47. Jahrgang Nr. 4 / November 2017
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Fortsetzung
 
Schließlich werfen sie der Philosophie unserer Gelehrtenschulen noch dies als Mangel vor, daß sie im Erkenntnisvorgang nur den Verstand berĂŒcksichtige, die TĂ€tigkeit des Willens aber und der GemĂŒtsbewegungen vernachlĂ€ssige. Dies entspricht nicht der Wahrheit. Denn niemals hat die christliche Philosophie den Nutzen und die Wirksamkeit geleugnet, welche die gute Ordnung der gesamten SeelenkrĂ€fte fĂŒr die volle Erkenntnis und Erfassung der religiösen und sittlichen Wahrheiten hat. Vielmehr hat sie immer gelehrt, daß das Schwinden einer solchen Ordnung der Grund dafĂŒr sein kann, warum der Verstand unter dem Einfluß der Leidenschaften und des bösen Willens so sehr verdunkelt werden kann, daß er nicht mehr richtig sieht.

Mehr noch, der „Doctor communis“ hĂ€lt dafĂŒr, daß der Verstand auf irgendeine Weise die höheren GĂŒter, sei es der natĂŒrlichen oder der ĂŒbernatĂŒrlichen, des Bereiches der sittlichen Ordnung erfassen könne, insofern er in der Seele eine gewisse affektive „Gemeinschaft im Wesen“ 9) mit diesen GĂŒtern erfĂ€hrt, sei dieselbe von Natur aus, oder sei sie durch eine geschenkte Gnade hinzugefĂŒgt 10). Es versteht sich, wie sehr ein derartiges, wenn auch nur etwas dunkles Erkennen fĂŒr die forschenden BemĂŒhungen der Vernunft eine Hilfe sein kann. Dies bedeutet, dem Bereich der Stimmungen des Willens die Kraft zuzuerkennen, der Vernunft zu helfen, eine sicherere und festere Erkenntnis der sittlichen Dinge zu erlangen. Etwas ganz anderes bedeutet es aber, was diese „Neuerer“ dringend fordern: daß nĂ€mlich den FĂ€higkeiten des verlangenden Suchens und des begehrenden Strebens eine gewisse intuitive Kraft zuzuerkennen sei; und daß der Mensch, wo er durch BetĂ€tigung der Vernunft nicht mit Sicherheit erkennen kann, was fĂŒr wahr zu halten ist, sich zum Willen hinneigen solle, mittels dessen er unter entgegengesetzten Meinungen durch einen freien Entschluß selbst eine Wahl treffen könne. Hierbei werden die Erkenntnis und die TĂ€tigkeit des Willens in ein ungeordnetes Durcheinander gebracht.

Es ist nicht verwunderlich, daß diese neuen Ansichten zwei philosophische FĂ€cher in Gefahr bringen, die ihrer Natur nach sehr eng mit der Glaubenslehre verbunden sind: nĂ€mlich die „Theodizee“ und die „Ethik“. Die Gegner sind der Ansicht, daß es nicht die Aufgabe dieser beiden FĂ€cher sei, irgendetwas Sicheres ĂŒber Gott oder ein anderes transzendentes Wesen wissenschaftlich zu beweisen, sondern vielmehr zu zeigen, wie dasjenige, was der Glaube ĂŒber den persönlichen Gott und Seine Gebote lehrt, vollkommen mit den BedĂŒrfnissen des Lebens zusammenhĂ€ngt, und wie es daher von allen anzunehmen sei, um vor der Verzweiflung zu bewahren und das ewige Heil zu erreichen. Dies alles steht in offenem Widerspruch mit den Entscheidungen Unserer VorgĂ€nger Leo XIII. und Pius X. Ebenso ist es auch unvereinbar mit den Dekreten des Vatikanischen Konzils. Es gĂ€be keine Veran-lassung, solche Abirrungen von der Wahrheit betrauern zu mĂŒssen, wenn alle, auch auf dem Gebiet der Philosophie, ihren Sinn mit der gebĂŒhrenden Ehrfurcht auf das Lehramt der Kirche richten wĂŒrden. GemĂ€ĂŸ göttlicher Einrichtung ist es dessen Aufgabe nicht nur, den Schatz der von Gott geoffenbarten Wahrheit zu bewahren und zu erklĂ€ren, sondern auch ĂŒber die philosophischen FĂ€cher zu wachen, damit die katholischen Glaubenlehren durch unrichtige GrundsĂ€tze und Meinungen keinerlei Schaden leiden.

IV.

Es verbleibt Uns jetzt noch, zu den Fragen Stellung zu nehmen, die, wenn sie sich auch auf die sogenannten positiven Wissenschaften beziehen, dennoch mehr oder weniger mit den Wahrheiten des christlichen Glaubens zusammenhĂ€ngen. Nicht wenige stellen ja dringend die Forderung, die katholische Religion möge diese „wissenschaftlichen“ Fachgebiete möglichst stark berĂŒcksichtigen. Das ist in der Tat lobenswert, wo es sich um wirklich bewiesene Tatsachen handelt; es ist jedoch mit Vorsicht aufzunehmen, wo es sich mehr um die Frage von Hypothesen handelt, auch wenn sie irgendwie auf irdischer Wissenschaft beruhen, durch welche die in der Heiligen Schrift oder in der Tradition enthaltene Glaubenslehre berĂŒhrt wird. Wenn solche von Vermutungen ausgehenden Meinungen direkt oder indirekt gegen die von Gott geoffenbarte Glaubenslehre sind, dann kann eine derartige Forderung in keiner Weise zugelassen werden.

Deshalb verbietet es das Lehramt der Kirche nicht, daß die Theorie des Evolutionismus, insoweit da Forschungen angestellt werden ĂŒber die Herkunft des menschlichen Leibes aus einer bereits bestehenden, lebenden Materie – wĂ€hrend ja der katholische Glaube uns verpflichtet, daran festzuhalten, daß die Seelen unmittelbar von Gott geschaffen sind – gemĂ€ĂŸ dem augenblicklichen Stand der welt-lichen Wissenschaften und der heiligen Theologie, Gegenstand von Untersuchungen und Besprechungen gelehrter Fachleute auf beiden Gebieten sei. Und zwar sollen die BegrĂŒndungen fĂŒr beide Ansichten, also der begĂŒnstigenden und auch der ablehnenden, mit gebĂŒhrendem Ernst, besonnen und maßvoll abgewogen und beurteilt werden; unter der Voraussetzung, daß alle bereit sind, dem Urteil der Kirche Folge zu leisten, welcher von Christus das Amt anvertraut worden ist, sowohl die Heilige Schrift authentisch zu erklĂ€ren, als auch die Dogmen des Glaubens zu schĂŒtzen 11).

Einige ĂŒberschreiten nun in unbesonnener Verwegenheit diese Freiheit der Erörterung, indem sie so tun, als sei sozusagen der Ursprung des menschlichen Leibes aus einer bereits bestehenden und lebenden Materie durch bis jetzt gefundene Indizien und durch Schlußfolgerungen aus diesen Indizien bereits mit vollstĂ€ndiger Sicherheit bewiesen; und angeblich liege aus den Quellen der göttlichen Offenbarung kein Grund vor, welcher auf diesem Gebiet die allergrĂ¶ĂŸte MĂ€ĂŸigung und Vorsicht verlangen wĂŒrde.

Wenn es sich jedoch um eine andere auf Mutmaßung beruhende Meinung handelt, nĂ€mlich den sogenannten „Polygenismus“, so genießen die Söhne der Kirche keineswegs eine derartige Freiheit. Denn die ChristglĂ€ubigen können sich nicht einer Meinung anschließen, deren AnhĂ€nger entweder behaupten, daß es entweder nach Adam hier auf Erden wirkliche Menschen gegeben habe, welche nicht von ihm, als dem Stammvater aller, auf dem Weg der natĂŒrlichen Zeugung abstammen; oder aber, daß „Mann“ eine Menge von StammvĂ€tern bezeichne. Denn es wird auf keine Weise klar, wie eine derartige Ansicht in Übereinstimmung gebracht werden könnte mit dem, was die Quellen der geoffenbarten Wahrheit und die Akten des Lehramtes der Kirche ĂŒber die »ErbsĂŒnde« sagen: daß dieselbe aus der wirklich begangenen SĂŒnde des einen Adam hervorgeht, und daß sie durch die Geburt auf alle ĂŒberging, und jedem einzelnen innewohnt und zu eigen ist 12).

V.

Wie in den biologischen und anthropologischen Fachgebieten, so ĂŒberschreiten auch in den historischen einige verwegen die von der Kirche festgelegten Grenzen und Vorsichtsmaßregeln. Besonders beklagenswert ist eine gewisse allzu freie Art und Weise in der Auslegung der geschichtlichen BĂŒcher des Alten Testamentes. Um ihre GrĂŒnde zu verteidigen, berufen sich deren BegĂŒnstiger zu Unrecht auf ein Schreiben, das vor nicht langer Zeit von der PĂ€pstlichen Bibelkommission an den Erzbischof von Paris gerichtet wurde 13). Dieses Schreiben mahnt nĂ€mlich ausdrĂŒcklich, daß die ersten elf Kapitel der Genesis – wenn sie auch eigentlich nicht derjenigen Art und Weise der Geschichtsschreibung entsprechen, wie sie von den hervorragendsten griechischen und lateinischen Schriftstellern, und auch von den Fachgelehrten unseres Zeitalters angewendet wurde – nichtsdestoweniger in einem ganz wahren Sinn, der von den Exegeten noch weiter zu erforschen und zu erklĂ€ren ist, zur Gattung der geschichtlichen Darstellung gehören. Die gleichen Kapitel, so heißt es weiter, berichten in einer einfachen und bildhaften, der Denkart eines wenig gebildeten Volkes angepaßten Sprache einerseits die Hauptwahrheiten, die fĂŒr die Erlangung unseres Heiles von grundlegender Bedeutung sind; andererseits geben sie aber auch einen volkstĂŒmlichen Bericht vom Ursprung des Menschengeschlechtes und des auserwĂ€hlten Volkes.

Wenn auch die alten inspirierten Verfasser der Heiligen Schrift einiges aus den volkstĂŒmlichen ErzĂ€hlungen entnommen haben – was unstreitig zugegeben werden kann –, so darf man doch nie vergessen, daß sie es unter dem Anhauch der göttlichen Inspiration taten, durch den sie bei Auswahl und Entscheidung betreffs jener Urkunden vor allem Irrtum von vornherein bewahrt wurden. Es können auch die in der Heiligen Schrift aufgenommenen volkstĂŒmlichen ErzĂ€hlungen in keiner Weise mit Mythologien oder Ă€hnlichem auf die gleiche Stufe gestellt werden, da letztere mehr aus einer ausschweifenden Einbildungskraft als aus einem Streben nach Wahrheit und Einfachheit hervorgehen, welches in den BĂŒchern des Alten Testamentes so sehr in die Augen fĂ€llt. Darum muß auch von unseren inspirierten Verfassern gesagt werden, daß sie alle antiken Profanschriftsteller offenkundig ĂŒbertreffen.

Wir wissen nun freilich, daß die meisten katholischen Lehrer, welche die FrĂŒchte ihrer Studien den UniversitĂ€ten, den Priesterseminarien und den Kollegien der Ordensleute zukommen lassen, weit von diesen IrrtĂŒmern entfernt sind, die heute – sei es aus der Begierde nach Neuigkeit, sei es aus einem gewissen ĂŒbertriebenen Eifer des Apostolates heraus – offen oder verborgen unter die Leute gebracht werden. Wir wissen aber auch, daß derlei neue Auffassungen die Unvorsichtigen anzulokken vermögen. Und darum wollen Wir ihnen lieber gleich beim Beginn entgegentreten, als dann erst das Heilmittel darreichen, wenn sich die Krankheit bereits fest eingenistet hat. Um daher Unserer heiligen Amtspflicht nicht mangelhaft nachzukommen, befehlen Wir, nach reiflicher AbwĂ€gung und Überlegung der Angelegenheit vor dem Herrn, den Bischöfen und Oberen der Ordensgemeinschaften unter schwerster Verpflichtung fĂŒr ihr Gewissen, mit allergrĂ¶ĂŸtem Eifer dafĂŒr zu sorgen, daß in den Gelehrtenschulen, bei ZusammenkĂŒnften und in Schriften irgendwelcher Art solcherlei Ansichten weder vorgebracht, noch auch an die Kleriker oder an die ChristglĂ€ubigen auf irgendwelche Art und Weise weitergegeben werden.

Alle, die in kirchlichen Einrichtungen lehren, sollen wissen, daß sie die ihnen anvertraute Aufgabe des Lehrens nicht ruhigen Gewissens ausĂŒben können, wenn sie die von Uns erlassenen Normen der Glaubenslehre nicht heilig annehmen und beim Unterricht der Auszubildenden genauestens befolgen. Diese schuldige Ehrfurcht und diesen Gehorsam, die sie fortwĂ€hrend bei ihrer angestrengten TĂ€tigkeit dem Lehramt der Kirche entgegenbringen mĂŒssen, sollen sie auch dem Verstand und und den Seelen der Auszubildenden einflĂ¶ĂŸen.

Schluß

Mit aller Kraft und Anstrengung mögen sie ihre LehrfĂ€cher gedeihen lassen; aber sie sollen sich auch davor hĂŒten, die von Uns zum Schutz der Wahrheit des Glaubens und der katholischen Lehre bestimmten Grenzen zu ĂŒberschreiten. Auf die neuen Fragen, wie sie die heutige Kultur und der Fortschritt des Zeitalters in den Mittelpunkt stellt, sollen sie sehr genau ihre Aufmerksamkeit richten: jedoch mit der gebotenen Klugheit und Vorsicht. Schließlich sollen sie nicht, einem falschen „Irenismus“ huldigend, meinen, die Getrennten und Irrenden könnten glĂŒcklich zum Schoß der Kirche zurĂŒckgefĂŒhrt werden, wenn man nicht allen aufrichtig die ganze unverkĂŒrzte in der Kirche blĂŒhende Wahrheit, ohne jegliche Entstellung und jeden Abstrich, vortrĂ€gt und anvertraut. Auf diese Hoffnung gestĂŒtzt, die durch Eure Hirtensorge wĂ€chst, erteilen Wir als Vorzeichen himmlischer Gaben und als den Beweis Unseres vĂ€terlichen Wohlwollens Euch allen einzeln, EhrwĂŒrdige BrĂŒder, wie auch Eurem Klerus und Volk sehr liebevoll den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter am am 12. August des Jahres 1950, im zwölften Jahr Unseres Pontifikats.

Pius PP. XII.

Anmerkungen:
1) Übersetzung nach der Fassung des Wiener Diözesanblatts
2) Vaticanum I, Const. de fide cath., cap. 2, de relevatione.
3) CJC 1917 can. 1324.
4) Lc 10,16.
5) Pius IX., Inter gravissimas, vom 28.10.1870.
6) Vaticanum I, Const. de fide cath., cap. 1, de Deo rerum omnium creatore.
7) Mystici Corporis vom 29. Juni 1943.
8) CJC 1917 can. 1366,2.
9) „Connaturalitas“.
10) Thomas von Aquin, S.th.II-II,q.1,a.4 ad 3 sowie q.45, a.2 8 in corp.
11) Ansprache Pius' XII. an die Mitglieder der Akad. d. Wissenschaften vom 30.11.1941, AAS XXXIII, p.506.
12) Röm 5,12-19; Konzil von Trient, V. Sitzung, can. 1-4.
13) Schreiben vom 16. Januar 1948.


 
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