PAPSTES GREGOR D. GR.
(übers. von Benedikt Sauter O.S.B., Freiburg / Brsg. 1904)
2. Fortsetzung (vgl. EINSICHT XIII,5 vom Dez. 1983, S.189 f.)
7. WIE EINIGE ZUWEILEN IN LÖBLICHER
WEISE NACH DEM PREDIGTAMTE VERLANGEN - UND WIE ANDERE IN EBENSO
LÖBLICHER WEISE ZU DEMSELBEN GENÖTIGT UND GEZWUNGEN WERDEN MÜSSEN.
Wenn zuweilen einige in löblicher Weise nach dem Predigtamte verlangen,
so ist es ebenso löblich, daß andere zu demselben Predigtamte genötigt
und gezwungen werden müssen. Dies sehen wir deutlich an dem Verhalten
zweier Propheten. Der eine bot sich für die Sendung zum Predigen
freiwillig an, der andere aber wehrte sich voll Zagen gegen eine solche
Sendung. Isaias stellt sich dem Herrn auf Seine Frage, wen er schicken
solle, freiwillig mit den Worten: "Sieh, hier bin ich, sende mich!"
(Is. 6,8). Jeremias dagegen wird gesandt und wehrt sich demütig gegen
diese Sendung, indem er spricht: "A a a, Herr, Gott! Siehe, ich kann
nicht reden, denn ich bin noch ein Kind!" (Jr. 1,6) Siehe da,
verschieden ist das äußere Wort, das aus dem Munde der beiden Propheten
hervorging, aber nicht verschieden ist die Quelle der Liebe, der das
Wort bei beiden Propheten entströmte.
Das Gebot der Liebe ist ein doppeltes, das der Liebe Gottes und der
Liebe des Nächsten. Um durch das tätige Leben dem Nächsten zu nützen,
verlangt Isaias das Predigtamt, Jeremias aber will durch das
beschauliche Leben mit der Liebe seines Schöpfers sich unablässig
beschäftigen und lehnt daher die Sendung zum Predigtamt ab. Wonach der
eine in löblicher Weise verlangt, davor bebt der andere in löblicher
Weise zurück. Dieser will den Gewinn stillschweigender Betrachtung
durch das Reden nicht verlieren, jener will nicht durch Stillschweigen
das Verdienst eifervoller Tätigkeit einbüßen. Bei beiden Propheten aber
muß man mit zartem Sinne wohl beachten: der Zagende widersteht nicht
durchaus und jener, welcher gesendet werden will, sieht sich zuvor
durch eine Kohle vom Altar gereinigt. Daraus erhellt, wie kein Unreiner
dem heiligen Dienste sich nahen darf, und wie derjenige, den die
göttliche Gnade dazu auserwählt hat, unter dem Schein der Demut nicht
stolz widerstehen soll. Weil es jedoch sehr schwer ist, selbst zu
erkennen, ob man gereinigt sei, so ist es sicherer, dem Predigtamte
auszuweichen. Doch darf man es, wie gesagt, nicht hartnäckig ablehnen,
wenn man erkennt, seine Übernahme sei des Obern Wille.
Beides hat Moses in bewundernswürdiger Weise beobachtet, da er einem so
großen Volke nicht Führer sein wollte und doch gehorchte. Stolz wäre er
vielleicht gewesen, wenn er ohne Zagen die Führerschaft eines so
zahlreichen Volkes auf sich genommen hätte. Aber Stolz wäre es auch von
ihm gewesen, wenn er sich geweigert hätte, dem Befehle des Schöpfers zu
gehorchen. Nach beiden Seiten also demütig, nach beiden Seiten
unterwürfig, wollte er in richtiger Selbsterkenntnis das Volk nicht
führen, willigte aber ein im Vertrauen auf die Kraft dessen, der ihm
befahl. Daraus sollen alle die, welche nach höheren Stellen jagen,
erkennen, was für eine Schuld sie auf sich laden, wenn sie sich nicht
scheuen, aus eigenem Gelüste das Vorsteheramt über andere zu erstreben,
da doch heilige Männer die Führung des Volkes, selbst wenn Gott befahl,
nur mit Furcht auf sich nahmen. Moses zitterte, da der Herr ihn
beauftragt, und ein Schwächling wagt es, nach Ehrenstellen zu jagen!
Wer schon durch seine eigene Last beinahe zu Fall gebracht wird, beugt
seine Schultern gern noch unter fremde Last, um sicher niedergedrückt
zu werden! Er kann sein eigenes nicht tragen und vermehrt noch durch
Fremdes seine Bürde!
8. VON SOLCHEN, DIE NACH DEM
VORSTEHERAMT STREBEN UND ZUR RECHTFERTIGUNG IHRES GELÜSTES AUF EINEN
APOSTOLISCHEN AUSSPRUCH SICH BERUFEN!
Nicht selten berufen sich solche, die ein Vorsteheramt begehren, zur
Beschönigung ihres Gelüstes auf den apostolischen Ausspruch: "Wenn
jemand das Bischofsamt verlangt, so verlangt er ein gutes Werk" (1 Tim
3,1). Hier lobt zwar der Apostel das Verlangen nach dem Bischofsamt
(Hirtenamt), verwandelt aber sofort das, was er gelobt hat, in einen
Gegenstand des Schreckens, indem er in demselben Atemzuge fortfährt mit
den Worten: "Ein Bischof (Hirte) aber muß untadelig sein" (1 Tim 3,2).
Was man aber unter dieser "Untadeligkeit" zu verstehen habe, das zeigt
die sofortige Aufzählung der für das Bischofsamt (Hirtenamt) nötigen
Eigenschaften. Der Ausspruch des Apostels ist also allerdings günstig
in Bezug auf die Anforderungen, die an einen Bischof gestellt werden.
Der Apostel sagt gleichsam: Ich lobe euer Verlangen, aber lernet zuerst
kennen, was ihr euch beeilt habt, dieselbe in hoher Ehrenstellung allen
Leuten zur Schau zu tragen.
Der hl. Paulus, dieser große Meister im Hirtenamte, hebt das Gute
dieses Amtes hervor, um zum richtigen Verlangen nach demselben
anzuspornen, und ebenso betont er den Ernst und die Verantwortung des
Hirtenamtes, um vor dem ungebührlichen Verlangen nach demselben
abzuschrecken. Er beschreibt die Tadellosigkeit, die für eine solch
hohe Würde erfordert wird, um den Stolz und den Ehrgeiz seiner Zuhörer
zu dämpfen, und er lobt das Hirtenamt, um zu einem gebührenden
Verlangen nach demselben anzuspornen.
Dabei ist noch zu beachten, daß der Ausspruch des Apostels zu einer
Zeit geschah, wo jeder Vorsteher der Gläubigen der erste war, der zum
Martertod geschleppt zu werden pflegte. Es war also damals gewiß
lobenswert, nach dem Bischofsamt (Hirtenamt) zu streben, da man dadurch
zweifellos zu einem härteren Martyrium gelangte. So wird wahrlich mit
Recht das Bischofsamt ein " gutes Werk " genannt und gesagt: "Wenn
jemand das Bischofsamt (Hirtenamt) verlangt, so verlangt er ein gutes
Werk." Wer also im bischöflichen Amte nicht dieses "gute Werk" des
Dienstes Gottes und des Heiles der Seelen, sondern nur seine eigene
Ehre sucht, der stellt damit selbst sich das Zeugnis aus, daß er nicht
das "bischöfliche Amt" im Sinne des Apostels sucht. Und wer nach der
Höhe des Hirtenamtes strebt und in seinen geheimen Gedanken sich daran
ergötzt, daß die übrigen ihm Untertan seien, sich am eigenen Lob
erfreut, in seinem Herzen nur nach Ehre verlangt, an reichem Einkommen
Gefallen findet - der hat nicht nur keine Liebe zum heiligen Amte,
sondern kennt dasselbe nicht einmal. Er sucht die Güter dieser Welt
unter dem Scheine jener Würde, durch welche eben die Gehaltlosigkeit
dieser Güter gezeigt werden sollte. Und weil das Herz zum Zweck der
Selbsterhebung den Ehrenrang der Demut zu erjagen gedenkt, so raubt es
der Stellung, die es äußerlich anstrebt, ihre innere Bedeutung.
9. OFT SCHMEICHELT SICH DAS HERZ
DERER, DIE NACH DEM HIRTENAMT VERLANGEN TRAGEN, MIT DEM EINGEBILDETEN
VORSATZ, GUTE WERKE AUSZUFÜHREN.
Solche, die nach dem Hirtenamt begehren, nehmen sich häufig vor,
alsdann manches Gute zu verrichten. Eigentlich beabsichtigen sie mit
diesem Vorsatz, ihren Stolz zu befriedigen, aber immerhin beschäftigt
sie dabei der Gedanke, Großes zu vollbringen. So ist etwas anderes das,
was die Absicht im tiefsten Innern verbirgt, etwas anderes das, was auf
der Oberfläche des Gedankens dem Geiste des Betreffenden vorschwebt.
Denn oft belügt sich der Geist über sich selber. Er gibt sich vor sich
selbst den Anschein, als ob er das gute Werk liebe, was er in
Wirklichkeit nicht liebt, als ob er die Ehre vor der Welt nicht liebe,
die er doch in Wahrheit liebt. Obwohl herrschsüchtig, zeigt er sich
furchtsam, solange er noch nach der Herrschaft s t r e b t , aber kühn,
wenn er die Herrschaft e r l a n g t hat. Solange er nach
ihr strebt, fürchtet er, sie nicht zu erlangen; sobald er sie aber
erlangt hat, redet er sich ein, es gebühre ihm von rechtswegen, was er
erlangt hat. Und wenn er einmal dahin gekommen ist, die erreichte
Vorsteher-Würde nach Weise der Welt zu genießen, so vergißt er leicht
und gerne die Absichten, die er früher in gottesfürchtiger Weise gefaßt
hatte.
Es ist daher notwendig, daß, sobald die Gedanken zu hoch fliegen, der
Geist schnell sich an das frühere Leben wieder erinnere, und daß ein
jeder erwäge, wie er sich als Untergebener verhalten habe; daraus wird
er sofort erkennen, ob er als Vorgesetzter das Gute, was er sich
vorgenommen, werde leisten können; denn nimmermehr wird in hoher
Stellung Demut lernen, wer in niederer Stellung den Stolz nicht
abgelegt hat. Derjenige versteht nicht, das gespendete Lob zu fliehen,
welcher gewohnt war, darnach zu dürsten, da er es entbehren mußte; und
wem sein Einkommen für die eigenen Bedürfnisse nicht hinreichte, der
kann nicht den Geiz besiegen, wenn er für den Unterhalt vieler zu
sorgen hat. Aus seinem vergangenen Leben also möge ein jeder sich
selbst kennen lernen, damit er nicht bei seinem Verlangen nach der Höhe
des Vorsteheramtes durch ein Trugbild seiner Gedanken getäuscht werde.
Es geht ja sehr häufig, wenn man ein Vorsteheramt antritt, sogar jene
gute Gewohnheit verloren, die man sich während der Zeit der Ruhe
angeeignet hatte; denn bei ruhigem Meere leitet auch ein Unerfahrener
das Schiff mit Sicherheit, wenn aber die Wellen vom Sturm gepeitscht
werden, gerät selbst ein kundiger Schiffsmann leicht in Verwirrung. Was
ist aber die höchste Stellung anders als ein Sturm in der Seele, in
welchem das Herzensschifflein immer durch Gedankenstürme gepeitscht und
fortwährend hin und her getrieben wird, bis es an den unbedachten
Verstößen in Wort und Werk wie an Klippen - endlich zerschellt? - Was
ist also da zu tun? An was für Regeln hat man sich zu halten? An keine
andere Regel als an diese, daß der Tugendhafte nur gezwungen das Amt
des Hirten zu übernehmen sich entschließe, der Tugendlose aber sich
nicht einmal durch Zwang zur Annahme bewegen lassen soll. |