47. Jahrgang Nr. 4 / November 2017
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Wer in der modernen Welt
 
"Wer in der modernen Welt nicht den Schwefel wittert,
hat keinen Geruchssinn"

 
- Nicolàs Gómez Dávila: "Auf verlorenem Posten" -

von
Werner Olles

Mitte Februar fällte der Hessische Verwaltungsgerichtshof in Kassel sein endgültiges Urteil: Das Kreuz im Sitzungssaal des Dietzenbacher Kreishauses muß auch künftig während der Kreistagssitzungen abgenommen werden. In "Übereinstimmung mit dem Bundesverfassungsgericht" gestanden die Richter jedermann einen "Abwehranspruch" zu, der mit dem Symbol der christlichen Religion in öffentlichen Räumen konfrontiert wird, ohne Möglichkeit des Ausweichens.

Im Falle des Dietzenbacher Kreuzes hatte die Kreistagsfraktion der Grünen und deren stellvertretende Fraktionsvorsitzende Chmelik geklagt, weil sie "die Verpflichtung des Staates zu religiöser Neutralität und den Respekt vor allen Religionen und Weltanschauungen" verletzt sahen (siehe Einsicht Nr. 6, Sept. 2OO2). Sie fühlten sich nunmehr "vollauf bestätigt", während die Abgeordneten von CDU und Freien Wählern (FWG) ihre Enttäuschung über den höchstrichterlichen Spruch zum Ausdruck brachten. Der Kreistagsvorsitzende Faust (CDU) will das Kreuz jetzt vor Beginn der Kreistagssitzungen abhängen, wenn Chmelik und ihre sechs grünen Mitstreiter anwesend sind, um es anschließend wieder anzubringen. Auch steht noch der Beschluß des Verwaltungsgerichts Darmstadt in dieser Sache aus.

Während Bürgermeister von anderen Gemeinden des Kreises Offenbach angesichts des Kasseler Richterspruchs jetzt vor Nachahmungstätern bangen, weil auch in ihren Sitzungssälen - bislang unbeanstandet - Kruzifixe hängen, geht man im Main-Taunus-Kreis offenbar den umgekehrten Weg. Nach einem Antrag von Heiner Kappel (Die Freien Bürger - dfb), als deutliches Zeichen des Bekenntnisses zur christlich-abendländischen Kultur im Sitzungssaal des Kreises ein Kreuz anzubringen, hat der CDU-Fraktionsvorsitzende Ulrich Krebs vor Beginn der Plenarsitzung dem Kreistagsvorsitzenden Lauck (CDU) ein Kreuz überreicht. Über seine Aufstellung muß jedoch zunächst der Ältestenausschuß beraten. Allerdings hat die SPD-Fraktion bereits ihr Unbehagen darüber ausgedrückt und darauf verwiesen, daß die staatliche Neutralität gegenüber anderen religiösen Bekenntnissen nur unter Verzicht auf das Anbringen von Kreuzen gewährleistet sei. Kreistagsvorsitzender Lauck sieht das Kreuz hingegen als Symbol der europäischen Christenheit und - kulturgeschichtlich und religionssoziologisch sind halt auch einigermaßen gutwillige Gewohnheitschristen auf den Hund gekommen, und vom Wesen der christlichen Religion ist auch hier so gut wie nichts mehr bekannt - als "Symbol des europäischen Humanismus".

Zwei Dinge lehren uns diese Debatten immerhin: Die Religion ist entgegen des Geschwätzes einiger Neunmalkluger selbst in Deutschland immer noch ein soziales Machtphänomen; und die Behauptung, daß zwischen Religion und Gesellschaft oder zwischen Staat und Religion kein innerer Wesenszusammenhang besteht, ist schlicht unwahr. Spätestens beim Auseinanderbrechen des jugoslawischen Völkerkerkers in den neunziger Jahren konnte man wieder einmal sehen, welche Macht die religiösen Konflikte besaßen. Für saturierte westliche Dauerpubertierende mag es indes nicht einmal im Traum vorstellbar sein, wie Menschen außerhalb unserer demokratischen Disneyparks leben, kämpfen und sterben, und daß dort immer noch der Grundsatz gilt: Das Leben ist hart, es besteht aus Kampf, und es gibt nichts als Leiden. Darüber hinaus bewahrheitet sich auch hier wieder, daß "die christliche Religion ein Kampffeld in der Welt ist, auf dem viele Schlachten geschlagen, aber sehr wenige Siege gefeiert werden" (Diether Wendland).

Wenig ersprießlich dürfte es hingegen sein, die Grünen auf die Tragweite ihres Tuns aufmerksam zu machen. Angebracht wäre da eher schon die theologische Frage, wieso es glaubenslose Menschen geben kann, vor allem aber wie ein religionsloser Mensch existiert, ob er ein privat konstruiertes Ethos hat, das von Görres so gefürchtete "kirchenlose Christentum" vertritt oder der Sache des Glaubens konsquent und folgerichtig radikal nihilistisch begegnet: "Dios o nada - Gott oder Nichts" war der Wahlspruch der Heiligen Teresa. Unsere weitestgehend apostasierte Gesellschaft, in der der Homo Irreligiosus, der Neuheide also, den Ton angibt, möchte sich auf diese christliche Wahrheit jedoch nicht so gerne einlassen und hat uns mit dem bekennenden Atheisten Jean-Paul Sartre ein grausames Bekennntis des Unglaubens hinterlassen: "Die Hölle, das sind die anderen."

In der einem antiautoritären Kinderladen ähnelnden modernen Unkulturlandschaft entwirft sich daher heutzutage jedermann seine eigene Privatreligion. Dazu braucht es natürlich kein Kreuz, denn wenn man sich selbst frech an die Stelle Gottes setzt, könnte dieses Kreuz einen ja daran erinnern, daß das Opfer des göttlichen Menschensohnes gerade auch im geistig und geistlich abgewirtschafteten christlichen Abendland die einzige Hoffnung ist, die die aus unserer menschlichen Existenz geborene Verzweiflung heilen kann, wenn wir Ihm nur unbeirrt folgen. Und in der Tat spricht die Hl.Schrift mit aller Deutlichkeit vom Haß der Welt, der sich aus dem absoluten Wahrheitsanspruch der Kirche und ihrem Bekenntnis, daß es außerhalb von ihr kein Heil und keinen Lebenssinn geben kann, speist. Es ist dieses Bestreiten der Möglichkeit im Weltlichen Sinnerfüllung finden zu können, was die Feinde der Kirche und des Kreuzes so aufbringt: "Wir sind aus Gott, aber die Welt steht unter der Macht des Bösen" (1 Joh 5,19). Immer bleibt also zwischen Kirche und Welt ein Gegensatz, ein Widerspruch. "Wenn es Gott nicht gibt, dann ist alles erlaubt", hat schon Dostojewskij gesagt. Im übrigen steht nirgendwo geschrieben, daß ein gläubiger Christ der staatlichen Autorität unbedingten Gehorsam schuldet.

Zum Wertvollsten in und an der Kirche gehören die Symbole. Luther, ein schrecklicher Verschwender, hat sie weggeworfen wie alten Plunder. Unsere modernen glaubenslosen Mitmenschen, die über Auschwitz und den Archipel Gulag immer noch entsetzt sind, obwohl diese Orte des Bösen ihnen doch nur die gottlose Maske vom Gesicht gerissen haben, pflegen dagegen ihren ganz speziellen Privatglauben. Er trage doch auch sein goldenes Kreuzchen auf der Brust, meinte ein sozialdemokratischer Politiker anläßlich der oben geschilderten Debatte treuherzig, aber in öffentlichen Räumen könnte das Kreuz Andersdenkende doch nur verstören. Kein Ausdruck ist zu hart, um die Dummheit dieses Menschen, diese geradzu verbrecherische Dummheit zu kennzeichnen.

Die erstaunliche Geistlosigkeit und erscheckende Dekadenz dieser Herrschaften, die zwar ständig die Worte "Humanität", "Toleranz" und "Zivilgesellschaft" wiederkäuen, aber Kriege und Revolutionen vorbereiten, sich im Schlamm des epikureischen Hedonismus wälzen und eine Gesellschaftsordnung verherrlichen, die - denkt man z.B. an den Abtreibungsboom - kein bißchen humaner ist als der National- oder der Internationalsozialismus oder eine Horde hungriger Raubtiere im Dschungel, ist eine einzige geistige Bankrotterklärung. Einerseits verspürt man brennendes Mitleid mit ihnen, andererseits darf man auch Genesis 8, 21 nicht vergessen: "Von Kindheit an ist der Sinn des Menschen auf das Böse gerichtet."

Für uns Christen ist hingegen allein der gekreuzigte Jesus Christus das "Licht der Wahrheit", wie es im Johannesprolog heißt. Dieses Licht haben wir auch jenen zu bringen, die ihm heute noch ferne stehen. Manchmal kommt die Gnade des Glaubens spät, aber gerade der verlorene Sohn ist Gott willkommen. Auf dem Grabstein des großen schwedischen Dichters Johan August Strindberg, der sich nach sektiererischer Frömmelei und einer längeren atheistischen Trotzphase bis zu seinem Tod in einem unablässigen Ringen um einen persönlichen Bezug zu seinem Schöpfer befand, stehen die Worte: "AVE O CRUX, SPES UNICA - Sei gegrüßt o Kreuz, du einzige Hoffnung."
 
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