Die Schrecken der Einheit der Welt
- Nur Individuen können zum Glauben
zurückfinden, Völker nicht: Zum 150. Todestag von Juan Donoso Cortés,
Marquès de Valdegamas (1809 - 1853) -
von Günter Maschke
(in: JUNGE FREIHEIT vom 2.5.2003)
"Wenn die Liberalen vor der Frage stehen: Jesus oder Barrabas?, dann
beantragen sie Vertagung des Parlaments." Ähnlich berühmt wie dieses
Bonmot Juan Donoso Cortés ist seine Definition der Bourgeoisie: Unfähig
zum Befehlen wie zum Gehorchen ist sie eine des verächtlichen Spottes
würdige "diskutierende Klasse". Der zentrale Gedanke Donosos aber, so
hat es uns sein wiederentdeckter Carl Schmitt gelehrt, ist, daß alles
ankomme auf eine reine, nicht räsonierende und nicht diskutierende, aus
dem Nichts geschaffene absolute Entscheidung: Potestas, non veritas
facit legem (die Macht, nicht die Wahrheit schafft das Gesetz),
um Thomas Hobbes' Satz verdeutlichend abzuwandeln. Das aber, so
Schmitt, sei wesentlich Diktatur und nicht legitimiert.
Tatsächlich hat niemand mit solch rhetorischer Wucht das Ende des
Zeitalters der Diskussion verkündet wie Donoso Cortés. Doch dabei wird
fast stets vergessen, daß hier ein früherer Liberaler sprach, der den
klarsichtigen Haß des Renegaten geworben hatte. Der Verwandte des
großen Hernán Cortés war bis 1847 der brillanteste Verfassungsrechtler
der spanischen Liberalen. Wichtiger: Er war ein mit allen
parlamentarischen Wassern getaufter Führer der moderados, zumindest das
intellektu-elle Prunkstück dieser liberal-konservativen Partei. Deren
bedeutendstes Interesse war es, in Ruhe, Ordnung und Sicherheit sich
dem Genuß der von ihr eher geraubten denn gekauften Kirchen- und
Klostergüter hinzugeben.
Gerade weil Donoso, am 6. Mai 1809 in Valle de la Serena in der
Extremadura geboren und im nahen Don Benito aufgewachsen, einer der
reichsten Familien der Region angehörte, konnte er zum Wortführer
dieser Partei von Säkularisationsgewinnlern aufsteigen, die alle
anderen politischen Gruppen vom Zugriff auf die Beute abhielt und dabei
die konservative Flagge der erworbenen Rechte schwenkte. Dies verband
sich bei ihm mit treuem Epigonentum gegenüber den Ideen der
französischen "doktrinären Liberalen" um François Philippe. Sie
stellten mit großem Pathos die moralisch-intellektuellen Pflichten der
über Besitz und Bildung verfügenden Klasse heraus. Krude, jedoch
zutreffend ließ sich das übersetzen mit: "Bereichert Euch!"
Der junge Abgeordnete glaubte, wie seine französischen Vorbilder, an
die wohltätige Wirkung des Wahlzensus, an die gegenseitige Kontrolle
der um die Wahrheit ringenden pouvoirs, an die Segnungen der Herrschaft
der Intelligenz. Er glaubte an die Diskussion, mittels derer sich die
Parlamentarier, vernünftig argumentierend, zu überzeugen suchten. Ja,
er glaubte an die Utopie, daß eines Tages Gewalt und Politik
verschwänden.
Da verschlug es wenig, daß ab 1808 die spanische Wirklichkeit ganz
anders aussah. Nachdem das Land den zerrüttenden Krieg mit Napoleon
hinter sich hatte, rissen sich die meisten Kolonien von ihm los. Die
Carlistenkriege forderten ihre Opfer ebenso wie die absolutistische
Reaktion Fernandos VII. Schließlich kam es zu den endlosen, gewaltsamen
Konflikten zwischen den moderados und den linksliberalen progresistas,
deren genauere Erfassung den Historikern versagt blieb. In den
zahllosen Aufständen und Offiziersrevolten wurde die Brüderlichkeit
proklamiert, aber von ihr blieb nur der cainismo (von Kain) übrig.
Zugleich kündigte sich der Sozialismus auch in Spanien drohend an und
eine rapide Verarmung griff um sich - auf dem Lande durch die von
Massenentlassungen und Bauernlogen begleitete Säkularisierung
verursacht, in den Städten durch die vorerst scheiternde
Industrialisierung und ihre Spekulationsfieber bedingt.
Posaunen der Aufklärung und des Humanitarisinus
Doch im Parlament fiel es nicht schwer, den schönen Schein zu erhalten.
Während draußen die Parteiungen einander die Hälse durchschnitten,
erklangen hier die Posaunen des Humanitarismus und der Aufklärung (wenn
auch meist disharmonisch), hier durfte der Dialog, befrachtet mit
Drohungen, Erpressungen und Korruptionen aller Art, nicht aufhören,
wollte man sich der behaglichsten aller Geborgenheiten, der
Handlungsverhinderung, nicht entledigen. Das Philiströse
Wir-können-über-alles-reden bedeutete, daß man über das Wichtige nicht
sprach.
Zugleich lösten sich die durch organisierten Wahlbetrug entstandenen
Mehrheiten bei den geringsten Meinungsunterschieden in übereinander
herfallende Fraktionen auf, um tags darauf so repressive wie hilflose
Regierungen zu gebären: der anarchische Liberalismus raubte dem
anarchischen Autoritarismus die physische, dieser jenem die legale
Kraft.
Radikale Absage an den Liberalismus
So zeigte sich auch in Spanien die Schwäche einer Klasse, die, in der
Revolution wurzelnd, an ihre Beendbarkeit glaubte. Sie hatte die
haltenden Mächte durch ihr Räsonnement zersetzt und durch ihre
menschenfreundlichen Parolen wie durch ihre davon abstechende Praxis
der demokratischen wie der sozialistischen Bewegung die Wege geebnet.
Angesichts des Schreckens, der das ungewollte Kind ihrer Thesen war,
konnte die clase discutidora nur die Nützlichkeit der von ihr
gewohnheitsmäßig diffamierten Armee entdecken und auf die sänftigende,
den Konflikt entschärfende Kraft der von ihr jahrzehntelang
gedemütigten Kirche hoffen.
Donosos Hinwendung zum Glauben entschlägt sich solchem
Nützlichkeitsdenken. Sie erfolgt 1847 und ist verbunden mit einer
scharfen, vollständigen Absage an den Liberalismus. Auf dem Höhepunkt
seiner politischen Karriere - seit 1840 ist er der engste Berater der
Regentin, der Königin-Mutter Maria Christina und trägt 1843
entscheidend zur Inthronisierung von deren Tochter Isabella II. bei -
steigert sich seine Radikalität derart, daß er sich zur eigenen
politischen Tat unfähig fühlt und das Angebot, Regierungschef zu
werden, ausschlägt: er sei weder fähig, die Diktatur abzulehnen, noch
sie auszuüben.
Angesichts der von ihm prognostizierten, fast ganz Europa bedrohenden
Revolution, in der für ihn der religiöse Niedergang seinen blutigen
Ausdruck findet, ist er nur noch imstande, Diagnosen zu formulieren:
"Für die heutige Gesellschaft, die im Sterben liegt, hat der Todeskampf
begonnen. Das ist das Ergebnis der menschlichen Zivilisation, die vor
drei Jahrhunderten begann und heute zu Ende geht. "Die Zivilisation
göttlichen Ursprungs und katholischen Charakters hätte unserem Erdteil
diesen frühen, schmachvollen Tod erspart und Europa eine ewige Jugend
geschenkt", heißt es in einer späteren Depesche. Der Tod des
Lieblingsbruders Pedro und die Freundschaft mit dem Musiker Santiago
Mesarnau bilden nur den individuellen Grund, daß er den Glauben
wiedergewinnt. Doch wie er des öfteren betont: Die Individuen können
zum Glauben zurückfinden, die Völker, einmal abgefallen, nicht.
Mit jedem Schritt, den die Menschen unternehmen, um nicht mehr
Gottes Knechte zu sein, verlieren sie ein Stück der ihnen zugedachten
Herrschaft über die Erde und werden zum Schluß, in der für Donoso
bereits beginnenden Endzeit, Sklaven eines "gigantischen, kolossalen,
universellen, unmeßbaren Tyrannen". Kennzeichen dieser Despotie des
Antichristen, der die Eine Welt will, in der weder Mühen noch Tränen
sein sollen, Frieden und Sicherheit, und in der kein Blut mehr fließen
darf, wird es sein, "daß das Blut selbst aus den harten Felsen sprudeln
wird." Der Gläubige wird die Katastrophe gelassen hinnehmen, weil er in
ihr das unabwendbare Strafgericht Gottes sieht und den ihm auf-erlegten
Kampf gegen den "Kataklysmus" durchfechtet, wissend, daß er besiegt
wird, weil auf Erden stets das Böse siegt. Aber er wird in diesem
aussichtslosen Kampf zum Manne reifen und sich die toga virilis
erwerben.
Am 4. Januar 1849 betritt Donoso die Tribüne der Cortés und hält jene
Rede, von der der sonst allzu gern in Superlativen schwelgende Carl
Schmitt zu Recht sagte, daß sie "die großartigste Rede der
Weltliteratur" sei: die "Rede über die Diktatur". Die Regierung des
Generals Narváez, die soeben die Aufstände in Madrid, Barcelona,
Valencia und Sevilla niedergeschlagen hatte, wollte vom Parlament die
Zustimmung, verschiedene Verfassungsgarantien für neun Monate aussetzen
zu können. Damit bleib sie streng im Rahmen einer legalen,
kommissarischen Diktatur.
Kaltblütiger Politiker und feuriger Redner
Aber der frio politico, der kaltblütige Politiker, der Donoso gewesen
war und der er ab 1849, als Botschafter in Berlin und später in Paris,
wieder sein sollte, wurde jetzt zum cálido retórico, zum feurigen
Redner, der die realen Ereignisse mit barocker, pathetischer Wucht
überhöhte und sie zu Momenten einer Geschichtstheologie vom konstanten
Niedergang der europäischen Gesellschaft erklärte. Seine unmittelbar
politische Botschaft war einfach:"Wenn die Legalität genügt, die
Gesellschaft zu retten, dann die Legalität. Wenn sie nicht genügt,
bleibt nur die Diktatur."
Damit war Narváez' Anliegen - wohl bewußt - verfehlt, aber hier findet
sich schon der Keim einer Theorie der "legalen Diktatur", die Donoso
als erster formulieren sollte. Da die Diktatur des Dolches drohte, die
des Aufstandes, entschied sich Donoso für die Diktatur der Regierung,
für die des Säbels. Der Säbel des Narváez erschien hier als Werkzeug
des kat-echon gegen die herannahende Herrschaft des "gigantischen,
kolossalen, universellen Tyrannen".
Aber das wirkliche Zentrum der Rede war das Thermometer-Gleichnis: Je
weiter der Wahn des Ihr-werdet-sein-wie-Gott sich befestigte, desto
mehr wurde die Geschichte vermeintlich zunehmender politischer Freiheit
eine der zunehmenden Versklavung.
"Zwischen Jesus und seinen Jüngern gab es keine andere Liebe als die
des Meisters zu seinen Schülern und als die der Schüler zu ihrem
Meister. Als die innere, religiöse Repression vollkommen war, war die
Freiheit absolut. Es kommt zu den apostolischen Zeiten. In diesen
Zeiten befand sich die Religion, das heißt, die innere Repression auf
ihrer ganzen Höhe, aber ein Keim begann sich zu entwickeln, ein Keim
der Schamlosigkeit und der Freiheit von der Religion. Diesem Anfang des
Abstiegs im religiösen Thermometer entsprach ein Anfang des Aufstiegs
im politischen Thermometer. So gab es in der christlichen Gesellschaft
keine wirklichen Behörden, sondern Schiedsrichter und freundschaftliche
Vermittler, die der Embryo einer Regierung sind."
Entsetzen vor der Entortung und Formlosigkeit
Und weiter heißt es bei Donoso: "Es kommen die feudalen Zeiten. Nun ist
schon eine effektivere Regierung nötig, aber die feudale Monarchie, die
schwächste aller Monarchien, genügt noch. Wir kommen zum 16.
Jahrhundert. In diesem Jahrhundert, mit der großen Reformation Luthers,
mit diesem politischen, sozialen und religiösen Skandal, werden die
feudalen Monarchien absolut. Weil das religiöse Thermometer tiefer
fiel, mußte das politische Thermometer höher steigen. Und was für eine
neue Institution wurde geschaffen? Die der stehenden Heere. Es genügte
den Regierungen nicht, absolut zu sein; sie verlangten, eine Million
Arme zu haben. Trotzdem war es nötig, daß das politische Thermometer
weiter stieg, weil das religiöse Thermometer weiter fiel. Und die
Regierenden sagten: Wir haben eine Million Arme, wir müssen eine
Million Augen haben. Und sie bekamen die Polizei. Dann wollten sie eine
Million Ohren haben. Und sie bekamen die Zentralregierung der
Verwaltung. Und dann sagten die Regierungen: Zur Unterdrückung genügen
uns eine Million Arme, eine Million Augen, eine Million Ohren nicht.
Wir benötigen das Vorrecht, uns zur gleichen Zeit an allen Orten zu
befinden. Und sie bekamen es. Und man erfand den Telegraphen.
Betrachten Sie die Analogien und daß, als die religiöse Repression auf
ihrer höchsten Höhe stand, keine Regierung nötig war, auch wenn keine
religiöse Repression vorhanden ist, keine Art von Regierung noch
genügen kann und alle Despotismen noch zu gering sein werden."
Der kommende Tyrann findet auf seinem Wege weder moralische noch
materielle Widerstände. Die Dampfschiffe und die Eisenbahnen heben die
Grenzen auf, der Telegraph und die Elektrizität die Entfernungen; der
Trieb zur Einheit, zur politischen, administrativen, kommerziellen,
industriellen sprachlichen Einheit wird zu einem Babel führen, daß so
enden muß wie das Babel der Heiligen Schrift. "Le futur, - c'est le
massacre!", pflegte Julien Freund auszurufen.
Dieses Entsetzen vor der Beschleunigung, Entortung, zunehmenden
Formlosigkeit des Geschehens ist der gemeinsame Nenner der
Geschichtspessimisten um die Mitte des 19. Jahrhunderts (belassen wir
es bei diesem Verlegenheitsausdruck), der das Unheil mitten in der
Fortschrittseuphorie ankün-digenden "Regenpfeifer", seien es nun
Donoso, Kierkegaard, Karl Vollgraff, Ernst v. Lasaulx, Baudelaire oder
Jacob Burckhardt oder ihr großer Nachfahr Henry Adams.
Doch nur bei Donoso bricht immer wieder eine vage Hoffnung auf eine
"religiöse Reaktion" aus, welche die das Ende einleitenden Wirren
hinausschiebt. Die Menschen hegen Verehrung nur für das Heilige und das
Starke, doch wie die Dinge stehen, kann nur die Stärke das Heilige
wieder in seine Rechte setzen, muß die Gewalt die Diskussion, deren
letztes Attribut das Chaos ist, beenden. Die Barbarei ist mit den
Büchern gekommen, die Zivilisation muß durch die Waffen neu etabliert
werden: die einzig wirkliche Zivilisation, die katholische. Insofern
steht Donoso jenseits der Legitimität, an die man glauben muß und die
dahin ist, wird über ihren Rechtsanspruch debattiert.
Kampf gegen die Ankunft des Antichrist
Dennoch ist sein Eintreten für die Diktatur kein bloßer Dezisionismus,
wie es der frühe Carl Schmitt behauptete: für Donoso war nicht so
wichtig, daß entschieden wurde, sondern wie. Gerade Thomas Hobbes, mit
dem Schmitt den Spanier zusammenbringt, wurde von diesem mit
Kommentaren bedacht, die man nur als Wutanfälle bezeichnen kann.
Der Herr wird kommen, in suo tempore, und die Ankunft des "Antichristen
ist eines der Zeichen, die seiner Parusie vorausgehen. Es ist eines der
Paradoxa des Christentums, daß der Gläubige das Ende herbeizusehnen
hat, daß er aber verpflichtet bleibt, so erfolglos wie mannhaft gegen
die Ankunft des Antichrist zu kämpfen. Dies macht die flackernde
Spannung den das Spätwerk Donosos durchwaltenden "Widerspruch" aus und
auch das Nebeneinander von Handlungslähmung und dezisionistischer
Gebärde. Gerade diese Spannung und dieser Widerspruch, der Abdruck des
verzweifelt-hoffenden Lebens eines Todkranken, der sah, daß die
Religion der absoluten Humanität nur in Blutbädern enden kann, darüber
aber nicht in die Sarkasmen seines Vorbildes Joseph de Maistre verfiel
- sie sind das immer wieder Anziehende wie Abstoßende an Donoso, mit
dem man nie fertig wird.
Diese Spannung durchzieht auch Donosos Hauptwerk, den 1851
erscheinenden "Essay über den Katholizismus, den Liberalismus und den
Sozialismus". Bei aller politisch-rhetorischen Schärfe enthält er
letztlich keine politische These mehr. Gewartet wird nur auf den
Zusammenstoß der beiden einzig konsequenten Theologien: dem
Katholizismus und dem atheistischen Sozialismus. "Der Sozialismus ist
stark, weil er eine Theologie ist, und er ist zerstörerisch, weil er
eine satanische Theologie ist. Durch das, was die sozialistischen
Schulen an Theologischem haben, setzen sie sich gegenüber der liberalen
Schule durch, die antitheologisch und skeptisch ist; durch das, was sie
an Satanischem haben, unterliegen sie der katholischen Schule, die
theologisch und göttlich zugleich ist. Die Instinkte der Sozialisten
stimmen mit unseren Darlegungen überein, bedenkt man, daß sie den
Katholizismus hassen, den Liberalismus aber nur verachten."
Der Spanier hatte die Geduld Gottes unterschätzt
Gerichtet werden soll also zuerst der, der unfähig ist zum Guten, weil
ihm zum Aufbau jede dogmatische Grundlage fehlt und der zugleich
unfähig ist zum Bösen, weil ihm jede tapfere Negation ein Greuel ist.
Gerichtet aber werden sollte er, so hoffte Donoso immer wieder, noch
auf Erden. "Die liberale Schule, zugleich Feindin der Finsternis und
Feindin des Lichts, hat sich im ungewissen Dämmer eines Niemandslands
postiert und mit dem aberwitzigen Unternehmen begonnen, ohneVolk und
ohne Gott zu regieren. Ihre Tage sind gezählt, dennn an einem Punkte
des Horizontes erscheint Gott, an einem anderen das Volk. Niemand wird
sagen, wo der Liberalismus geblieben ist an dem furchtbaren Tage, an
dem das Schlachtfeld erfüllt ist von den katholischen Phalangen und von
den sozialistischen Phalangen."
Der große Prognostiker, mit dem sich nur Tocqueville messen konnte, war
hier dem Franzosen unterlegen. Zwar kam es zu den von ihm
vorhergesehenen Bluthochzeiten und wird es auch weiter zu ihnen kommen.
Aber es kam auch zur Entropie und zu den Friedenssüchtigen in den
termitisierten Massendemokratien, die nur noch einen Feind kennen: den
Tod. Einen Blick für diese Art von Nihilismus, auswegloser als das
Pulsieren irrewerdender Gewalt, besaß er nicht; daß das ungewisse
Dämmer zur geliebten Heimat werden sollte, war ihm nicht vorstellbar.
"Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich
ausspeien", sagt die Offenbarung. Es kommt der Tag der radikalen
Verneinungen und der souveränen Behauptungen, so betonte Donoso gern.
Aber wird dies noch hier, auf der scheinbar festgegründeten Erde
geschehen? Der Spanier hatte wohl die Geduld Gottes unterschätzt, doch
das hatte er aus Liebe zu Gott getan. So starb er am 3. Mai 1853 in
Paris, und Graf Hübner, ein illegitimer Sohn Metternichs, der sein
Sterben miterlebte, schrieb über den Toten: "Er war ein Anachoret,
verloren in den öden Steppen der Diplomatie; ein Apostel, predigend zu
den Wilden in den Salons; ein Asket, in der goldbestickten Uniform
eines Botschafters."
* * *
Zur Person des Autors:
Günter Maschke lebt als Privatgelehrter und Publizist in
Frankfurt am Main. Er ist Übersetzer und Herausgeber von Donoso Cortés'
Essay über den Katholizismus, den Liberalismus und den Sozialismus (2.
Aufl., Akademie Verlag, Berlin 1996) sowie von "Über die Diktatur. Drei
Reden aus den Jahren 1849/50" (Karolinger, Wien 1996).
* * *
Nachwort der Redaktion:
Bedeutend für unsere Problematik der innerkirchlichen Zersetzung wurde
Cortés, der "Anachoret, verloren in den öden Steppen der Diplomatie",
der am 3. Mai vor genau 150 Jahren starb, aber nicht nur durch seine
berühmten Reden in den spanischen Cortes, sondern besonders durch seine
Denkschrift an Kardinal Fornari vom 19. Juni 1852, geschrieben knapp
ein Jahr vor seinem Tode, in der er sämtliche politischen, prinzipiell
falschen Positionen und Fehlentwicklungen im europäischen Raum auf
theologische Häresien zurückführte, wodurch nicht nur das politische
Geschehen, sondern auch das kirchliche Leben betroffen sein würde.
Wegen der Bedeutung auch für unsere Situation veröffentlichen wir diese
Denkschrift anbei.
Eberhard Heller
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