Die hl. Hildegard an Anastasius IV., Papst von 1153-1154
O du leuchtende Wehr, Gipfel der leitenden Gewalt in der herrlichen,
zur Christusbrautschaft bestell-ten Stadt, höre den, dessen Leben ohne
Anfang ist und nie in Ermattung dahinschwindet.
O Mensch, das Auge deines Erkennens läßt nach, und du bist müde ge
worden, die stolzen Prahle-reien der Menschen zu zügeln, die deinem
Herzen anvertraut sind. Warum rufst du die Schiffbrüchigen nicht
zurück, die sich aus schwerer Gefahr nur durch deine Hilfe erheben
können? Und warum schneidest du die Wurzel des Bösen nicht ab, die die
guten, nützlichen, die wohlschmeckenden, süßduftenden Kräuter erstickt?
Die Königstochter Gerechtigkeit, die himmlische Braut, die dir
anvertraut ward, vernachlassigst du. Denn du duldest, daß diese
Königstochter zu Boden geworfen wird. Ihr Diadem und der Schmuck ihres
Gewandes werden zerrissen durch die Sittenroheit der Menschen, die wie
Hunde bellen und wie Hühner, welche manchmal in der Nacht zu gackern
anfangen, alberne Töne von sich geben. Heuchler sind sie, die mit ihren
Worten einen trügerischen Frieden zur Schau tragen, innerlich aber im
Herzen mit den Zähnen knirschen, wie der Hund, der die ihm bekannten
Freunde mit dem Schwanz anwedelt, den erprobten Krie ger hingegen, der
sich für das Königshaus einsetzt, mit den Zähnen beißt. Warum duldest
du die schlechte Lebensführung der Menschen, die in der Finsternis der
Torheit sind, alles Schädliche an sich ziehen, so wie die Henne, die
nachts schreit, sich selbst Schrecken einjagt ? Die so handeln, wurzeln
nicht im Guten.
Höre also, o Mensch, den, der die scharfe Unterscheidung überaus liebt.
Hat Er doch ein starkes Werkzeug der Geradheit eingesetzt, das wider
das Böse kämpfen soll. Das tust du aber nicht, wenn du das Böse,
welches das Gute ersticken will, nicht mit der Wurzel ausrottest.
Vielmehr duldest du, daß das Böse sich stolz erhebt, und zwar aus
Furcht vor den bösen Nachstellern im nächtlichen Hinterhalt, die das
Geld des Todes mehr lieben als die schöne Königstochter, die
Gerechtigkeit.
Alle Werke aber, die Gott gewirkt, strahlen hellstes Licht aus. Höre, o
Mensch! Bevor die Welt entstand, sprach der himmlische Vater in Seinem
Innern das Wort: "O Mein Sohn!" Und die Welt-kugel entstand, da sie den
Klang, der vom Vater ausging, aufnahm. Noch lagen die verschiedenen
Arten der Geschöpfe im Dunkel verborgen. Doch als - wie geschrieben
steht - Gott sprach: "Es werde!", traten die verschiedenen
Geschöpfesarten hervor. So wurden durch das Wort des Vaters und um des
Wortes willen alle Geschöpfe im Willen des Vaters gebildet.
Gott sieht und weiß alles voraus. Das Böse hingegen kann weder beim
Aufstehen noch beim Fallen durch sich etwas tun noch erschaffen noch
wirken, denn es ist nichts. Nur als trügerischer Wunsch und
aufrührerisches Phantasiegebilde ist es zu werten, so daß der Mensch
Böses tut, wenn er trügerisch und aufrührerisch handelt.
Gott sandte Seinen Sohn in die Welt, um durch Ihn den Teufel, der das
Böse umfangen, gezeugt und dem Menschen eingeflüstert hatte, zu
überwinden und dadurch den Menschen, der durch das Böse dem Verderben
verfallen war, zu erlösen. Deshalb verabscheut Gott die verkehrten
Werke, wie Unzucht, Mord, Raub, Aufruhr, Tyrannei und die Heucheleien
der Gottlosen. Denn Er hat all dies durch Seinen Sohn zertreten, der
die Beute des höllischen Tyrannen ganz und gar auseinandertrieb.
Daher, o Mensch, der du auf dem päpstlichen Throne sitzest, verachtest
du Gott, wenn du das Böse nicht von dir schleuderst, vielmehr es
küssend umfängst, da du es bei verdorbenen Menschen stillschweigend
duldest. Die ganze Erde ist in Verwirrung infolge der immer neuen
Irrlehren, da der Mensch das liebt, was Gott zunichte gemacht hat. Und
du, o Rom, liegst wie in den letzten Zügen. Du wirst so erschüttert
werden, daß die Kraft deiner Füße, auf denen du bis jetzt gestanden,
dahinschwindet. Denn du liebst die Königstochter, die Gerechtigkeit,
nicht mit glühender Liebe, sondern wie im Schlafes taumel, so daß du
sie von dir treibst. Darum will auch sie von dir fliehen, wenn du sie
nicht zurückrufst. Trotzdem werden die hohen Berge dir noch die Kraft
ihrer Hilfe bieten, dich aufrichten und stützen mit den starken Stämmen
ihrer hohen Bäume, so daß du nicht ganz und gar zusammensinkst in
deiner Ehre, das heißt in der Würde der Christusvermählung. So bleiben
dir wenigstens noch einige Flügel deiner Schönheit, bis der Schnee
mannigfacher Spötteleien kommt, die viel Torheit ausblasen. Hüte dich
also, dich mit dem Brauch der Heiden einzulassen, damit du nicht fällst.
Höre also Ihn, der lebt und nicht aus dem Weg geräumt werden kann: Die
Welt ist jetzt voller Ausschweifung, später wird sie in Traurigkeit
sein, dann so sehr in Schrecken, daß die Menschen sich nichts daraus
machen, getötet zu werden. Bei all dem sind bald Zeiten der
Ausgelassenheit, bald der Zerknirschung, bald Zeiten, wo es blitzt und
donnert von allerlei Bosheiten. Denn das Auge stiehlt, die Nase
wittert, der Mund tötet. Vom Herzen aber geht Heilung aus, wenn das
Morgenrot wie der Glanz eines ersten Aufgangs sichtbar wird. Unsagbar
ist, was dann in neuem Verlangen und neuem Eifer folgt.
Er aber, der ohne Minderung groß ist, hat jetzt ein kleines Zelt
berührt, damit es Wunder schaue, unbekannte Buchstaben bilde und eine
unbekannte Sprache erklingen läßt. Und es ward ihm gesagt: „Das, was du
in der Sprache, die dir von oben her kundgetan wurde, aussagst - nicht
in gewohnter mensch licher Ausdrucksweise, denn diese ward dir nicht
gegeben -, soll der, der die Feile hat, eifrig glätten, damit es für
die Menschen den entsprechenden Klang erhalte."
Du aber, o Mensch, der du zum sichtbaren Hirten bestellt bist, steh
auf, eile schneller zur Gerechtigkeit, so daß du vor dem großen Arzt
nicht angeklagt wirst, du habest Seine Herde nicht vom Schmutz
gereinigt noch sie mit Öl gesalbt. Wenn aber der Wille um die Vergehen
nicht weiß und der Mensch das Begehrte nicht an sich reißt, wird er gar
nicht dem schweren Gerichte verfallen. Die Schuld dieser Unwissenheit
aber wird durch Geißeln gereinigt. Daher, o Mensch, steh auf geradem
Wege, und Gott wird dich retten. In die Hürde des Segens und der
Auserwählung wird er dich zurückführen, und du wirst ewig leben.
(Eine Antwort auf diesen Brief ist nicht bekannt.)
(aus: Adelgundis Führkötter: "Hildegard von Bingen - Briefwechsel", Salzburg 1965, S. 39ff.) |