VON DEN NICHT-WÄHLERN
DER 'C'DU INS STAMMBUCH GESCHRIEBEN
Vorbemerkung:
Es ist normalerweise nicht Sache unserer Zeitschrift, politische
Ereignisse zu kommentieren. Wenn wir im folgenden den unverdächtigen
Kommentar der FAZ - einer Zeitung, die sicherlich keine christliche
Positionen vertritt - zum schlechten Abschneiden der 'C'DU bei den
Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen vom 12.5.85 abdrucken, dann nur,
um zu demonstrieren, wo eine ehemals christliche Partei landet, die
ihre ureigensten Prinzipien verraten hat: im Aus, denn ihre ehemaligen
Wähler sind parteipolitisch heimatlos geworden. Hier zeigt sich eine
Parallele zur sog. 'Amtskirche1: die wahren Gläubigen sind gezwungen,
sie zu verlassen.
E Heller
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AUCH EIN ERFOLG DER NICHTWÄHLER (aus FAZ vom 14.5.85). - In den
katholischen Landesteilen Nordrhein-Westfalens - und diese ziehen sich
wie ein nur gelegentlich durchbrochener Kranz um das Ruhrgebiet herum -
gibt es zwei Sieger: die Sozialdemokraten und die Nicht-Wähler. Gegen
beide hat die CDU verloren. Ihre Niederlage, soweit durch die SPD
verursacht, mag sie zu einem reichlichen Anteil auf den unglücklichen
Spitzenkandidaten Worms und auf die kaum glücklichere Darstellung der
Politik in Bonn zurückführen. Aber bei der Niederlage, die der CDU die
Nicht-Wähler bereitet haben, ist das nicht möglich. Und diese
Niederlage ist die weitaus schlimmere. Diese Landtagswahl hat drastisch
sichtbar gemacht, daß die CDU die Bindung an die katholische Kirche
verloren hat. Das Erbe, das nach 1945 die CDU im Rheinland und in
Westfalen vom Zentrum übernommen hatte und das sie lange Jahre hindurch
in kluger interkonfessioneller Praxis wahren und mehren konnte, scheint
nun verspielt zu sein. Das politische Denken der Katholiken und das
politische Erscheinungsbild der CDU gehen nicht mehr zusammen.
Konservative Katholiken lehnen die CDU-Politik wegen des Nichtstuns in
der Abtreibungsfrage ab. Progressive Katholiken haben sich wegen der
Themen Ausländerpolitik und Rüstungspolitik der Partei entfremdet. Ganz
entgegengesetzte Weisen, als Katholik politische Verantwortung zu
erkennen und wahrzunehmen, führen oft zu demselben Ergebnis: Abkehr von
der CDU. Es scheint, als habe diese Partei in ihren beiden Stammländern
den Boden unter den Füßen verloren. Ohne den Dialog mit den
katholischen Christen steht die CDU geistig im leeren Raum. Die SPD
lebt von der Tradition der Arbeiterbewegung und einer sich mit ihr
verbunden habenden Fortsetzung der Aufklärung. Die FDP lebt von dem
Anspruch, den sie auf die Tradition des Liberalismus erhebt. Für die
CDU aber gibt es keinen Konservatismus, der so selbstverständlich
auftreten könnte wie etwa die Tories in England. Für die CDU gibt es
außerhalb der älteren Verbindung Kirche - Zentrum kein historisch
ausgewiesenes konservatives Lager aus der Zeit vor 1945, vor 1933, vor
1914. Traditionsbildung, Stammwählerbildung für die CDU hat auf die
Grundlagen angewiesen, die sie nach 1945 gelegt hat, vor allem in
Nordrhein- Westfalen. Diese Grundlagen hat die CDU vernachlässigt,
vergessen. Hier und jetzt wird eine Wende in der CDU nötig sein. (J.B.)
Zur Erläuterung: Die CDU hat
die Wahlen u.a. deshalb verloren, weil ca. eine halbe Millionen
ehemalige CDU-Wähler den Gang zur Urne nicht mehr angetreten hatten. |