49. Jahrgang Nr. 1 / Februar 2019
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1. Die Gottesfrage
2. Vererbung, Eugenik und schmerzlose Geburt
3. Ohne Kinder keine Zukunft!
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6. Grenze und Maß
7. Beten wir vergeblich?
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Die Gottesfrage
 
Die Gottesfrage

von
Bischof Dr. Günther Storck +


Zitiert nach: Beitrage Nr. 143, Dezember - Januar 2018 /2019

(Teil 17) Wir hatten in der Predigt des letzten Montags die eigentlichen Inhalte der christlichen Theologie, der christlichen Lehre von Gott, schon auszuführen begonnen. Ich hatte ausgeführt, dass Gott der Schöpfer ist, der eine gute Schöpfung geschaffen hat. Der Ausdruck dieser von Gott als gut geschaffenen Schöpfung ist das Paradies.

Ich darf übrigens noch einmal kurz darauf hinweisen, dass die religiöse Sprache hier für die Erschaffung der Welt einen eigenen Ausdruck, einen eigenen Namen geprägt hat, nämlich "Schöpfung". Das hängt ja mit Schaffen zusammen. Die Sprache wählt übrigens schon im Hebräischen für diesen Vorgang der Schöpfung der Welt durch Gott, eben weil er unvergleichlich anderer Art ist als jeder andere Schaffensvorgang, einen eigenen Ausdruck. Das ist das, was wir in unserer Sprache "Schöpfung" nennen. Gott ist der Schöpfer, der Erschaffer von Himmel und Erde aus Nichts.

Das ist ja der prägnante dogmatische Ausdruck. Gott hat die Welt aus Nichts geschaffen! Und das heißt, dieses "Nichts" ist tatsächlich Nichts! Es ist nicht etwa eine verborgene Materialität, aus der Gott und mit Hilfe deren Gott die Welt schafft! Gott hat sie aus Nichts geschaffen! Das soll heißen, Gott allein ist der Grund, Gott allein ist die Ursache für die gesamte Schöpfung!

Hier sehen wir das, was ja für alle Gottesthematik grundlegend wichtig ist: Dass Er der Allmächtige ist. Er kann alles! Er tut und vermag alles! Allmacht und Güte oder Heiligkeit sind die grundlegenden Charaktere Gottes. Die Allmacht ist dabei noch Seiner Heiligkeit unterworfen! Sonst hätten wir einen Willkür-Gott, wie ihn ja manche Philosophien, manche Theologien - denken Sie nur an Calvin (1509 - 1564) oder im Mittelalter an den hier in München begraben liegenden nominalistischen Philosophen Wilhelm von Ockham (ca.1288 -1347), der die These vertreten hat, wenn Gott es wollte, dann wäre auch der Mord gut! Das wäre also die Moral der Willkür, eine Willkürmaßnahme Gottes.

Ich darf auch kurz darauf hinweisen, dass dies natürlich eine Entsprechung auch im politischen Sinn hat. Man kann dann die Herrschaft des Kaisers, etwa im Mittelalter - denken Sie an Ockham - oder die demokratische Herrschaft so verstehen, dass man sagt, alles was dieser Herrscher oder dieses Volk - man denke an die moderne Demokratie - tut, ist recht, ist automatisch schon gut! Dann wäre die Willkür, die absolute Willkür hier entscheidend! Aber so hat man überwiegend in der abendländischen Geschichte nicht gedacht, sondern man hat immer die Macht gebunden an das Recht. Und dadurch ist ja überhaupt der Rechtstaat möglich geworden!

Und genau so ist es in Gott auch: Die absolute Macht ist Seinem heiligen Willen untertan! Besonders schön wird das ja deutlich - ich hab schon häufiger darauf hingewiesen - im Gloria, wo von Christus gesagt wird: Du allein bist heilig, Du allein bist Herr! Die Heiligkeit begründet Seine Herrschaft! Die sanctitas Seine dominatio! Bei den Heiden ist es genau umgekehrt.

Denken Sie auch in der Antike an die Herrschaften der Heiden, an den Pharao in Ägypten: Der Pharao war als Herrscher Sohn Gottes. Bei Christus ist es genau umgekehrt: Er ist als Sohn Gottes der Herrscher. Und das drückt sich besonders darin aus, dass Er völlig dem Willen des Vaters gehorsam ist - bis zum Kreuz! Hier sieht man, wie weit der Gehorsam Jesu Christi geht, und das führt eben dazu, dass die Kirche im Gloria formuliert: Du allein bist heilig - im Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters -, und deshalb ist Christus auch der Herr, der Herr aller Herren! Gott hat die Schöpfung erschaffen, Er hat sie gut erschaffen! Der Mensch in seiner Freiheit ist gut! Im Konzil von Trient (1545 - 1563) - ich habe das auch schon erwähnt und deute es noch einmal an - wird ganz beiläufig, aber sehr zutreffend gesagt, der ursprüngliche Mensch sei "in Heiligkeit und Gerechtigkeit" erschaffen.

Das Böse stammt also nicht aus Gott! Aber das habe ich beim letzten Mal schon erwähnt, ganz wichtig! Auch heute sehr wichtig für den wahren Gottesbegriff, für den wahren und rechten Gottesglauben, dass man sich befreit von aller Gnosis, von der Auffassung nämlich, dass es zwei Prinzipien gibt, Gut und Böse, einen guten Gott, einen bösen Gott, eine Auffassung, die sich immer wieder verbreitet und immer wieder auch Anhänger findet! Gibt es aber zwei Götter oder gibt es mehrere Götter, gibt es in Wirklichkeit keinen Gott! Denn keiner ist allmächtig, keiner ist in der Lage, seine Herrschaft und seine Macht durchzusetzen! Hier sehen Sie übrigens den Unfug oder das Ungenügende, wenn man von einem Polytheismus ausgeht!

Der Glaube der Offenbarung ist der Glaube an einen einzigen Gott! Der Monotheismus ist vernunftgemäß der rechte Glaube und die rechte Annahme, die rechte Vorstellung von Gott!

Das Böse kommt also aus der Freiheit der Kreatur! Aus der Freiheit des Engels im Falle Luzifers - wir brauchen darüber in diesem Zusammenhang nicht weiter zu sprechen -, ebenso aus der Freiheit der ersten Menschen. Adams Sünde, Evas Sünde ist, so sehr sie versucht worden sind durch die Schlange, durch das Böse, auf der anderen Seite eben doch eine aus der Freiheit kommende Zustimmung! Das ist übrigens immer sehr wichtig, ich darf das hier auch gleich nochmal anmerken: Der Mensch ist frei, man kann nicht sagen, er wird verführt, man muss immer sagen: Er lässt sich verführen!

Es gibt immer wieder Menschen, die nur die eine Seite sehen, dass - sagen wir einmal - ihm Gewalt angetan wird, auch politisch. Die andere Seite ist eben die Frage der eigenen Stellungnahme. Wenn ich verführt werde, heißt das, ich willige ein in die Verführung, ich lasse mich verführen, ich sage "Ja!". Würde ich nicht mehr "Ja" sagen, würde ich Widerstand leisten, dann könnte ich auch nicht verführt werden!

Das ist ja auch für die heutige Situation des Glaubens in der Kirche, für den grassierenden Modernismus ganz wichtig: Man kann nicht einfach sagen, die Menschen des einfachen Volkes sind schuldlos. Das kann man nicht sagen, so sehr man mit Recht sagt, sie seien nicht die eigentlich Verantwortlichen! Aber auch diese einfachen Menschen sind nicht schuldlos. Sie können erkennen, wenigstens an gewissen Punkten, dass das und das und das nicht recht ist, und dass sie hier Widerstand leisten müssten und dass sie nicht einwilligen dürften in diese Vorgänge und in die Verführung!

Ich darf noch einmal anknüpfen: Der Mensch ist ursprünglich gut und heilig erschaffen. Ich hatte schon beim letzten Mal angedeutet: Wir wollen besonders über den Sinn der Freiheit sprechen. Denn es ist ja gerade der Vorzug des Menschen, der einmalige Vorzug, der ihn von allem anderen Leben unterscheidet, dass er, dieser Mensch, ein freies Wesen ist!

Man hat leider aus der heidnischen Antike eine Formulierung, eine Definition des Menschen übernommen, auch in den christlichen Jahrhunderten, die völlig falsch ist. Man hat nämlich gesagt, der Mensch ist ein „animal rationale", ein "vernünftiges Lebewesen". Dann würde das heißen, das Leben hat er mit Pflanzen, mit Tieren gemeinsam, hinzu kommt nur noch die Vernunft. Das ist aber eine falsche Bestimmung. Das vernünftige Leben ist ein generell und prinzipiell vom animalischen Leben des Tieres, vom organischen Leben der Pflanze wesentlich unterschiedenes Leben. Man muss sich immer fragen: Spreche ich, wenn ich vom Leben spreche, den Begriff Leben erwähne und im Munde führe, spreche ich hier vom geistigen Leben, vom Vernunftleben des Menschen oder vom animalisch-biologischen Leben außerhalb der Vernunftnatur. Und das ist prinzipiell etwas anderes. Das moralische Leben, das moralische Handeln, das moralische Verhalten erhebt den Menschen prinzipiell und wesentlich über das Tier. Das Tier kann nicht gut handeln oder böse handeln, das Tier folgt seinem Instinkt. Der wesentliche Unterschied des Menschen ist, dass er frei ist! Gott hat den Menschen in Freiheit erschaffen. Das ist die zentrale Aussage der Schöpfungslehre, und der Mensch ist gerade deshalb, weil er frei ist, Ebenbild Gottes, hat diesen Vorzug, diesen wesentlichen, prinzipiellen Vorzug vor aller anderen Kreatur!

Und Gott offenbart sich diesem Menschen darin, dass der Mensch in seiner Freiheit den Willen Gottes erfüllen soll! Soll der Mensch den Willen Gottes erfüllen, und zwar nicht als Marionette, nicht als Automat, nicht als Mechanismus, sondern in und aus Freiheit, muss Gott den Menschen tatsächlich und wahrhaft frei erschaffen! Und mit dieser Möglichkeit der Freiheit ist auch die Möglichkeit einer Entscheidung gegen Gott gegeben!

Ursprünglich ist der Mensch gut erschaffen, und er soll auch in dieser Güte verharren, er soll den Willen Gottes gerade erfüllen, er soll dem Willen Gottes entsprechen und das Böse vermeiden und das Gute tun! Aber - auf Grund seiner Freiheit kann der Mensch sich gegen Gott auflehnen und die Erfüllung des Willens Gottes verweigern! Und wir wissen: Er hat es getan! Dieses unfassbare Ereignis, dieses Mysterium der Sünde Adams und Evas, das ja, wie wir schon erwähnt haben, diese unfassbaren Folgen für die ganze Geschichte des menschlichen Geschlechtes hat, die wir ja heute auch so massiv erleben!

Ich darf noch darauf hinweisen: Sie sehen hier, wenn Sie darauf achten, dass der Mensch als Vernunftwesen frei erschaffen ist, dass diese Schöpfung des Menschen eine viel wunderbarere Schöpfung ist als die Schöpfung der einfachen Materie oder die Schöpfung der pflanzlichen oder der tierischen Welt, so sehr diese Schöpfung ja wunderbar ist, gar keine Frage! Aber noch wunderbarer ist die Schöpfung der Menschen!

Ich höre immer wieder die Äußerung der Verwunderung, dass Gott, der Geist ist, die materielle Welt erschaffen hat. Das ist gar nicht das eigentliche Mysterium! Das viel größere Mysterium ist, dass Gott Wesen erschafft außer sich, die wahrhaft frei sind! Die die Möglichkeit haben, sich gegen Gott, die Quelle des Lebens, zu entscheiden! Das ist ein viel größeres Geheimnis und Mysterium, als dass Er Dinge schafft, die doch letztlich tot sind! Auch die Tiere haben keine Vernunft und vor allem keinen freien Willen.

Der Mensch ist dadurch, dass er einen freien Willen hat - wenn ich das einmal so sagen darf, verstehen Sie es bitte richtig! - ein "kleiner Gott". - Er ist ein "kleiner Gott", er ist nicht Gott! - Warum? Er kann sich aus sich verhalten, wie erwill . Er hat eine Freiheit, eine Möglichkeit der Entscheidung, die allein seine ist, nicht die von Gott! Würde Gott darüber verfügen, dann wäre der Mensch nicht Geist! Aber Gott gibt dem Menschen eine Sphäre der eigenen Entscheidung, damit er sich in Freiheit für Gott entscheidet! Und gewissermaßen könnte man die Schöpfung schon als Offenbarung bezeichnen: Gott offenbart sich dem Menschen als Gott. Deshalb findet sich ja auch der Ausdruck im biblischen Schöpfungsbericht, der Mensch sei Ebenbild Gottes! Nach dem Bild Gottes ist er, als Ebenbild Gottes erschaffen!

Wir wissen aus der Offenbarung, dass die Offenbarung Gottes mit der Schöpfung beginnt, dass sie sich immer wieder in Bundesschlüssen - denken Sie an Noe -, mitteilt, dass Gott sich dem Menschen mitteilt und ihn zur Verbindung, zur Gemeinschaft mit Ihm aufruft! Und besonders erleben wir ja nach dem Sündenfall den Bundesschluss mit Abraham. Der Segen Abrahams soll allen Völkern zuteil werden. Das ist ja die Verheißung, die auf dem Bundesschluss mit Abraham ruht. Und dieser Bundesschluss findet seine Vollendung, auch davon habe ich beim letzten Mal schon gesprochen, im Neuen Bunde, in dem Gott sich ja vollkommen offenbart! Er offenbart sich in Seinem Sohn!

Der Sohn Gottes ist wahrer Gott! Wie Sie aus dem ersten, bedeutendsten Konzil der ganzen Kirche in Nizäa 325 n.Chr. wissen: Hier ist ein für allemal festgestellt worden, dass Jesus Christus gleichwesentlich dem Vater ist. Consubstantialis - gleichwesentlich dem Vater! Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater! Das sind die Aussagen, die 325 in das Credo, das die Kirche bis heute betet, aufgenommen worden sind!

Und hier erkennen wir, dass das tatsächlich der Zielpunkt, der Endpunkt, die Vollkommenheit der Offenbarung Gottes ist! Denn wenn man von Offenbarung spricht, heißt das: Gott offenbart sich selbst! Er offenbart nicht "Etwas", nicht Gedanken, nicht Willensinhalte, die von Ihm verschieden sind, sondern Er offenbart sich selbst! Er offenbart sich in Seinem Ebenbild, das heißt: In Seinem Sohn! Und dadurch hat der Charakter der Geschichte mit dem Erscheinen Jesu Christi eine ganz wesentlich andere Gestalt gewonnen! Denken Sie an den Anfang des Hebräerbriefes, wo es klassisch heißt in der Entgegensetzung der beiden Zeiten: "Früher hat Gott auf vielfache Weise und vielmals zu den Vätern durch die Propheten gesprochen. In dieser Endzeit hat Er aber zu uns gesprochen durch Seinen Sohn!" (Hebr. 1,1f.) Und in diesem Sohn enthüllt sich Gott, wie Er in sich ist! "Wer mich sieht, sieht den Vater!" (vgl. Joh.14,9) Und das heißt: Gerade hier ereignet sich die vollkommene Offenbarung! Denken Sie an das Evangelium, an den herrlichen Text aus dem Lukasevangelium, wo der Herr die Jünger selig preist, zu sehen von dem, was Propheten und Könige vor ihnen zu sehen begehrten, ohne dass ihnen diese Sehnsucht erfüllt wurde (vgl. Lk.10,24)!

Ich habe beim letzten Mal auch schon ausgeführt, dass der Sinn dieser Offenbarung in Jesus Christus zugleich die Erlösung beinhaltet. Jesus Christus ist das "Lamm Gottes" (vgl. Joh. 1,29.37), das von Gott geschenkt ist, um die Erlösung der Menschen von der Sünde zu wirken und zu ermöglichen. Der positive Sinn der Offenbarung - ich habe jetzt im Negativen die Befreiung von der Sünde erwähnt -, der positive Sinn der Offenbarung Gottes in Jesus Christus ist aber, den Menschen die Möglichkeit zu erschließen, Gott zu lieben! Und zwar in einer Form, die bis dahin nicht möglich war! Gott wird jetzt sichtbar Mensch, und jetzt kann ich Gott in der Form lieben, wie eben Menschen lieben, die eine Gemeinschaft unter Menschen suchen, und in der Form der Gemeinschaft unter Menschen gerade auch sich untereinander lieben können! In dieser Weise kann ich jetzt Gott in Jesus Christus konkret lieben!

Hiermit ist eine einzigartige Möglichkeit erwachsen: Ich kann jetzt Gott, die Liebe selbst, lieben! Ich muss nicht mehr einen anderen lieben, um die Liebe realisieren zu können, ich kann Gott selbst jetzt unmittelbar und konkret lieben und kann damit eine zwischenpersönliche, eine interpersonale Beziehung mit dem Sich offenbarenden Gott haben und gewinnen! Das ist die Möglichkeit, die vor allem die Menschen, die um des Himmelreiches willen auf die Ehe verzichten, ja gerade für sich gewählt haben! Eine Möglichkeit, die erstmalig mit der heiligen Jungfrau Maria in Erscheinung getreten ist. Deshalb ist sie auch mit Recht die Königin der Mönche, der Ordensleute und der Priester, die in der Nachfolge das auch an ihrer Stelle zu realisieren suchen.

Wir sehen auch hier - ich habe das auch beim letzten Mal an ein oder zwei Stellen erwähnt: Gäbe es nicht die Kirche und deren Sakramente, durch die diese Möglichkeit der unmittelbaren Beziehung der Liebe zu Jesus Christus auch den entfernt lebenden Menschen, auch uns heute, die wir 20 Jahrhunderte von Christus entfernt leben, - gäbe es diese Möglichkeit der Vergegenwärtigung Christi nicht in der Kirche, dann wären wir abgeschnitten! Christus hätte, sagen wir bis zum Jahre 33 oder 34, gelebt. Wir könnten allenfalls durch historische Dokumente, etwa durch die Heilige Schrift davon Kenntnis haben, aber die unmittelbare Beziehung wäre nicht möglich! Das ist ja etwa die Vorstellung vom Glauben, die Luther hatte und die der Protestantismus im Anschluss an Luther als wesentlich und typisch betrachtet!

Der Katholizismus geht viel weiter, ist viel revolutionärer: Das Entscheidende ist hier die Gleichzeitigkeit mit Jesus Christus durch die Kirche! So können wir Jesus Christus auch heute begegnen! So kann ich im sakramentalen Leben eine zwischenpersönliche, eine interpersonale Gemeinschaft der Liebe mit Jesus Christus haben und im Alltag konkret aus der Liebe mit Jesus Christus leben! Eine einzigartige Möglichkeit!

Wir sind noch dabei, den Sinn der Freiheit, die Gott dem Menschen geschenkt hat, zu erörtern. Sie sehen jetzt hier: durch die Offenbarung Gottes in Seinem Sohn wird der Sinn der Freiheit des Menschen noch deutlicher. Hier zeigt sich: der Mensch ist in Freiheit geschaffen, um auf die Offenbarung der Liebe Gottes in Seinem Sohn in der positiven Antwort auf diese Liebe Gottes sich zur Liebe zu entscheiden! Und die Antwort der Liebe auf die Liebe Gottes gerade zu geben! Das ist eine überaus herrliche und erfüllte Möglichkeit des Menschen, die man heute leider fast überhaupt nicht mehr sieht! Und doch findet der Mensch erst auf diesem Wege und in dieser Einstellung der Antwort auf die Liebe Christi seine wahre Erfüllung - findet er das Heil!

Die Menschen rebellieren heute in so einem großen und weiten Maße, vor allem die Jugendlichen, und sie müssen rebellieren - ich habe auch das öfter schon betont -, weil sie Gott nicht mehr kennen und weil sie die Möglichkeit, die die Offenbarung Gottes dem Menschen erschließt, gar nicht mehr kennen, beziehungsweise nicht wollen und ablehnen! Und dann muss man revoltieren, dann muss man "Nein!" sagen zu allem, was einem begegnet! Denn all die Möglichkeiten dieser Schöpfung, sie mögen noch so groß und faszinierend sein, sind im Vergleich zu dieser Möglichkeit, die der Mensch hat und die er gewinnt, deren er ansichtig wird, wenn er die Offenbarung der Liebe Gottes erfährt, geradezu nichts! Geradezu nichts, sinnlos! Der Mensch gewinnt erst sein Fundament, gewinnt erst seinen eigentlichen Lebensinhalt, seine eigentliche Erfüllung, seine Sinn-Erfüllung dort, wo er die Liebe Gottes erfährt und wo er in und aus Freiheit die Antwort der Liebe auf die Liebe Gottes vollzieht und dadurch die Gemeinschaft mit Gott, die Gemeinschaft in der Liebe mit Gott findet!

Ich muss jetzt noch darauf hinweisen - und Sie sehen sicher den Zusammenhang: Die Stiftung der Kirche ist ja schon eine Stiftung aus dem Heiligen Geist! Alles, was die Kirche tut, geschieht aus der Kraft der Gnade des Heiligen Geistes! Gott offenbart sich nicht nur in Seinem Sohne, sondern Gott offenbart sich darüber hinaus in der Sendung, in der Gabe des Heiligen Geistes, der das Herz des Menschen erfüllt und der als Dritte Göttliche Person den Menschen zur Liebe aufruft und zur Liebe befähigt!

Hier sehen Sie etwas, was christlich ganz klar ist: dass der Mensch nicht aus sich lieben kann! Er kann erst aus Gnade lieben. Und das heißt: er kann erst dadurch, dass ihm der Heilige Geist, die Gnade, die Gabe des Heiligen Geistes geschenkt wird, lieben und kann in dieser Gnade des Heiligen Geistes dem Aufruf der Liebe Christi entsprechen und dadurch den Bund mit Christus gerade schließen! Sie sehen hier etwas für die christliche Offenbarungslehre sehr Wesentliches, nämlich die Auffassung von der Trinität! Wäre Gott nicht trinitarisch (dreieinig oder dreifaltig), dann könnte Er sich nicht offenbaren! Der Monotheismus etwa des Islam ist ein solcher Monotheismus, der keine Offenbarung zulässt! Streng genommen könnte man nicht einmal davon sprechen, dass "Allah" sich durch "Propheten", deren Muhammed einer ist oder der entscheidende ist, offenbaren kann! Denn Gott bleibt (hier) in sich, er bleibt für sich, so wie etwa antike Autoren, Philosophen auch gesagt haben, es vertrage sich nicht mit der Erhabenheit des Gottesbegriffes, dass Gott sich der Menschen erbarmt! So hat ein antiker heidnischer Philosoph Celsus (2. Jhdt.) ein großes Buch gegen das Christentum geschrieben und hat gesagt, es sei Gottes unwürdig, sich der Menschen zu erbarmen! Die Barmherzigkeit wird hier eben als ein minderwertiges menschliches Motiv betrachtet!

Im Christentum ist gerade das Entscheidende: Gott ist die Liebe, Gott offenbart sich als Liebe! Und diese Offenbarung der Liebe zeigt sich in Seinem Sohn, zeigt sich auch im Heiligen Geist! - Sie sehen hier, Gott könnte sich nicht offenbaren, Er könnte sich vor allem auch als Liebe nicht offenbaren, wäre Er nicht wirklich trinitarisch! Und gerade dadurch, dass Er trinitarisch ist, kann diese Offenbarung der Liebe geschehen und kann der Mensch durch die Offenbarung der Liebe in die Liebe Gottes, in die innertrinitarische Liebe Gottes einbezogen werden! - Denken Sie an die große Äußerung im Johannesevangelium, wo der Herr sagt: Wenn einer meine Gebote hält, meinen Willen tut, werden Wir zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen (vgl. Joh. 14,23). Das ist genau der biblische Ausdruck dieser Wahrheit, von der ich jetzt spreche: Der Mensch wird einbezogen in die trinitarische Liebe! Und gerade dadurch erhält er eine Möglichkeit - in der mittelalterlichen Theologie sprach man von der Übernatur, an der der Christ durch die Gnade des Heiligen Geistes in der Erlösung Christi teilhat - dadurch erhält der Mensch eine Möglichkeit, die er aus sich überhaupt nicht hat! Und die er aus sich überhaupt nicht gewinnen kann!

Die Offenbarung ist eine Mitteilung Gottes, die in der Gnade und durch die Gnade geschenkt wird! Der Mensch kann sie aus sich nicht haben, er muss sie empfangen! Ganz wesentlich! Aber das Entscheidende ist: Er kann sie empfangen! Er kann an der Übernatur teilhaben und kann dadurch einen Rang, eine Höhe des Lebens gewinnen, die ihn buchstäblich Gott ähnlich macht!

Denken Sie noch einmal - ich habe es wiederholt und sehr gern immer wieder zitiert, diese Äußerung des heiligen Athanasius: Gott wird Mensch, damit der Mensch Gott wird, Anteil an Gott erhält! Das ist ja auch der Inhalt des Gebetes bei der Opferung, bei der Mischung von Wasser und Wein: Du hast den Menschen wunderbar erschaffen und noch wunderbarer erneuert. Lass uns durch das Geheimnis dieses Wassers und Weines teilhaben an der Gottheit dessen, der Sich herabgelassen hat, unsere Menschennatur anzunehmen! Denken Sie auch an die Äußerung im zweiten Petrusbrief (1,4), dass wir "der Natur Gottes teilhaftig werden" sollen!

Und hier sind wir jetzt wieder beim Menschen, beim christlichen Menschenbild. Ich sagte schon zu Anfang: im Gegensatz zur modernen philosophischen, auch theologischen Äußerung, denken Sie an Rahner, Feuerbach und so weiter, wo Gott das Ebenbild des Menschen ist, ist im Christlichen gerade der Mensch Ebenbild Gottes! Und hier, in der Erlösung des Neuen Bundes, sehen wir, was das heißt: er ist durch die Erlösung Jesu Christi von der Sünde frei geworden, durch die Gnade des Heiligen Geistes hat er an der Liebe teil und realisiert in der Kraft des Heiligen Geistes gerade diese Liebe!

Hier wollen wir jetzt für heute schließen. Ich werde beim nächsten Mal noch etwas näher auf die Trinität eingehen und gerade die grundlegende katholische Wahrheit, dass Gott Einer ist in Drei Personen, dass die drei Personen in der Einheit des Wesens wirklich sind! Darüber möchte ich noch sprechen - das ist eigentlich das Geheimnis der Geheimnisse, das Geheimnis der Trinität! - und möchte Ihnen gerade damit das spezifisch Christliche der wahren Gottesauffassung, das spezifisch Wahre in der christlichen Gottesauffassung, nahe bringen!

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Amen.
 
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