CHRISTLICHE BEWÄHRUNG
von
Tatjana Goritschewa
(aus: "Die Rettung der Verlorenen, Bekenntnisse" Wuppertal (R. Brockhaus Verlag) 1982.)
Die Starzen lehrten uns, die Neubekehrten, daß man im geistlichen Leben
sich nicht beeilen kann, man müsse sich auf eine "lange Strecke"
vorbereiten. Sie lehrten Nüchternheit: kein plötzlicher Aufschwung,
keine mystischen Erleuchtungen, sondern tagtägliche prosaische schwere
Arbeit.
Starez Paisij Welitschkowskij nannte den Mönch "den Märtyrer des
Alltags". Und da es in der Orthodoxie keine prinzipiellen Unterschiede
zwischen Mönchtum und Welt gibt, hieß das: Jeder Christ muß in der
Prosa seines Alltags zur Vollkommenheit hin wachsen.
Wie geschieht dies? Wieder war es die Mutter Jesu, deren vollkommener
Gehorsam den Weg wies. Das Bild vom Leib als Tempel des Heiligen
Geistes macht deutlich, welch hohe Bedeutung Gott auch allem
Körperlichen seiner Schöpfung beimißt. Dazu kam dann konsequenterweise
die Idee der Keuschheit, einer reifen Keuschheit.
Früher sahen wir über die Moral hinweg, weil wir ihre Grundlagen nicht
begriffen. Inzwischen haben wir erkannt, daß die Sünde, auch die Sünde
der Körperentehrung, Unzucht und Ausschweifung, nicht irgendeine
menschliche Erfindung ist. Die Sünde ist ein ontologisches Phänomen.
Jede Sünde trennt von Gott, trennt den Menschen von sich selbst, bringt
den Tod. Oh, wie haben wir nunmehr verstanden, was Reinheit bedeutet,
wie wußten wir sie zu schätzen - wir, die früher nach einem
dialektischen hegelianischen Gesetz lebten, das verkündete, alles Reine
sei nichts anderes als das nicht aufgedeckte Schmutzige. Wir suchten
nun die Seligkeit derer, "die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott
schauen". |